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Im Land der Käseecken

aus DER SPIEGEL 13/1991

Sie war sieben, als sie in dieses fremde Land kam, wo man zum Abendbrot Leberwurst und Schmelzkäseecken aß, und wo es ein Festtag war, wenn im Fernsehen Vico Torriani kam. Dann ging man zum Nachbarn, zu Schnittchen und Bier. Und wenn in der Schule die Lehrerin fragte, wo man herkam, dann durfte man nicht »aus der Gartenstraße« sagen. Es mußte heißen: »Aus der Türkei«.

Wenn die Dorfkinder über den komischen Namen lachten, war es wichtig, daß sie nicht zu heulen anfing. Und sie war froh, als sie, mit 14 etwa, eine großspurige Antwort gefunden hatte: »Ihr könnt mich mal. Ich bin Kosmopolitin.« Dazu funkelte dieser Blick aus dunklen Augen: trotzig, herausfordernd, cool.

Renan Demirkan, heute 34, hat diesen dunklen Blick erfolgreich zum persönlichen Kennzeichen perfektioniert. Sie hat ihn dem Großmaul Udo Lindenberg entgegengeschleudert in Adolf Winkelmanns »Super« und dem Ruhrpott-Rambo Götz George in »Zahn um Zahn«, und den Durchbruch hat sie als Journalistin Azade Celik geschafft, in der WDR-Serie »Reporter": als jene energische Schreiberin, die mit Terroristen, _(* Renan Demirkan: »Schwarzer Tee mit ) _(drei Stück Zucker«. Kiepenheuer & ) _(Witsch, Köln; 144 Seiten; 26 Mark. ) Mördern und Chefredakteuren fertig wird und dabei auch noch glaubhaft bleibt - mal Karrieristin, mal Kobold, mal fröstelndes Kind.

Lob und Preise hat sie dafür kassiert und selbst da noch beste Kritiken bekommen, wo der Film, wie »Super«, ein Flop war. »Hinreißend« habe sie gespielt, attestierte ihr die FAZ, und die Zeit entdeckte in ihr einen »Star aus einem anderen Kino«. Und auch zum Darling der Regenbogen-Blätter hätte Demirkan es bringen können, hätte sie nur ihre Geschichte richtig erzählt: als Märchen vom türkischen Mädchen im deutschen Glück oder als Erfolgsstory nach Tellerwäscher-Art oder als Lehrstück mit dem Titel »Integration«.

Nur hatte sie keine Lust auf Klischees. Und als zum dritten Mal in einem Interview die Frage kam: »Sie sind doch Türkin - sind Sie emanzipiert?« ist sie abgetaucht und hat ein Buch geschrieben, das von Deutschen und Türken erzählt, vor allem aber von Renan Demirkan und der Schwierigkeit, zwischen zwei Nationalitäten zu leben und in keiner ganz zu Hause zu sein*.

Der Wechsel zwischen den Welten gehört auch zum Job. Sehr deutsch und professionell wirkt die Schauspielerin, wie sie morgens um sieben im Foyer ihres Frankfurter Hotels auf den Fahrer wartet, der sie zum Drehort bringen soll. Plastiknägel krümmen sich an ihren Fingern zu knallroten Krallen, die ungeschminkten Augen hat sie hinter Brillengläsern versteckt. Mit spitzen Fingern kramt sie eine Zigarettenspitze heraus: Sie ist im Dienst. Sie übt die Rolle der Hure.

Ulrike heißt die Hure, und um die zu spielen, könnte Demirkan auch in Augsburg statt in Ankara geboren sein. Sie soll einen Polizisten verführen, den Helden einer neuen Krimi-Serie. Doch der lehnt ab - »Blank, Meyer, Jensen« wird im Vorabendprogramm laufen. Schauspieleralltag.

Auf der Fahrt durch Frankfurt fällt ihr Blick auf einen Zeitungskiosk. Dort hängt ein englisches Boulevardblatt aus, und auf dem Titel steht: »Arabs = murderers«. Araber sind Mörder. Und Renan Demirkan erinnert sich daran, daß auch sie Moslemin ist: »Die meinen auch mich.« Türkenalltag.

»Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker« solle keine Autobiographie sein, sagt Demirkan, doch das Buch, das Fakten mit Fiktion vermischt, ist dennoch so etwas ähnliches geworden: das Protokoll einer Einwanderung und das Porträt einer Generation.

Es ist die Generation der Kinder, die es in den frühen sechziger Jahren aus Anatolien nach Alemanya verschlägt. Zehnjährige, die am Hauptbahnhof ankommen, schwitzend unter zwei Pullovern, weil man ihnen gesagt hat, Deutschland sei kalt. Es sind die Halbwüchsigen, die von Ärzten gründlich abgehorcht worden sind, weil man sichergehen wollte, daß sie taugen für die Arbeit in der deutschen Fabrik. Und es sind die Mädchen, für die der Umzug in das Land der Sünde das Ende jeder Freiheit mit sich bringt.

Demirkans Heldin hat Glück: Sie ist keine von denen, die eingesperrt werden auf ein paar Quadratmetern Deutschland. Der Vater ist Akademiker, und er will nicht nur wegen der Arbeit nach Deutschland, sondern auch, weil von dort die Bücher kommen, die er liest: Hegel, Heine, Schopenhauer. Streng moslemisch ist dagegen die Mutter, und sie versucht verzweifelt, Sitte und Anstand der Töchter für die erträumte Rückkehr zu bewahren.

Die beiden Mädchen sind die ersten türkischen Kinder in diesem Bauerndorf bei Hannover. Fremde sind sie, denen man mißtraut, und fast zwangsläufig entsteht die Sehnsucht, wie die anderen zu sein. So wird, auf Druck der Kinder, das Familienleben zum Rollenspiel: Sie üben, deutsch zu sein. Im Ramadan ist die Mutter die einzige, die fastet, und die Festtagsgerichte an den Tagen danach kocht sie für sich allein. Die Mädchen führen merkwürdige Sitten wie »Weihnachten« zu Hause ein oder »Kaffeetrinken« mit Törtchen und Damasttischdecken. Und zum Abendessen gibt es jetzt Schmelzkäseecken.

Rotzig, verschlossen, verletzlich: So schildert Demirkan dieses Mädchen, das mit der Existenz zwischen zwei Kulturen fertig werden muß. Die sich großspurig zum Weltbürger erklärt und das Thema Heimat dann als abgehakt betrachtet. Die sich für Minderheiten aller Art einsetzt und bloß nicht nur für die Sache der Türken: Da steht sie drüber.

Dann plötzlich, sie ist 18, funktioniert die Verdrängung nicht mehr. Sie gerät an einen Journalisten, der sie zu ihrem Ursprungsland befragt, und liest am nächsten Tag in der Zeitung: »Türkisches Mädchen hat keine Ahnung von der Türkei.« Das schmerzt.

»Schwarzer Tee« erzählt eine Biographie der Brüche und Widersprüche, aus der sich die Fähigkeiten speisen, welche die Schauspielerin später zu ihrem Stil entwickelt hat: die Sensibilität in der Wiedergabe fremder Charaktere und Gefühle. Sie hat Menschen zu observieren gelernt - wer von außen kommt, kann oft klarer sehen.

Renan Demirkan redet Deutsch wie eine Hannoveranerin oder auch österreichisch oder Ruhrpott-Slang und bezeichnet sich selbst als »linguistisches Chamäleon«. Als ihr aber der Regisseur Tevfik Baser die Rolle der Elif anbietet, der scheuen Türkin in »Abschied vom falschen Paradies«, da lehnt sie ab - weil sie »die Sprache nicht drauf hat«, wie sie sagt: jenes rauhe Deutsch mit dem schweren anatolischen Akzent.

Nicht die Dauer-Exotin sein, bloß nicht vereinnahmt werden als Türkin vom Dienst: Wenn sie statt der Elif lieber eine Susanne mimt, wie in Vivian Naefes poppigem Lebenslügen-Drama »Für immer jung« (29. April, ZDF), dann ist auch das ein Teil jener Utopie, die sie sucht: Normalität.

Programmatisch hat sie diese Sehnsucht als Reporterin Azade formuliert. »Türken«, klärt sie da einen Kollegen auf, »sind auch keine besseren Menschen. Siehste doch an mir.«

* Renan Demirkan: »Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker«. Kiepenheuer& Witsch, Köln; 144 Seiten; 26 Mark.

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