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Intellektuelle Im rechten Licht

Streit um Botho Strauß: Die Zeitschrift Theater heute veröffentlichte Strauß-Briefe - gegen den Willen des Urhebers.
Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 2/1995

Wäre schon schade gewesen, hätte man das alles nicht erfahren: Daß er sich in einem »biographischen Stadium« befinde, »das man früher reifes Mannesalter nannte«; daß er den Anspruch erhebe, »den Bildungswandel einer freien Person zu durchleben«; und wenn dies Wandeln »zum Rechten hinführt, so erhebe ich wiederum Anspruch darauf, daß auch dem Rechten intellektuelle Gerechtigkeit widerfahre«.

Also schrieb Botho Strauß, just 50 geworden, doch wollte er diese und andere Konfessionen nicht gedruckt haben; die Monatszeitschrift Theater heute druckte sie im letzten Dezember dennoch. Und nun muß das Landgericht Berlin am Dienstag dieser Woche befinden, ob dem klagenden Rechten wenigstens bürgerliche Gerechtigkeit widerfährt.

Ein Wind im Wasserglas? Oder ein erneut »Anschwellender Bocksgesang«? Mit dem mittlerweile legendären Positionspapier des Dramatikers und Erzählers Strauß (SPIEGEL 6/1993) hatte die Neue-Rechte-Disputation angehoben; doch ein tiefgründiger Satz daraus gilt längst nicht mehr: »Wir kämpfen nur nach innen um das Unsere.« Auch nach außen.

Denn Strauß ließ sich zur Kühlerfigur eines Vehikels machen, das braune Soße und trübe Rabulistik keß an die Leute kutschierte: der Sammelband »Die selbstbewußte Nation. ,Anschwellender Bocksgesang' und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte« (SPIEGEL 42/1994), ein Deutschland-erwache-Halali, sehr unwürdig für Leute im reifen Mannesalter.

War der leicht gläubige Strauß da womöglich unter die Räuber gefallen? Keineswegs. In einem Brief an die Herausgeber der »Selbstbewußten Nation«, abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen, zollte er den Herren vielmehr »meinen Respekt« und nannte es »nichts als feige«, wolle er sich nun von dem Gemeinschaftswerk »distanzieren«. Und düster visionär, wie so oft:

»Man hat mich schon so viele Male geächtet und verpönt, lange bevor der ,Bocksgesang' erschien«; jetzt könne als Steigerung nur noch die »damnatio memoriae« folgen: »Diesen Mann hat es als Schriftsteller nie gegeben.«

Nun betritt Theater heute die Szene, das Blatt, dem Strauß einst als Kritiker diente und das den Dramatiker Strauß stets ins rechte Licht rückte. Auch dem Fachblatt war aufgefallen, daß Strauß in dem Sammelwerk von der »Selbstbewußten Nation« eine fatale Rolle spielte. Dramaturgisch richtiger Schritt: Der Redakteur Franz Wille heischte in einem Brief an Strauß »Klärung, ob der Autor Strauß hier gegen seine Intentionen benutzt worden ist«.

Er habe, schrieb Strauß zurück, »die einzelnen Beiträge vorher nicht gekannt, und ich kann auch jetzt, wo ich sie kenne, nicht finden, daß auch nur einer unter ihnen so anstößig wäre wie mein eigener«. Und wieder apokalyptisch: Seine Arbeit fürs Theater stehe »ja vermutlich für absehbare Zeit nicht mehr zur Debatte«.

Einen zweiten Brief des Redakteurs Wille beschied Strauß kurz und grimmig: »Ich denke«, schrieb er, »wir haben uns letztlich nichts zu sagen.« Und hob dann den Hammer: »Zum Schluß möchte ich Sie bitten, die beiden Briefe an Sie als Privatsache zu betrachten und daraus nichts zu veröffentlichen.«

Da war schwere Not in Theater heute: Einen Strauß haben und nicht drucken? Zündstoff vergammeln lassen, wenn man so oft mit nassem Pulver hantieren muß? Theater heute druckte, umgab die Missetat mit einem abschwellenden Abgesang und nahm »Abschied von Botho Strauß«.

Die langjährig linke Szene war erschüttert; nicht über Straußens denkerischen Durchbruch, sondern über die Frevler in der Theater heute-Redaktion. »Wir werden nicht von Botho Strauß Abschied nehmen«, gelobte der Hamburger Intendant Jürgen Flimm; »sittenwidrige Verfahrensweise«, so rügte die Berliner Theaterchefin Andrea Breth.

Einen »vergleichslosen Verrat« erblickte der Frankfurter Kulturfürst Peter Iden sowie eine »Mentalität von Blockwarten«. Aus Paris meldeten sich Regisseur Luc Bondy & Vater Francois und nahmen »Abschied« von »maßlos unlauteren Journalisten und Ihrer Zeitschrift«. Theater heute druckte alles brav ins Januar-Heft und replizierte irgendwie sibyllinisch: Ein Eingehen auf Straußens Bitte, seine Briefe nicht zu drucken, wäre »einer Zensur oder Selbstzensur gleichgekommen«.

Immerhin fiel so auch Licht auf Straußens Leid. In Deutschland gebe es inzwischen eine »intellektuelle Rechte«, schrieb er in seinem ersten Brief, »doch es darf sie nicht geben, und dies um so weniger, als sie beständig die Verfehlungen, Zerstörungen der Linken beim Namen nennt, was zuvor noch niemand tat«. Sie kann leider auch anderes, die Rechte.

»Ihr seid das Volk, das nie auf seine Dichter hört«, so klagte Erich Kästner nach dem Ende der Hitlerei. Das Volk tut, zuweilen, gut daran.

Fritz Rumler

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