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Am Rande Im Namen der Pose

aus DER SPIEGEL 50/1999

Satire darf alles. Und die Mode noch viel mehr. Selbst wenn sich im Reich der Biesen und Bordüren neuerdings auch der Main Stream mit der Political Correctness um den sichersten Platz an der Medien-Sonne balgen. Manchmal geht aber so eine Klopperei - auch nach einer noch so schönen Style-Vorlage - komplett daneben. Dann streifen die Spielereien mit den Trends der Zeit doch ein magisches Terrain, das vom Austrocknen bedroht ist: das Tabu.

»Märchen von heute und morgen« hatte sich die deutsche »Vogue«, das glamouröseste unter allen Glamour-Magazinen, für seine letzte Ausgabe in diesem Jahr mühsam als Millenniums-Motto ausgedacht. Und zwischen all den »Make-up Innovationen«, der »Invasion der Zukunft« und dem endlosen Boudoir-Blabla präsentieren sich zwei nackte Mädchen, sieben und fünf Jahre alt. Sie sind heftig geschminkt, onduliert und wirken wie lebende Barbiepuppen für den Gabentisch säftelnder Kinderschänder. »Vogue« kommentiert die Inszenierung der zwei Sex-Püppchen dagegen als Modegag. Sie seien »zwei Kinder«, die ihre »Beauty-Träume« ausleben. Sechs Seiten im Namen der Pose. Doch das Blatt hat sich bei der Tändelei mit dem Trend verkalkuliert. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften setzte die »Vogue« auf den Index. Die Ausgabe darf nun nicht mehr an unter 18-Jährige verkauft werden. Ein verständlicher, aber auch kurioser Beschluss: Kinderliebhaber sind meist älter.

»Vogue«-Macher aufgepasst: Es gibt noch Themen, die machen richtig Schlagzeilen und landen doch nicht auf dem Index. Eine Modestrecke mit Hundertjährigen zum Beispiel - unwürdige Greise in Gucci und Prada. Oder Stöckelschuhe, vorgeführt von Minenopfern aus dem Kosovo. Oder, auch nicht so schlecht, Obdachlose fläzen sich auf »Vogue«-Kosten im Luxushotel. Korn-Klaus im »Vier Jahreszeiten« an der Bar. Das hätte Art und Stil und wäre ein echtes Märchen für heute und morgen.

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