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Im Eis auf Nr. 90 sicher gehen

aus DER SPIEGEL 34/1979

Das Münchner Planungsbüro Dorsch Consult hat im Auftrag des Bundesforschungsministeriums eine Reihe stabiler Kisten ausgeschrieben, in denen man wohnen kann. Zum fensterlosen »Container Nr. 41« gehören beispielsweise »7,8 qm Teppich, Nadelvlies« sowie »1 St. Einbauwaschtisch« nebst »3 St. Glashalter« und »3 St. Seifenschalen«.

Die 9,83 Quadratmeter Grundfläche messende Kiste soll »Schlafen, Wohnen, Arbeiten für 3 Personen« sicherstellen, und zwar bei »durchschnittlichen Außentemperaturen« zwischen minus fünf und minus 25 Grad in der warmen Jahreszeit und zwischen minus 25 und minus 60 Grad im Winter.

Das Außergewöhnliche des Auftrages, zu dem neben Container-Kapazität für die Unterbringung von maximal 50 Personen weitere gut isolierte Behälter für Labors, Funkstation, Küche, Sauna, Kraftwerk und Wasseraufbereitungsanlage oder zum Beispiel Einrichtungen für die Beseitigung von jährlich 35 Kubikmeter Hausmüll und sechs Kubikmeter Fäkalien zählen, verdeutlicht auch die Ausschreibungsposition »Container Nr. 90«.

Diese Kiste ist als »Überlehensinsel« konzipiert. Falls ein Feuer oder eine Explosion Unterkünfte und Labors zerstört, sollen die Container-Bewohner auf Nr. 90 sicher gehen und auf Hilfe warten. Unter ungünstigen Umständen könnte das vier, fünf Monate dauern.

Die Kisten und ihr Inventar sind für einen unwirtlichen Winkel der Erde bestimmt, der auch im Raumfahrtzeitalter weder zu Wasser noch durch die Luft erreichbar ist, wenn sich die Südwinternacht über seine 27 Millionen Kubikkilometer Eismassen gesenkt hat.

Am Rande des siebenten Kontinentes genauer: Auf dem Filchner-Ronne-Schelfeis im Weddell-Meer, rund 2400 Kilometer hinter Kap Hoorn und etwa 1400 Kilometer vor dem Südpol -- sollen Gerät und Material im Februar/März 1981 zur ersten bundesdeutschen Antarktisforschungsstation zusammengefügt werden.

Das 20-Millionen-Projekt (ohne wissenschaftliche Ausstattung) gehört zu den Vorleistungen, mit denen sich Bonn in den kleinen Kreis der sogenannten Konsultativmitglieder des Antarktis-Vertrages von 1959 einkaufen will, dem es letzten Februar als zunächst einfaches Mitglied minderen Rechts beigetreten ist. Diese Exklusivrunde von zur Zeit 13 Nationen, die den kalten Kontinent rechtlich bislang eine »res nullius«, eine Sache, die keinem gehört -- verwaltet, eröffnet sich Neulingen, wenn sie »durch die Ausführung erheblicher wissenschaftlicher Forschungsarbeiten ... ihr Interesse an der Antarktis bekunden«.

Und zu forschen gibt es reichlich. Die eisbedeckte Antarktis, die fast 80 Prozent allen irdischen Süßwassers bindet, beeinflußt das Wetter großer Bereiche der Erde und bestimmt die Zirkulation in den Ozeanen. Wissenschaftlern liefert sie Erkenntnisse über die Klimageschichte der Erde »ebenso wie über Wechselwirkungen von Ozeanen und Atmosphäre. in der Antarktis entwickelten sich unter Gefriertruhenbedingungen Ökosysteme, die es sonst auf der Erde nicht gibt.

Zu dem Programm, mit dem Bonn das geforderte wissenschaftliche Interesse bekunden will, gehören neben der Errichtung der Station:

>Einrichtung eines Polarforschungs-Instituts, das die deutschen Aktivitäten in der Antarktis koordiniert und ursprünglichen Planungen zufolge längst etabliert sein sollte. Die Bundesregierung entscheidet wahrscheinlich im Frühherbst darüber, ob das Institut im SPD-regierten Land Bremen oder der Hauptstadt des CDU-regierten Landes Schleswig-Holstein angesiedelt wird. Für Kiel, wo es das renommierte Institut für Meereskunde gibt, sind die meisten Leute vom Fach.

* Bau eines Polarschiffes, das Forschungsminister Hauff über die Hamburgische Schiffbau-Versuchsanstalt ausschreiben ließ. Es soll als schwimmendes Antarktis-Labor operieren, aber auch als Versorgungsschiff für feste Stützpunkte. Ausgelegt als Eisbrecher und zum Beispiel ausgestattet mit einem Rechner, der die Manöver steuert, mit dem sich das Fahrzeug aus dem Packeis wieder freischaukeln kann, wird es bei rund 80 Millionen Mark Baukosten das größte und teuerste Forschungsschiff unter deutscher Flagge sein.

Als einfaches Mitglied hat eine Nation nur Pflichten aus dem Vertrag zu erfüllen, beispielsweise die Umwelt auf der Südkappe der Erde vor radioaktivem Müll zu schützen. Allein der enge Zirkel der Konsultativmitglieder hat dagegen das Sagen darüber, was auf und mit dem siebten Kontinent in Zukunft geschieht.

Denn das fast gänzlich mit einer mächtigen Eiskappe bedeckte Gebiet von der annähernd doppelten Größe Australiens ist nicht nur eine lebensfeindliche Einöde. Es birgt auch beträchtliche Ressourcen, die allerdings mit heutiger Technik noch nicht erschließbar sind, darunter Öl und Kohle, Eisen, Kupfer, das Metall Molybdän und Uran. Und der Kleinkrebs Krill, der in den antarktischen Gewässern zuhause ist, könnte Ernährungsprobleme der Menschheit lösen helfen.

Wenn die Neuankömmlinge aus der Bundesrepublik 1981 ihre Niederlassung im Weddell-Meer beziehen, stoßen sie auf eine Bevölkerung von mittlerweile neun Nationalitäten. Mehr als drei Dutzend ganzjährig oder nur während des Polarsommers besetzte Stationen werden bereits in der gleißenden Eiswüste jenseits des 63. Grades südlicher Breite unterhalten, etwa von Briten und Japanern, Russen und Amerikanern. Sie betreiben unter anderem den Stützpunkt »Amundsen-Scott«, eine 16 Meter hohe Aluminium-Kuppel mit Labors, aber auch Sauna und Pool-Billard für die Besatzung, unmittelbar am geographischen Südpol.

Konzipiert wurde die künftige deutsche Station nach dem Vorbild britischer und australischer Forscher-Behausungen als ein System von Stahlröhren, die durch Quertunnel miteinander verbunden sind; in ihnen sind die Wohn-, Labor- oder Küchen-Container angeordnet wie die Abteile eines Schnellzugwaggons (siehe Graphik auf dieser Seite). Das gesamte Röhrensystem wird unter zwei Meter schützendem Schnee vergraben. Nur Ausstiege, Lüftungs- und Abgasschächte, Antennen und ein Windgenerator sollen herausragen.

Einem Probeaufbau der Station in der Bundesrepublik und schließlich der Verschiffung südwärts geht allerdings noch eine »Pre-site-survey«, eine Standort-Expedition, voraus. Als Quartiermacher reisen im Dezember Ingenieure und Wissenschaftler mit dem gecharterten norwegischen ehemaligen Seehundsfänger »Polarsirkel« ins Wedell-Meer, um erst einmal den Baugrund und die logistischen Voraussetzungen für den deutschen Antarktis-Stützpunkt zu erkunden.

Denn wenn die Deutschen schon nicht die ersten Siedler auf der südlichen Eiskappe der Erde sind -- mit dem Filchner-Ronne-Eisschelf haben sie für ihre Niederlassung eine Gegend gewählt, die selbst für antarktische Verhältnisse als »ein in vieler Hinsicht schwieriger Standort« gilt -- so der Kieler Meeresbiologie-Professor Gotthilf Hempel, Vorsitzender des deutschen Landesausschusses des internationalen Wissenschaftlichen Rats für Antarktisforschung.

Die Packeisbarriere, in der sich Versorgungsschiffe festfahren könnten, ist dort breiter als anderswo. Schroff wie der Sandsteinfelsen Helgoland aus der Deutschen Bucht ragt dahinter die 50 Meter hohe Kante des Eisschelfs empor, in die wahrscheinlich zunächst einmal Rampen gesprengt werden müssen, bevor die Bauelemente der Station gelöscht werden können.

Überdies befindet sich das Terrain ständig in Bewegung; es wandert in der Horizontalen und verwirft sich, unter Spannung wie ein Erdbebengebiet, in der Vertikalen. Denn das Gelände besteht aus den aufgeschwommenen Ausläufern antarktischer Inlandsgletscher, die nun mit einer Geschwindigkeit von ein bis anderthalb Kilometer im Jahr seewärts driften -- auf der Rückseite vom stetig nachrückenden Festlandeis angetrieben, vorn allmählich in Tausende Eisberge zerbröselnd. Und mit Sicherheit wird die erste deutsche Antarktisstation als Bestandteil eines Eisberges ins Südmeer driften und versinken; dieses Ende ist eingeplant.

Durch ihr Gewicht und abgegebene Wärme wird sich das Röhrengeviert schon nach schätzungsweise acht Jahren -- bei einkalkulierten 100 Zentimeter jährlich -- so tief in den labilen Baugrund eingraben und mit dem wandernden Eisschelf so dicht an die seewärtige Abbruchkante fortbewegt haben, daß es geräumt werden muß.

Aber das Filchner-Ronne-Schelfeis hat auch Standort-Vorteile. Es ist von Forschern »noch nicht so überlaufen« (Hempel); das Weddell-Meer gehört zu dem Teil der Antarktis, der an den Atlantik grenzt und damit, auf dem Seeweg, Mitteleuropa am nächsten liegt; und für Glaziologen. Eisforscher, mit denen die deutsche Südraum-Station vorzugsweise bemannt werden soll, gilt gerade dieses Terrain als ein besonders ergiebiges Studienobjekt.

Von ihrem Forschungsgegenstand, einer gigantischen Eisplatte von durchschnittlich 400 Meter Dicke und fast den Ausmaßen Schwedens, erhoffen sie sich beispielsweise Erkenntnisse, so der Münsteraner Glaziologe Heinz Kohnen, Leiter der »Polarsirkel«-Crew auf der Pre-site-survey, über »die Bilanz zwischen Zutrag« (durch Schneefall) »und Abbau« (durch Gletscher und letztendlich im Meer dahinschmelzende Eisberge) der südlichen Eiskappe. Anhand einer genauen Eisbilanz ließen sich globale Klimatrends ermitteln.

Die Suche nach im Eis konservierten Spurenstoffen aus der Atmosphäre, Blei etwa oder DDT, soll Aufschlüsse geben über den weltweiten Transport dieser Stoffe und »ihre Zunahme in der Atmosphäre infolge anthropogener Einflüsse«, heißt: die Luftverschmutzung durch Menschen.

Noch bevor die Eisforscher, aber auch Geologen, Biologen und Meteorologen, aus ihren Röhren und Containern im Schelfeis mit Motorschlitten oder Flugzeug zu ersten Exkursionen in die Umgebung aufbrechen, ziehen deutsche Wissenschaftler südwärts schon zu Unternehmungen aus, die unter Kode-Bezeichnungen laufen, als ginge es ins Nato-Manöver -- »Ganovex«, »Biomass« oder auch »Fibex«. »Ganovex« steht für »German Antarctic North Victorialand Expedition« und findet im nächsten Südsommer unter Regie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover statt. Ziel ist ein bis zu 4000 Meter hohes Gebirge im Nord-Victoria-Land, wo die Hannoveraner erdhistorische Studien treiben wollen.

Bisher wurde diese Region, in deren Untergrund der aus dem Erdaltertum stammende Kern der Ostantarktis und erdgeschichtliche jüngere Faltengebirge der Westantarktis aneinander stoßen, nur von ein paar Schlittenexpeditionen durchquert. Von dem Bohrinsel-Versorgungsschiff »Schepelsturm« als schwimmender Basis fliegen die hannoverschen Geologen nun mit Hubschraubern dort ein.

»Biomass« ist das englische Kürzel eines internationalen Zehn-Jahres-Programms für die »Biologische Erforschung der Ökosysteme und Tierbestände antarktischer Meere«, »Fibex« wiederum meint den ersten Abschnitt dieser Veranstaltung, an dem sich die deutschen Forschungsschiffe »Meteor« und »Walther Herwig« Anfang 1981 beteiligen: »First international biomass experiment«.

Hinter solchen Schlüsselwörtern verbirgt sich, wie es der Kieler Hempel, Koordinator der Expeditionen, formuliert, »die größte biologische Volkszählung der Geschichte«. Sie gilt dem zwei bis acht Zentimeter langen Kleinkrebs Krill, mit dessen Hilfe einige Naturwissenschaftler noch vor ein paar Jahren die Engpässe bei der Versorgung der Erdbevölkerung mit tierischem Eiweiß beseitigen wollten. Krillfänge von jährlich 300 Millionen Tonnen hielten sie damals für möglich.

Mittlerweile sind die Erwartungen geschrumpft. Ein Fang von mehr als 80 Millionen Tonnen wäre nach Ansicht von Biologen möglicherweise schon Raubbau. Aber auch 80 Millionen sind noch eine ganze Menge -- nämlich so viel, wie zur Zeit an Nahrung, vom Hering bis zur Languste, aus Meeren, Binnengewässern und Aquakulturen geschöpft wird.

Doch über den Krill ist bislang nicht einmal hinlänglich bekannt, wie oft er laicht, wie schnell er wächst, wie alt er wird oder welche Abhängigkeiten zwischen ihm und den anderen Gliedern der Nahrungskette im Ökosystem bestehen -- zwischen dem Krill und dem niederen pflanzlichen Plankton, das der Kleinkrebs abweidet, auf der einen Seite und den antarktischen Warmblütern Wal, Robbe und Pinguin, von denen das Krebstier gefressen wird, auf der anderen.

Im Zuge des Biomass-Programms werden die antarktischen Gewässer nun von einer internationalen Armada von Forschungsschiffen systematisch Quadratmeile um Quadratmeile mit Echoloten und Testfang-Netzen abgefahren und Daten über Krillschwärme und Schwarmdichte, Krill-Wachstum und Wanderungen, Laich- und Futterplätze gesammelt.

Forscherziel: Anhand der Biomass-Daten sollen Computer schließlich ein Programm auswerfen, bei dem Krill-Nutzung und Krill-Hege so tariert sind, daß das Ökosystem -- vom pflanzlichen Einzeller bis zum Pinguin unbeeinträchtigt bleibt.

Eine nach solchen Regeln betriebene Nutzung mariner Ressourcen, die jetzt auch in eine Konvention zum Antarktis-Vertrag aufgenommen werden soll, wäre wirklich einmal etwas Neues. Nach einer »alten Regel« (Hempel) ging es bislang gewöhnlich anders herum: Erst kamen die Fischer, räumten einen Fischbestand nach dem anderen ab und brachten die Lebensgemeinschaften aus dem Gleichgewicht, und dann »fragte man uns Wissenschaftler, wo denn der Fisch wohl geblieben sei«.

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