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Film Im Reich der Toten

aus DER SPIEGEL 5/1995

Nekrophilie, wörtlich: die Liebe zu Leichen, gilt als unheimlichste der sexuellen Perversionen, weil die Tabuverletzung besonders schwer, die überwundene Ekelschwelle besonders hoch ist. Der giftige Todeshauch und Grabesmoder, der dieser Lustverirrung anhaftet, macht sie zu einer (oft verdeckten und getarnten) Sehnsucht des Thrillerkinos.

Es gibt höchst sublimierte Formen filmischer Nekrophilie, Alfred Hitchcocks »Vertigo« ("Aus dem Reich der Toten") oder Otto Premingers »Laura«, und niemand Geringerer als Bunuel hat grandiose schwarze Messen der Totenliebe, bespritzt mit ein paar Tropfen katholischen Weihwassers, im Kino gefeiert.

Man könnte überspitzt sagen, daß auch jeder Film zwanghaft mordender Lust, also »Psycho« wie »Frenzy«, die Nekrophilie im Tod des Sexualobjekts zum Ziel hat. Aber mit einer so unheimlichen Konsequenz, wie dies jetzt der Film »Nightwatch - Nachtwache« als Spirale des Grauens und Käfig der Unentrinnbarkeit vorführt, war das eigentlich noch nie zu sehen.

Dabei kommt dieser Film nicht aus den Schreckenslaboratorien Hollywoods, kein Gruselspezialist wie John Carpenter, Jonathan Demme oder David Lynch führt Regie, und kein US-Riesenbudget ermöglicht die Schockereffekte sprudelnder Blutfontänen.

Nein, »Nightwatch« kommt aus dem fünf Millionen Einwohner zählenden Ländchen Dänemark, das dem Vorurteil eher die Assoziation »putzig« als »gruslig« entlockt. Der Regisseur, ein Debütant, kam ohne Stars und großes Geld aus; es ist im Grunde ein kleiner Film, der sich anschickt, die großen Kinos zu erobern. Kopenhagen als auswegloses Labyrinth des Schreckens und Grauens - das soll dem 35jährigen Regisseur und Autor Ole Bornedal erst mal jemand nachmachen. Auf den ersten Blick scheint es ähnlich absurd, wie in Brooklyn Heidi oder die lila Kühe von Milka anzusiedeln. Endlich ist wirklich wieder etwas faul im Staate Dänemark.

Daß der dänische David den Goliath Hollywood auf seiner ureigenen Domäne, dem modernen Psycho-Thriller, so erfolgreich herausfordern konnte, liegt auch hier, wie beim biblischen Vorbild, an der Wahl der Waffen. _(* Mit Waldau, Grooböl, Bodnia, Andersen. )

Bornedals Film ist ein Meisterwerk der Beschränkung (wie auch »Psycho« ja eigentlich ein Low-Budget-Film war). Im Grunde begnügt er sich mit einem Schauplatz, dem pathologischen Institut, der Leichenhalle der Kopenhagener Gerichtsmedizin, deren gruselige und klaustrophobische Atmosphäre der Film mit effektivem Realismus und der nötigen Detailversessenheit einsetzt.

Die Schauspieler sind so unbekannt wie unbekümmert, die von ihnen verkörperten Charaktere haben eine Wahrheit, die sich von der glatten Oberflächenpolitur Hollywoods, Aufmerksamkeit erheischend, unterscheidet.

Wie überhaupt der Film, seine Geschichte, sein Plot das Kunststück fertigbringen, gleichzeitig mit atemberaubender Thriller-Konsequenz auf das mörderische Ziel zuzustürzen und sich doch atmosphärische Episoden zu leisten, die scheinbar nichts mit dem grausigen Gang der Dinge zu tun haben.

So stehen zwei der Helden, angehende Juristen kurz vor dem Examen, nächtens betrunken vor dem Hans-Christian-Andersen-Denkmal, werfen dem Märchendichter eine Bierflasche an den Kopf und erzählen einander, daß der »Schweinehirt«-Dichter für jede Masturbation einen schwarzen Strich in sein Tagebuch gezogen hatte. Vorausgegangen ist eine Kneipenszene, in der die beiden mit ihren Freundinnen sitzen und sich nicht so recht trauen, sie vor den Belästigungen zweier Rowdys zu schützen, klägliche intellektuelle Feiglinge. Zur Frage, wer der Mörder und Leichenschänder ist, trägt dies gewiß wenig bei, wohl aber zur stimmigen Atmosphäre, aus der dann doch die Lösung erwächst - als schier endlos sich steigerndes Grauen.

Dabei beginnt alles so harmlos und unspektakulär. Die beiden Juristen Martin (Nikolaj Coster Waldau) und Jens (Kim Bodnia) feiern mit ihren Freundinnen Kalinka und Lotte, Schauspielerin die eine, angehende Pastorin die andere, den Geburtstag Martins. Der ist dabei, einen neuen Job anzutreten, Nachtwächter in der Morgue. Da kann er nachts arbeiten und büffeln und tags in die Vorlesungen. Da die beiden Jungs wissen, daß sie bald von ihrem Beruf aufgesogen, durch die bevorstehende Heirat ins Normalleben gezogen werden, schlagen sie nebenbei noch ein wenig über die Stränge - makaber und lustig, verzweifelt und zynisch.

Es nimmt also nicht wunder, daß Jens Martin bei seinem Leichenjob geschmacklose Streiche spielt, sich als Toter auf die Bahre legt, um Wiederauferstehung zu feiern. Und auch Martin ist kein Trauerkloß, wenn er seine Freundin (Sofie Graböl) zwischen den Toten an die Wand stemmt - hat er sonst jedesmal eine panische Angst, wenn er allnächtlich allein durch die Leichenhalle muß, so gewinnt er zu zweit aus dem Grusel einen sexuellen Kick: einmal quicklebendig unter Toten vögeln!

Oder ist er in Wahrheit ein kranker Perverser? Oder ist es sein Freund, der ihm auch noch mit einer armselig rauschgiftigen Nutte (Rikke Louise Andersen) einen Streich auf deren Kosten spielt, eher widerlich als lustig?

Doch was die beiden auch treiben, aufbegehrende Nihilisten vor der Schlußkurve ins spießig-bürgerliche Leben: Stets ist Martin am Ende allein mit seinem Nachtjob unter den Leichen, ihrer Stille, ihrem Verwesungsgeruch. Und während er mit seiner Stechuhr die nächtlichen Stationen kontrollierend abschreitet, prägen sie sich der Erwartung der Zuschauer als mögliche Fixpunkte des Entsetzens, als wahrscheinliche Orte schrecklicher Überraschungen ein.

Was passiert, wenn die rote Warnlampe aufleuchtet, von einem schrillen Alarmsignal begleitet? War dann ein Toter nur ein Scheintoter, hat sich jemand einen bösen Spaß gemacht? Oder ist jemand, lebendig unter den Toten, in Not, weil die Tür von innen nicht zu öffnen ist und die Temperatur unter den gerade frisch Verblichenen der eines Kühlschranks gleicht?

Und was geschieht, wenn mehrfach blinder Alarm ausgelöst wird, der jedesmal herbeieilende Arzt aus dem Krankenhaus neben dem Totenhaus den Studenten für einen Psychopathen hält, was geschieht, wenn es, gesetzt den Fall, auf einmal unerwartet ernst ist? Und ist der Arzt nicht von seinem Drogenmißbrauch längst so zerrüttet, daß er . . .

Wie jeder gelungene Thriller spielt auch dieser seine Geschichte schier musikalisch durch: als ein in immer neuen Variationen wiederkehrendes Thema. Denn nur so kann das Publikum in seinen Erwartungen bestätigt, düpiert, ausgetrickst und gleichzeitig einbezogen werden. So wird man, während man auf die immer gleichen Rundgänge mitgenommen wird, zum Komplizen und Mitwisser, zum Mitleidenden und Mitopfer, bis »Nachtwache« in einer neuen Volte alle bisher aufgebauten Gewißheiten zerschlägt, Helfer in Feinde, Feinde in Freunde verwandelt (oder doch in Feinde?) und die Situation immer auswegloser zuspitzt.

Jedenfalls ist das Finale furios. Und es trifft mit sadistischer Konsequenz den Zuschauer, indem es ihm mit dem Gefühl des Wissens der wahren Zusammenhänge die Gewißheit der eigenen Ohnmacht gnadenlos vor Augen führt. Es ist die Ohnmacht vor dem verhängnisvollen Lauf der Welt, die ein Thriller wie »Nachtwache« in jedem Zuschauer wachruft.

Welch subtiler Mittel auch für seine (notwendigerweise) gröbsten Effekte sich dieser Film bedient, wird durch eine Fotografie deutlich, die im Aufenthaltsraum des Totennachtwächters hängt, von einem seiner Vorgänger angepinnt. Es ist das erschreckende Bild eines gefesselten, hilflos gemachten Mannes, der ähnlich wie ein Toter jedem Betrachter total ausgeliefert ist. Und tatsächlich wird gegen Ende ein anderer, ein Handelnder des Films hier ähnlich gefesselt sein.

Doch das Bild, das an die Kraft der Fotografien in der Hoteleinsamkeit von Stanley Kubricks »Shining« erinnert (die wohl auch zitiert), ist gleichzeitig ein berühmtes historisches Foto: das des Garfield-Attentäters Charles Guiteau in seiner Todeszelle - die Aufnahme des Präsidentenmörders, eine nekrophile Ikone unter anarchischen Studenten, wird zum Zeichen, das die untergründige Stimmung dieses Films signalisiert. »Nachtwache« endet dann doch in einer gutbürgerlichen, gutdänischen Hochzeit. Doch man sollte sich dadurch nicht täuschen lassen. Y

Wiederauferstehung als zynischer Studentenstreich

* Mit Waldau, Grooböl, Bodnia, Andersen.

Hellmuth Karasek
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