»IM TOD IST ORDNUNG«
Ich schreibe dieses nieder, etwa 24 Stunden nachdem ich erlebt habe, wie es ist, wenn man stirbt.
Die medizinische Vorgeschichte meines Falles begann vor etwa 25 Jahren, als mir ein Arzt eine Penicillin-Injektion verabreichte, um eine Halsentzündung zu bekämpfen.
Einige Tage später bemerkte ich eine leichte allergische Reaktion -- Ausschlag an den Handgelenken und Knöcheln. Der Arzt verschrieb einige Tabletten, und die Schwellungen vergingen wieder. Ich vergaß das Ganze bald. Später wurde mir noch mehrmals Penicillin verabreicht, aber nie waren dabei ernste Folgen aufgetreten.
Die Nasenreizung, mit der nun mein lebensbedrohendes Abenteuer begann, hatte sich Anfang der Woche eingestellt. Ich dachte, es sei eine Erkältung. Aber es zog sich hin, ohne daß sich die anderen Symptome einer Erkältung zeigten. Und am Samstagmorgen erwachte ich mit rauhem, kratzendem Hals. Ich nahm mir vor, im Laufe des Tages die Ärztin anzurufen.
Dann suchte ich in unserer Hausapotheke nach Halstabletten. Dabei fiel mein Blick auf eine Flasche mit einem Dutzend Penicillin-Tabletten. die meine beiden kleinen Kinder verschrieben bekommen hatten und die übriggeblieben waren.
Warum sollte ich die Ärztin am Wochenende stören? Obgleich ich mir darüber im klaren war, daß ein Laie sich besser nichts selbst verordnet, nahm ich zwei Tabletten (jede mit 250 000 Einheiten, eine durchaus übliche Dosis) und merkte mir die Zeit. Es war 7.03 Uhr.
In der nächsten halben Stunde erledigte ich die morgendlichen Routinearbeiten. Ich fütterte den Hund und ließ ihn in den eingezäunten Hinterhof. Dann kochte ich Kaffee.
Während ich die Nachrichten im Radio hörte, verspürte ich einen prickelnden Juckreiz an Knöcheln und Beinen. Er dehnte sich rasch auf die Handgelenke und Handflächen aus. dann über die Schultern, den unteren Rücken und die Brust.
Mit dem Kaffee für mich und meine Frau begann ich die Treppe hochzusteigen. Das Jucken wurde wie Feuer. Als ich halb oben war, setzte ich die Tassen auf die Stufe vor mir und kratzte mich wie wild. Ich konnte sehen, wie sich münzengroße weiße Flecken auf meinem Handrücken bildeten. Da erinnerte ich mich an die lange vergessene Reaktion auf meine erste Penicillin-Behandlung.
Ich rannte ins Schlafzimmer und rief meiner Frau zu, die noch schlief, sie sollte schnell ihre Kaffeetasse nehmen. Meine Hand zitterte.
»Was um Himmels willen ist denn los?« fragte sie.
»Ausschlag«, sagte ich. Ich erzählte ihr von dem Penicillin und daß mir früher etwas Ähnliches passiert war.
Von Sekunde zu Sekunde wurde mir unbehaglicher, und ich mußte wahre Ballettkunststücke vollführen um an alle Stellen zu gelangen, an denen ich mich kratzen wollte. Trotzdem dämmerte es mir immer noch nicht, daß die Anzeichen Schlimmes bedeuteten oder daß ich mehr als einen chinesischen Rückenkratzer benötigen würde.
»Ich will doch lieber die Ärztin anrufen«, sagte meine Frau.
»Es geht sicher wieder weg«, sagte ich.
»Vielleicht geht es aber nicht weg«, meinte sie. Sie hatte gelesen, daß eine allergische Reaktion auf Penicillin äußerst gefährlich sein kann.
Nun spürte ich immer deutlicher, daß mein Gesicht anschwoll und sich versteifte, und ich bemerkte pfeifende Geräusche beim Atmen. Als ich in den Spiegel sah, erkannte ich kaum das aufgedunsene, rotgesprenkelte Gesicht, das mir entgegenstarrte.
Meine Frau rief die Ärztin an -- sie wohnt in der Nachbarschaft und betreut unsere Familie seit langem -, erzählte ihr von dem Penicillin und meinen Beschwerden und hörte einen Augenblick zu. Dann sagte sie: »Gut. so schnell wir können«, und hängte auf.
»Die Ärztin sagt, wir müssen sofort kommen«, sagte sie ruhig.
Sie lief ins Kinderzimmer, um die Kinder aus den Betten zu scheuchen -- es ist eine Familienregel, daß wir sie niemals allein zu Hause lassen. »Beeilt euch«, hörte ich sie sagen. »Euer Vater ist sehr krank und muß zum Arzt.«
Nun war sogar ich gewillt, es zu glauben. Das Jucken wurde zum Schmerz. Das asthmatische Erstickungsgefühl wurde stärker. Wände und Möbel sahen krumm und wellig aus, wie Dinge, die man durch ein Einmachglas betrachtet.
Plötzlich lag ich quer auf dem Bett, ein Knie auf dem Fußboden. Es war, als tauchte ich aus tiefem Schlaf auf, noch wohlig benommen. Meine Frau war jetzt im Schlafzimmer, griff rechts und links nach Kleidungsstücken, drehte die Kinder herum, während sie Knöpfe und Reißverschlüsse schloß.
»Wie lange dauert das eigentlich«, sagte ich, »bis diese Familie angezogen ist?«
»Bis jetzt weniger als eine Minute«. sagte meine Frau. Da wurde mir klar, daß ich ohnmächtig gewesen war, und ich glaube, zu diesem Zeitpunkt schoß mir erstmals der Gedanke an eine wirkliche Gefahr durch den Kopf.
»Ich lasse das Auto an«, sagte meine Frau und nahm die Kinder die Treppe mit hinunter.
Das Bett, auf dem ich lag, war wunderbar kühl; ich sehnte mich danach weiterzuschlafen. Es war, wie wenn man hört, daß der Wecker schrillt und man nichts dagegen tun kann; oder auch wie jenes Zu-Tode-Frieren in der Arktis: Nur ein kleines Nickerchen, das würde doch nichts schaden. Aber irgendwie gelang es mir doch, auf die Füße zu kommen.
Ich erinnere mich, daß ich oben an der Treppe stehenblieb und mich fragte, wie ich wohl den ganzen Weg hinunter das Gleichgewicht halten sollte. In einer Art Zeitlupentempo gelang es mir dann doch, wobei sich meine Beine in staksigem Marionetten-Gang bewegten. Ich überlegte, wer wohl die Fäden in der Hand hielt.
Nun schwamm die Küche vorbei. Ich griff die Penicillinflasche vom Tisch, wo ich sie hatte stehenlassen, und stopfte sie in meine Tasche. Die Ärztin wird sie sehen wollen.
Als ich in die Garage kam, öffnete meine Frau gerade die hintere Tür unseres Volkswagenbusses. Ich versuchte, darauf zuzugehen, aber ich taumelte in entgegengesetzter Richtung und stolperte über eine Harke. Verdammt! Meine Frau holte mich ein, als ich mit weichen Knien auf den Fahrweg schwankte. Sie packte meinen Arm und rief meinen Namen.
Dann war ich im Auto. Ich lag mit dem Rücken auf der mittleren Sitzreihe. Der Wagen holperte los, und ich hörte das Aufheulen des Motors. Hinter mir, in der dritten Reihe, plapperte meine fünfjährige Tochter. Mein achtjähriger Sohn befahl ihr, still zu sein. Ich dachte, welch eine hübsche Reklame dies sein würde: Ein Volkswagenbus ist ein praktischer Familienwagen, um darin zu sterben.
Wir hielten. Als die Tür aufsprang und meine Frau mich hinauszuziehen begann, sah ich einen leuchtenden Farbfleck am Ende des Fußweges, oben auf der Treppe am Patienteneingang des großen, cremefarbenen Stuckhauses. Es war die Ärztin in ihrem rot-blau gemusterten Morgenmantel. Sie stand einen Moment im Eingang, dann huschte sie zurück.
Während meine Frau mich auf die Füße zog, hatte die Ärztin über eine Entfernung von etwa 14 Meter hinweg meinen Zustand abgeschätzt. Sie konnte das unkoordinierte Rollen meiner Augen sehen, die Totenblässe auf meinem Gesicht, das Schwanken meiner Beine. Diese Anzeichen sagten ihr, daß der Schock bereits weit fortgeschritten war und daß ich sterben könnte, noch bevor ich das Sprechzimmer erreicht hätte.
Es wäre unsinnig gewesen, einen 90 Kilo schweren Mann wie mich die fünf Stufen herauf und in das Gebäude ziehen zu wollen. Deshalb war sie zurückgegangen, um ihre Instrumente zu holen für den Fall, daß sie mich auf dem Fußweg behandeln mußte.
Schon vorher hatte die Ärztin, ohne sich Zeit zum Ankleiden zu nehmen, Injektionsnadeln und Medikamente gebrauchsfertig bereitgelegt. Nun brach sie eine Ampulle Neutrapen auf und mischte das Pulver mit zwei Kubikzentimeter sterilem destilliertem Wasser. Sie zog drei Spritzen auf, eine mit dem gesamten Inhalt der Neutrapen-Ampulle, die anderen mit Adrenalin und Anti-Histamin; dann legte sie noch eine 40-mg-Ampulle eines Cortison-Präparates dazu**. Schließlich ging sie zur Tür, um uns zu erwarten.
Durch die Ruhe während der Fahrt war ich für einen Augenblick neu belebt, und so schaffte ich es den Fußweg hinauf. Von meiner Frau gestützt. erklomm ich die Stufen, kam durch das Wartezimmer bis ins Sprechzim-
* Arbeiterinnen in einer pharmazeutischen Fabrik beim Abpacken von Penicillin.
** Neutrapen: Medikament zur chemischen Zerstörung des Penicillins. Adrenalin: Sturmon aus dem Nebennierenmark, das den Blutdruck steigert, die Herztätigkeit anregt und die Atmung unterstOtzt. Anti-Histamin: ein Stoff, der das Hormon Histamin neutralisiert, welches bei allergischen Reaktionen im Übermaß im Körper freigesetzt wird. Cortison: Produkt der Nebennierenrinde, das allergische Reaktionen mildert und Entzündungen hemmt.
mer und sank dort in einen grünen, lederbezogenen Stuhl.
Uhren, Uhren, ein Glockenspiel von Uhren. Turmhohe Uhren in Nußbaum-Herrlichkeit, winzige Uhren aus polierfern Messing, in nahen und entfernten Räumen, Uhren, die bong machen, und Uhren, die bing machen -- Uhren mit Glockenmelodien.
Die Ärztin und ihr Mann, von Beruf Chirurg, haben eine Schwäche für Uhren. Überall im Haus sind Uhren -- insgesamt 24, hatte die Ärztin mir einmal erzählt. Jede ist ein Stück, über das es etwas zu berichten gibt, jede wird geliebt wie ein Haustier. Vorn grünen Ledersessel aus hörte ich sie nun im schönen Chor schlagen. Es war acht Uhr. Neun Minuten waren seit dem Anruf meiner Frau bei der Ärztin vergangen. Noch etwa drei Minuten trennten mich von meiner Begegnung mit dem Tod.
»Arme Doktorin«, sagte ich durch ein geschwollenes Lächeln, »was für eine unmögliche Tageszeit für einen Besuch von Freunden.«
Auf einem Beisetztisch zu meiner Linken überprüfte die Ärztin nochmals ihre Instrumente. Sie sagte zu meiner Frau: »Wenn wir das hinter uns haben, dann muß er ins Krankenhaus. Rufen Sie die Polizei an, sie sollen so schnell wie möglich einen Ambulanzwagen schicken.« Sie sprach mit ruhiger Autorität und ohne eine Spur von Aufregung.
Bei mir setzte währenddessen eine Art Euphorie ein. Sie zeichnete sich durch eine übertrieben fröhliche Stimmung aus, ein Gefühl des Gelöstseins, und -- das fiel mir auf, während ich es erlebte -- durch eine überhelle Wachheit, die mir höhere Logik und überlegenen Verstand zu verleihen schien.
Aus zwei Gründen empfand ich den Gedanken, einen Ambulanzwagen herbeizurufen, als abwegig. Einerseits schien es sinnlos. Ambulanzwagen. Krankenhaus und Bürokratie waren Lichtjahre entfernt, während die Entscheidung doch hier und jetzt fiel.
»Lesen Sie denn keine Zeitungen?« fragte ich. »Wissen Sie nicht, daß ein Ambulanzwagen vier Stunden braucht, um den richtigen Bezirk zu finden?«
Andererseits, wenn wir schon ins Krankenhaus mußten, warum dann nicht im eigenen Wagen? Ich hatte es auf dem Rücksitz sehr gemütlich gefunden. Jedermann zurück in den Schoß von Mutter Volkswagen! All dies wirbelte durch meinen Kopf und gleichzeitig noch der Gedanke, daß dies eine Situation voll schwarzen Humors sei -- die man entsprechend kommentieren müßte.
»Nicht wahr«, sagte ich, während die Ärztin mir den linken Arm mit Alkohol abrieb, »es gibt nichts, was nicht durch eine anständige Dosis Penicillin geheilt werden könnte.«
Die Ärztin ließ nicht erkennen, daß sie mich gehört hatte.
Dann, von weither, wie an einem abgetrennten Arm, fühlte ich das Kitzeln der Injektion und wie sich ein kleiner, fester Knoten bildete, als die Adrenalinlösung in den Muskel floß. Ich beobachtete, wie die Ärztin meinen Puls fühlte, und ich wunderte mich, daß ich nichts davon spürte.
Vom Schreibtisch aus rief meine Frau die Polizei an. Zur Rechten konnte ich meine Kinder sehen, die sich von der Eingangshalle aus mit weißen, ängstlichen Gesichtern, die Augen voll entsetzter Faszination, hereinschoben. Ich hörte, wie die Ärztin zu ihnen sagte, sie könnten ihrem Vater am besten helfen, wenn sie zum Wagen zurückgingen.
»Wir wollen alle in den Wagen zurückgehen«, sagte ich.
»Schsch«, machte die Ärztin. Wie sie mir später erzählt hat, folgte ihre Behandlung einer Strategie, die notfalls taktische Änderungen zuließ.
Das Adrenalin mußte zuerst verabfolgt werden, um mein Herz anzuregen, das nun alles andere als aktiv war. Der direkte Weg, der zuweilen bei Herzstillstand zusammen mit einer Herzmassage beschritten wird, ist eine Injektion in das Herz selbst, mit Hilfe einer langen Nadel unmittelbar durch den Brustkorb. Der zweite Weg ist der durch eine Hauptvene im Arm. Jede dieser Methoden birgt das Risiko in sich, daß das Herz durch zu starke Anregung in Flatterbewegungen versetzt wird -- »eine Komplikation, die wir nicht gebrauchen konnten«, wie die Ärztin es später formulierte.
Sie setzte alles auf eine Karte. In der Hoffnung, daß mein Herz noch stark genug schlagen würde, wählte sie die am wenigsten direkte Methode und spritzte das Adrenalin in den Muskel des oberen linken Arms. Wenn ihre Rechnung aufging, würde das Adrenalin seinen Bestimmungsort mit gemildertem Stoß erreichen.
Nun sollte -- nach der Strategie der Ärztin -- der zweite Gegenschlag folgen. Sobald eine allergische Reaktion beginnt, wird im Körper übermäßig viel Histamin freigesetzt. Dieses Hormon macht die Wände aller Körperzellen durchlässig.
In schweren Fällen ist die Überproduktion an Histamin gewaltig. Das Blutserum und die Lymphe ergießen sich dann wie eine Flutwelle durch die ·Wände der haarfeinen Blutgefäße, und das Blut selbst staut sich, statt zum Herzen zurückzufließen. Das ist die schnelle Kettenreaktion beim anaphylaktischen Schock, die zudem eine Reihe verheerender Nebenwirkungen auslöst. Dieses Geschehen kann nur so lange aufgehalten werden, bis Zellen und Gewebe absterben.
Der zweite Angriff also galt -- um etwas Zeit zu gewinnen -- dem Histamin. Die Ärztin wischte meinen rechten Oberarm ab und injizierte das hochwirksame Anti-Histamin. Die Dosis war mit 50 Milligramm überreichlich, wie sie wohl wußte. »Ich machte mir wegen der Überdosis keine Gedanken. Das wichtigste war, Ihnen genug davon zu geben. Sie sind ein kräftiger Mann«, sagte sie hinterher.
Nun wurde es Zeit für den großen, umfassenden Angriff mit Neutrapen -- dem Geschütz für den vernichtenden Schlag gegen das Penicillin selbst.
Verschwommen, denn meine äußere Wahrnehmungsfähigkeit ließ nach, sah ich jetzt, wie die Ärztin eine Vene in der Beuge meines linken Arms suchte. Das war schon seit Jahren bei Blutprobenentnahmen ein verzweifeltes Unterfangen gewesen. Ärzte, die zuerst dort zu stechen versuchten, hatten bald aufgegeben und statt dessen die dicke Vene im rechten Arm genommen.
»Versuchen Sie es mit dem rechten Arm«, sagte ich, »die Vene links ist schlecht zu finden.«
»Vielleicht hat Gott den Weg gezeigt«, sagte sie. Sie hatte die schwer auffindbare Vene des linken Arms beim ersten Versuch getroffen. Die Dosis lief hinein, 800 000 Einheiten Neutrapen -- alles, was sie in der Praxis hatte -, um die 500 000 Einheiten Penicillin zu suchen und zu zerstören. Nun war die Frage, ob das Blut noch kräftig genug strömte, die Substanz im Körper zu verteilen.
Aber in diesem Augenblick, so erzählte die Ärztin später, war kein Pulsschlag mehr zu fühlen, kein Druck und keine Strömung des Blutes wahrzunehmen. Das Adrenalin war wirkungslos geblieben. Plötzlich wußte ich es. »Werde ich sterben?«
Keine Antwort; oder vielmehr keine, die ich hören konnte.
»Sagen Sie mir ehrlich, werde ich jetzt sterben?«
»Nein, wir lassen Sie nicht sterben«, sagte die Ärztin, aber ich hörte es nicht.
»Hören Sie, ich möchte Ihnen sagen. wie es ist, Ihnen beschreiben ... bitte schreiben Sie es auf ...«
Die äußere Wahrnehmungsfähigkeit war geschwunden. Ich hörte und sah nichts mehr. Ich sackte nach vorn. Meine Frau hielt meinen Kopf, damit ich nicht vom Stuhl fiel. Nach allen herkömmlichen medizinischen Maßstäben war ich klinisch tot. Aber in mir verspürte ich ein Aufwallen innerer Wachheit -- vergrößert, mit Feineinstellung, leuchtend hell.
Der Tod ist etwas, was fortschreitet. Man fühlt, wie erst die Zehen sterben, dann -- Zelle für Zelle -- auch die Füße, durchwühlt von Tod, wie von Wellen, die den Sand durchwaschen. Dann die Beine -- verlöschende Zellen. Näher jetzt, noch deutlicher wahrzunehmen: Hände, Arme, Leib und Brust, jede Zelle auflodernd wie eine Supernova, dann verglüht.
Im Tod ist Ordnung und System wie in allem Leben. Ich muß versuchen, diesen Prozeß zu verfolgen, mein Gehirn bis zum letzten zu erhalten, wachzuhalten. Jetzt der Nacken. Der Unterkiefer. Die Zähne. Wie seltsam es ist, seine Zähne sterben zu fühlen, einen nach dem anderen, jede Zelle die andere entzündend. Milchstraßen von Zellen, vergehend wie Feuerwerk.
In der Erinnerung an jene Sekunden taste ich noch nach etwas anderem. Es war da noch etwas, das ich
* Fahrbare Lebensrettungs-Maschine im Pennsylvania-Hospital von Philadelphia (US-Staat Pennsylvania).
im letzten Augenblick fühlte oder durchlebte oder erblickte. Was war es?
Ich kannte es so gut, als es da war, sich vor mir auftat, etwas Schöneres, Sanfteres, Gütigeres, als sich Verstand oder Einbildungskraft eines lebenden Wesens jemals vorstellen können. Aber es ist weg.
Der Donnerschlag des Adrenalins ins Herz, Zuckungen durch alle Grotten, Schluchten, Klippen und Spitzen des Körpers. Graupelschauer, gegen meine Nacktheit getrieben wie im Sturm, stechend, schneidend. Dann verschwommene Bewegungen, Geräusche von Stimmen.
Es ist erst drei oder vier Minuten her, daß ich mich im grünen Ledersessel niederließ. Die Ärztin steht zu meiner Rechten und fühlt meinen Puls, während ich aus dem Koma wiedererwache. Ihr Mann, der Chirurg, ist in seinem blausamtenen Morgenmantel von irgendwoher erschienen und fühlt meinen Puls links.
»Der Puls kommt wieder«, sagte er, ruhig und kräftig.«
Ich fahre im Ambulanzwagen. Sonnenlicht durch die Scheiben, flüchtig erhaschte Ansichten von Bäumen mit gelbgrünen Knospen. Über Mund und Nase hat man mir eine Sauerstoffmaske gestülpt. Ich sauge hungrig an dem geruchlosen Nichts.
Jetzt das Bumsen der Schlaglöcher, das Hupen, als der Verkehr dichter wird. Gute Geräusche, Geräusche des Lebens und der Lebenden.
»Keine Sirene?« fragt meine Frau. »Wir haben keine«, sagt die Schwester.
Unter der Sauerstoffmaske hebe ich meine Stimme zu einem wilden Geheul. Die Schwester schreckt hoch, aber meine Frau versteht die Botschaft. Sie lächelt und zwinkert ihre Tränen weg.
»Er spielt Sirene«, sagt sie.