Zur Ausgabe
Artikel 45 / 62

FERNSEHEN Immer ein Chef

Die »Bundeszentrale für politische Bildung« hat eine Bestsellerliste der TV-Unterhaltungsautoren aufgestellt. Dem Publikum kaum bekannte Stückeschreiber beeinflussen das Programm stärker als Star-Journalisten.
aus DER SPIEGEL 1/1974

Peinlich achten Partei-Politiker auf den TV-Proporz im Polit-Programm. Doch stärker als durch »Panorama« oder »Report« wird Meinung beim Zuschauer gemacht, wenn die »Mordkommission« Verbrecher jagt oder das »Königlich Bayerische Amtsgericht« sie verknackt.

Das hat Christian Longolius, Medienreferent der »Bundeszentrale für politische Bildung«, in einer Untersuchung festgestellt. Sie erschien nun -- mit 17 weiteren Beiträgen von Fernseh-Machern und -Kritikern -- als Buch*.

Longolius ermittelte erstmals eine »Bestsellerliste« (siehe Kasten) der erfolgreichsten TV-Unterhaltungsschreiber -- nach einem »denkbar primitiven, aber überprüfbaren Verfahren": Er multiplizierte die Sendeminuten der 1970 und 1971 ausgestrahlten Fernsehspiele (jedes Stück, das vom Zuschauer »als gestalteter Handlungsablauf erkannt« wird) mit der Zahl der eingeschalteten TV-Geräte und erhielt so für jeden Autor einen »Wirkungsindex«.

Daraus ergibt sich, daß Programmkritiker bisher das Wirken ausländischer Serien-Fabrikanten überschätzt

* Fernsehen in Deutschland III -- Macht und Ohnmacht der Autoren Zusammengestellt von Christian Longolius; v. Hase & Koehler Verlag, Mainz: kartoniert 22 Mark. Leinen 28 Mark.

haben. Denn der erfolgreichste fremdsprachige Autor, Agatha Christie, erscheint erst auf Platz 8. der US-Gebrauchsliterat Carey Wilber ("Big Valley«, »Die Leute von der Shiloh Ranch«, »Tarzan") gar auf Platz 11 der Bestsellerliste. Bei ARD und ZDF teilen sich viele englischsprachige, aber nur wenige deutsche Schreiber den TV-Markt. Neu ist außerdem die Erkenntnis, daß die weithin unbekannten heimischen Unterhaltungsschriftsteller, etwa Dieter Werner (mit einem Wirkungsindex von 6 054 210 000 Einschaltminuten auf Platz 6), dem TV-Volk mehr zu sagen haben als Starjournalisten wie Peter Merseburger (5 941 836 000 Minuten) -- der Bestseller-Führer, »Kommissar« Herbert Reinecker, gleich sechsmal soviel.

Trotzdem kümmern sich Partei-Funktionäre kaum um den Inhalt der Fernseh-Unterhaltung, obwohl darin, so Longolius, die »politische Ausgewogenheit permanent verletzt wird«. Der Medienjournalist Egon Netenjakob, Ko-Autor der Untersuchung, bescheinigt allen Bestseller-Schreibern (nach ausführlichen Interviews) eine »konservative Grundhaltung«. die »Abneigung, für irgend etwas auf die Barrikaden zu gehen«, und schließt daraus: »Ein gewisses Maß an Anpassungsbereitschaft ist offenbar eine Voraussetzung für den Erfolg.«

Mit diesem Rezept sind manche Spitzen-Schreiber schon seit dreißig Jahren gut gefahren. Reinecker etwa hat im Dritten Reich sogar für einen »staatspolitisch und künstlerisch wertvollen« (NS-Prädikat) Durchhaltefilm ("Junge Adler") das Drehbuch mitgeschrieben. Zwar ist das Verbrechen im »Kommissar« heute »nicht mehr das Werk von naturbösen Untermenschen«. doch die »Analyse der Übelstände, die er beklagt«, ist noch immer »Reineckers Sache nicht« (Netenjakob).

Statt dessen werden die Fernseh-Helden, wie der »Kommissar«, in »heimlicher Überlegenheit mit jeder Schlamperei fertig": für »Christ und Welt« (jetzt »Deutsche Zeitung") ist der TV-Verbrecherjäger gar ein »steter Besserwisser, der unserem Bewußtsein von der ideal-bürgerlichen Führerfigur entspricht« -- weil sich die Autoren (Durchschnittsalter über 50 Jahre) selbst am liebsten als Vaterfiguren sehen: »Es klingt ein bissl blöd«. gibt der konservative Österreicher Fritz Eckhardt zu, »aber ich bin halt immer der Chef, der Chef des Hauses Haslinger, der Chefinspektor Marek, der Chefportier im Sacher.«

»Aktuelle Zeitkritik«, so sagt Netenjakob, findet in solchen Stücken dagegen meist »nicht statt«. Weil die Schreiber aus einer gehobenen Bildungsschicht kommen, stehen sie den Problemen der meisten Zuschauer, deren »Bildungsweg nach Zwerg- und Fahrschule beendet war, nicht gerade zynisch, aber doch ein wenig hilflos gegenüber« (Longolius) -- und machen aus dieser Not flugs eine Tugend.

»Das Publikum hat ein Recht«, so glaubt Heinz-Oskar Wuttig, »wenigstens einmal eine Stunde lang von den Umweltkonflikten nicht befeuert, bombardiert zu werden.« Deshalb produziert er -- ähnlich wie vor dem Zweiten Weltkrieg in seinen Romanen ("Vagabund zwischen Himmel und Erde«. »Straße aus Eisen und Stein«, »Der Fechtmeister Falk") -- »die schönsten Blüten von einer heilen Welt« (so der Evangelische Pressedienst epd). Und Rolf Schulz. der sich stolz »Volksschriftsteller« nennt. dichtet gar Serien, gegen die »,Onkel Toms Hütte, ein schlicht naturalistischer Tatsachenbericht ist« -- das schrieb epd über »Keine Zeit für Abenteuer«.

Dabei war Schulz an dieser Sendung nicht allein schuld. Beim Stoff-Studium für die Spiel-Folgen über den deutschen Entwicklungsdienst, die mit Hilfe des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gedreht worden waren« kamen dem Autor Zweifel an der Effektivität der Organisation. Gleichwohl getraute Schulz sich nicht, die Bürokraten-Erwartung zu enttäuschen, daß er weder Entwicklungsländer verärgern noch potentielle Entwicklungshelfer vom Dienst abschrecken würde.

Anstalts-Redakteure hingegen streichen den Autoren oft noch die seltenen Versuche einer Problem- und Vergangenheitsbewältigung, weil sie -- besonders im Werbe-Rahmenprogramm -- nach hohen Einschaltzahlen schielen. Die Auftraggeber zwingen ihre Stücke-Schreiber deshalb, Ratschlägen des Zuschauerforschungs-Instituts Infratest zu folgen.

So warnten die Meinungsforscher Reinecker nach einer »Kommissar«-Sendung, daß »eine Reihe von Zuschauern erfahrungsgemäß von vornherein gegen herumstreunende« nichts arbeitende Jugendliche ein wenig allergisch« sei. Sie rieten Wuttig ("Salto mortale"), das Artistenmilieu einzudeutschen, weil einige italienisch parlierte Sätze bei TV-Sehern Ressentiments geweckt hatten. Und seit bei Eckhardt mal ein böser Nazi vorkam ("Chronik der Familie Nagele") und das Zuschauer-Urteil (bestmögliche Note + 7) auf + 2 runtergerasselt ist, schreibt und spielt der Erfolgsautor ("Tatort") zwar noch »alles, nur nicht nach dem Leben, weil das Leben das Blödeste ist«.

Demoralisiert werden Bestseller- Macher zudem, so schimpft Georg Lohmeier alias Tassilo Herzwurm, weil sie »hundsmiserabel« bezahlt werden. Der Bayer ("Königlich Bayerisches Amtsgericht") ärgert sich darüber, daß »irgendeine Arschverrenkerin und Schlagerschaftsphonetikerin 5000 Mark für zwei Liedln« kassiert, er aber für ein 25-Minuten-Spiel nur 3000 Mark.

Daß deshalb »immer mehr in größerer Eile« und folglich »immer Flacheres« produzieren müssen, so entschuldigt sich Horst Pillau, könnte heilsam fürs Programm sein -- einige Autoren haben ihre Vielschreiberei inzwischen als »Nachteil unseres kapitalistischen Gesellschaftssystems« (Pillau) begriffen. Dennoch verändern sie mit ihren Stücken weiterhin nichts anderes als ihren Kontostand (durchschnittliches Jahreseinkommen: 100 000 Mark).

Lohmeier, der kürzlich in Ost-Berlin DDR-intellektuelle mit einem Vortrag »über die Zukunft der Monarchie« ergötzt hat, kontert Angriffe auf seine Kommerz-Kunst sogar mit einem (vorgeblichen) Lenin-Wort: »Ein Maschinengewehr ist für die Revolution wichtiger als die Kulturleistung einer Nation.«

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 62
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.