Zur Ausgabe
Artikel 63 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BÜCHER Immer ein Kind

Erich Valentin: »Lübbes Mozart-Lexikon«. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach; 224 Seiten; 26 Mark. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Valentin, 77, bis 1972 Direktor der Münchner Musik-Hochschule, gehört zu den verdienstvollsten Mozart-Forschern in Deutschland. Sein Lexikon, das erste über Mozart überhaupt, reflektiert knapp, aber genau den Stand der musikwissenschaftlichen Forschung.

Es gibt auch sorgfältig Auskunft über wichtige (und weniger wichtige) Personen in Mozarts Lebensumkreis und vermerkt über das von Vater Leopold in der Welt umhergejagte Wunderkind wie über die Tourneen des Erwachsenen, Mozart habe von den 35 Jahren, zehn Monaten und neun Tagen seines Lebens zehn Jahre, zwei Monate und acht Tage auf 17 Reisen verbracht.

Noch dankenswerter ist Valentins Entschiedenheit, mit Mozart-Mythen aufzuräumen, die noch immer die Welt der Musik, des Theaters und der Plattköpfe durchraunen: Mozart wurde weder von den Freimaurern noch vom angeblichen Rivalen Antonio Salieri vergiftet, er ist auch nicht im Massengrab, sondern in einem »Schachtgrab« beigesetzt worden (in dem freilich sein Sarg später auch nicht mehr identifiziert werden konnte).

Über die tödliche Krankheit allerdings streiten die Gelehrten noch immer: entweder »urämisches Coma« durch Nierenversagen oder aber »Herzversagen«, vielleicht auch »aderlaßbedingtes Verbluten«.

Rezeptionsgeschichte und Ästhetik mußten wohl wegen des geringen Lexikonumfangs zu kurz kommen. Bedauerlich allerdings bleibt, daß die großen Mozart-Dririgenten Karl Böhm, Fritz Busch und Otto Klemperer nicht einmal erwähnt werden und von modernen Mozart-Instrumentalisten keine Notiz genommen wird. Auch über die neue Mozart-Deutung des rastlosen Nikolaus Harnoncourt steht nichts da.

Dafür nimmt sich Valentin die künstlerische Freiheit, die eigene Lieblingsthese von Mozarts »Aktionsdrama« gleich mehrfach vorzustellen - einem Drama, das als »Synthese von Musik, Wort und Geschehen« eher an Wagners »Gesamtkunstwerk« erinnert.

Valentin verschweigt auch Skepsis der Großen über den Größten. Beethovens Urteil über Mozarts Klaviersonaten kommt nicht vor: »Wer Clementi gründlich durchstudiert, hat zugleich Mozart ... mitgelernt.«

Die berühmte Diagnose von Mozarts Schwester Nannerl, »außer der Musik war und blieb (er) fast immer ein Kind«, nennt Valentin allerdings »authentisch«.

Hat dieses kindisch-kindliche Wesen, »ein Haupt Zug seines Charakters auf der schattigten Seite«, wirklich niemals Mozarts Musik beeinflußt?

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel