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KINO Im Reich der kalten Herzen

Mit »Zeit der trunkenen Pferde« ist dem jungen kurdischen Regisseur Bahman Ghobadi ein trauriges Meisterwerk gelungen.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Wenn die Kälte kommt, werden am Anfang jeder Schmuggeltour ein paar Flaschen Schnaps geleert - nicht um den Schmugglern Mut einzuflößen, sondern um die Maultiere gefügig zu machen. Der Alkohol wird in ihre Wassertröge gekippt; je kälter es ist, desto mehr Schnaps kriegen sie, denn nur mit ausreichend Promille im Blut schaffen sie schwer beladen den brutalen Treck: Durch Morast, Felsen und Schnee straucheln und klettern sie über versteckte Gebirgspfade immer höher hinauf zu den Grenzpässen.

»Zeit der trunkenen Pferde«, das klingt ein wenig lyrisch-entrückt, doch man begreift schnell, dass der Titel ganz wörtlich zu nehmen ist. Mit jener Wucht der Anschauung, über die nur das Kino gebietet, schildert der Film das Elend in den von Kurden bewohnten Gebirgsdörfern zwischen Iran und Irak.

Er erzählt von der Kälte, die sich in den Gesichtern der Menschen festbeißt, und vom schneidenden Wind, der an ihren Kleidern reißt, von der Anstrengung, die jeder Schritt in den Schneeverwehungen kostet, von einer Erschöpfung, die sich tief in die Knochen gräbt, und dem unbändigen Willen, trotzdem ans Ziel zu gelangen.

Der Filmemacher Bahman Ghobadi, 32, selbst iranischer Kurde, hat seine Kindheit nahe jener von Landminen verseuchten »Todeslandschaft« verbracht, wie er sagt, »keine zwei Stunden von der Grenze«, an der sich alle Ängste und Hoffnungen der Menschen in seinem Film entzünden. Denn der Schmuggel ist zwar lebensgefährlich, aber auch die einzige Chance, ein wenig Geld zu machen. Ghobadi ist stolz darauf, dass es ihm als erstem Kurden gelungen ist, einen Spielfilm in seiner Heimat auf Kurdisch zu drehen - und dass Iran sein Werk dann gleich als Kandidaten für den Auslands-Oscar vorgeschlagen hat.

»Zeit der trunkenen Pferde« sollte so authentisch wirken, wie es Ghobadis Erinnerungen beglaubigen. Was die Zuschauer auf der Leinwand sehen, basiert zwar auf einem Drehbuch des Regisseurs, sei aber die »pure Realität eines Alltags«, wie er sagt. »Ich wollte sie im Ungewissen lassen, ob sie eine Erzählung oder einen Dokumentarfilm gesehen haben.«

Im Film werden fünf Kinder zu Vollwaisen, als ihr Vater von einer Landmine zerfetzt wird. Jetzt haben sie nur noch einander. Ihre Hütte ist der einzige Ort der Geborgenheit in einer Welt, in der sie dauernd betrogen, verraten und verschachert werden. Zusammen trotzen sie nicht nur der Kälte des Winters, sondern auch der Kälte der Erwachsenenherzen. »Zeit der trunkenen Pferde« ist nicht zuletzt ein großer Film über die Geschwisterliebe.

Der älteste Bruder ist zwergwüchsig, ein stummer, verkrüppelter Gnom, der dringend zu einem lebensverlängernden Eingriff ins ferne Krankenhaus müsste. Aber wer soll den Eingriff bezahlen? Die Kinder, die ohnehin auf dem Basar als Tagelöhner schuften, haben kaum genug zum Leben. Ihre Kindheit ist längst verloren, sie lachen nie und können sich Träume nicht erlauben. Wider alle Hoffnung macht sich der Zweitälteste auf, um als Lastenträger für Schmugglerkarawanen das Geld zu beschaffen.

Immer wieder hat der zeitgenössische iranische Film - an den Umgang mit der Zensur gewöhnt - bittere Wahrheiten über die Wirklichkeit seines Landes in trügerisch einfachen Kinderfabeln versteckt. Auch »Zeit der trunkenen Pferde« lässt sich als Parabel auf die politische Lage lesen: Die verwaisten kurdischen Landeskinder kämpfen gegen den drohenden Untergang, während die Gesellschaft sie knechtet, ausbeutet oder allenfalls duldet.

Doch jenseits einer solchen Deutung entfalten die Bilder eine nahezu körperliche Wirkung. Sie lassen den Zuschauer spüren, was es bedeuten muss, in einer solch archaisch armen und engen, ausweglosen, von unwägbaren Mächten und Gefahren beherrschten Welt zu leben.

In einer Szene lernen die Kinder, dass Flugzeuge heute innerhalb weniger Stunden Menschen von einem Ende der Erde ans andere bringen - und in diesem Gegensatz zur schwerfälligen Fortbewegung mit dem Maultier, die sie kennen, reißt die Kluft zwischen den Welten auf: zwischen den Privilegierten und den Nichtprivilegierten, die vom Reichtum anderer Menschen an anderen Orten erfahren, ihn aber selbst nie erreichen können.

Ghobadi sieht seinen Film als »Hommage an das kulturelle Erbe« seines Volkes. Darum gebiert das Elend bei ihm einen zähen, stolzen Lebenswillen, aber keine Wut und keinen Hass auf diejenigen, die unbekümmert mit Flugzeugen reisen. Doch wie Wut und Verblendung in bitterarmen islamischen Gegenden - Iran grenzt an Afghanistan - mit der richtigen ideologischen Unterstützung Wurzeln schlagen können, wird durch seinen Film gerade in der aktuellen Lage vorstellbar.

Zumindest die Kurden würden zwar in Osama Bin Laden »eher einen Faschisten sehen«, glaubt Ghobadi, doch in seinen Ausdruck des Mitleids mit den Opfern der Terroranschläge in den USA - »ich war wochenlang traurig« - mischt sich die Abwägung. »Ich habe auch großes Mitgefühl mit afghanischen Müttern, die zusehen müssen, wie ihre Kinder sterben«, sagt er. »Die westliche Welt, die die Anschläge vom 11. September als einen Angriff auf die Zivilisation bezeichnet, hätte als zivilisierte westliche Welt die Lösung nicht in der Bombardierung Afghanistans suchen sollen.« SUSANNE WEINGARTEN

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