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BÜCHER Imaginäres Zuhause

Nadja: »Briefe aus Rußland«. Aus dem Russischen von Natascha Wodin. Dirk Nishen Verlag in Kreuzberg, Berlin; 224 Seiten; 28 Mark. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Meine liebe, geliebte Nataschenka! Es ist gar nicht leicht, in dieser lauten, hektischen, hitzeglühenden Stadt einen ruhigen Augenblick zu finden, die Gedanken ein bißchen zu ordnen, sich an den Tisch zu setzen und einen Brief zu schreiben ...« Hinter Nadja, dem Vornamen der anonymen Absenderin, verbirgt sich eine in Moskau lebende, 60jährige Russin. In den vergangenen vier Jahren hat sie etwa drei Dutzend Briefe an westdeutsche Freunde geschrieben: vor allem an die 20 Jahre jüngere Übersetzerin Natascha Wodin.

Nadja ist keine Dissidentin. Sie ist eine gebildete Frau, die vor der Geistfeindlichkeit der sowjetischen Kulturpolitik in die Nische der Wissenschaft geflohen ist. »In die Wissenschaft gehen«, erläutert der kleine deutsche Verlag, meint in der Sowjet-Union soviel wie »aussteigen«. Nadja ist ohne Getöse ausgestiegen: in die Literatur des 19. Jahrhunderts, deren Lebensgefühl ihr imaginäres Zuhause und ihr Argument gegen die verregelte Gegenwart ist.

Nadjas Briefe geben Auskunft über den Alltag einer feinfühligen Intellektuellen in einer (für sie selbst, zumal ihre deutschen Leser) fremden Welt. Sie erzählen, zärtlich oder kritisch, von Menschen wie von Büchern: von staatlich approbierten Literaten ("Diese aufgedunsenen Köpfe mit den schläfrigen Augen"), aber auch von schreibenden Freunden, die, obwohl oder weil sie immerzu auf der Jagd nach Wörtern sind, sich noch auf die beinahe ausgestorbene Kunst des geduldigen Zuhörens verstehen. Und allgegenwärtig spazieren die Klassiker durch die Zeilen; ihre Verse und Figuren scheinen für Nadja so lebendig zu sein wie die Paare und Passanten auf dem Roten Platz.

Bei der Lektüre der nachdenklichen Briefe, die von Landschaftsansichten und zweisprachig abgedruckten Gedichten eingerahmt werden, zeigt sich vor allem dies: daß es jenseits des Klischees von der russischen Seele, wie sie im Kosakenkostüm eines Iwan Rebroff durch unsere Fernsehunterhaltung tanzbärt, einen unverwechselbaren Geist gibt, der die Erschütterungen der russischen Gesellschaft in diesem Jahrhundert überlebt hat - eingeschlossen in der Literatur wie ein Insekt im Bernstein.

Ihre Zeitgenossen, die Russen von heute, sagt Nadja, könne man ohne die klassische Literatur nicht verstehen: nicht ihre Lethargie und nicht ihre Individualität: »Alle begannen zu lachen«, zitiert Nadja eine Kindergeschichte Tolstois, »aber Wanja begann zu weinen.«

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