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SCHRIFTSTELLER Immer schwerer

Ein Exzentriker will Eis im Dschungel verkaufen - Thema des Films »Mosquito Coast« nach Paul Theroux. Erlebt der Autor einen Boom in der Bundesrepublik? *
aus DER SPIEGEL 10/1987

Was ist aus Amerika geworden? Dem Land der Verheißung, der unbegrenzten Möglichkeiten?« fragt Allie Fox seinen Sohn Charlie während einer Autofahrt - und gibt sich flink selbst die bittere Antwort: »Trink eine Cola, sieh fern! Leb von Sozialhilfe, schnapp dir die Moneten! Werde kriminell.«

Die Szene steht am Anfang des Films »Mosquito Coast«; sein Held Allie Fox ist unflätig und scharfzüngig, voller Zorn auf die USA und zugleich von der Sorge um die Heimat getrieben. Fox ist, so meint sein Schöpfer, der Autor Paul Theroux, ein typischer Amerikaner, »erfinderisch. Von Pioniergeist beseelt und idealistisch«.

Unvermittelt bricht er eines Tages mitsamt Familie in den Urwald auf, um eine Eisfabrik zu errichten. Denn Eis, schwadroniert der exzentrische Erfinder, sei Zivilisation. Im Dschungel freilich findet Allie, der rechte Winkel wollte, eine hinterlistige Natur.

Theroux'' Roman »Moskito-Küste« erschien 1981 und wurde im englischen Sprachraum ein Bestseller: Der 45jährige, in Medford/Massachusetts geborene Autor ist weltweit gefragt. Seine Werke - Romane, Reiseberichte, Reportagen, Porträts und Rezensionen - erreichen, in mehr als zehn Drachen übersetzt, inzwischen eine Auflage von über fünf Millionen Exemplaren. Und mehr und mehr entdeckt ihn der Film.

Theroux'' Roman »Saint Jack«, die Geschichte eines Zuhälters in Singapur, wurde 1979, mit Ben Gazzara in der Rolle des seltsamen Heiligen, von Peter Bogdanovich verfilmt. Der Soft-Porno »Dr. Slaughter« kam mit Sigourney Weaver und Michael Caine vergangenes Jahr in Frankreich, England und Amerika heraus.

Seit zwei Wochen läuft nun »Mosquito Coast«, in den deutschen Kinos (Regie: Peter Weir). Da der Film groß gestartet wird, hofft Theroux'' deutscher Verleger Helmut Frielinghaus, daß sein Autor auch hierzulande endlich entdeckt wird. _(Paul Theroux: »Moskito-Küste«. Claassen ) _(Verlag, Düsseldorf. 448 Seiten; 24,80 ) _(Mark. )

»Mosquito Coast-Autor Theroux hätte, ähnlich wie sein Held Allie Fox, frühzeitig seine Heimat Amerika verlassen. Aus Protest gegen den Vietnamkrieg schloß er sich dem Peace Corps an und ging für diese Entwicklungshilfe Organisation Anfang der 60er Jahre nach Ostafrika. Nach wiederholten Auf-Fernost, wo er an der Universität von Singapur über das englische Drama las. Doch bald fand der Unstete die Lehrtätigkeit langweilig, den Fernen Osten genauso lähmend wie vordem Afrika.

Da Theroux nicht in die Staaten zurück wollte, ließ er sich - inzwischen mit Familie - in England nieder, »in Conan Doyles Land«, wie er die Insel liebevollabfällig nennt.

Am Südufer der Themse hat sich Theroux in einem sparsam möblierten »office« eingerichtet. Hier schreibt er, wenn er nicht unterwegs ist, jeden Tag von morgens bis abends, »außer an Wochenenden«. Theroux ist ein Schriftsteller ohne jeden Geniekult. Das karge Ambiente nötigt den Auflagen-Millionär zur Disziplin, vom Ödland seines Büros aus startet Theroux seine Reisen in die Phantasie. Theroux ist ein travelling man, ein Reisender in Literatur. Allein beim Reisen, sagt der Autor, könne er einen Blick in die Zukunft werfen, in der Fremde sehe er weiter als zu Haus.

»Fremd zu sein«, läßt Theroux Lauren im ersten Absatz des Romans »Dr. Slaughter« _(Paul Theroux: »Dr. Slaughter«. Claassen ) _(Verlag, Düsseldorf. 152 Seiten; 28 Mark. )

frohlocken, »das war aufregend, so ähnlich wie verkleidet zu sein - voller verlockender Möglichkeiten.«

Die Amerikanerin Lauren Slaughter nutzt ihre Fremdheit in London zu einem gewagten Doppelspiel. Tagsüber arbeitet sie als Stipendiatin in einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut, außerhalb der Bürostunden als Modell bei der »Jasmin«-Agentur. Die Arbeit am Institut scheint ihr vergleichbar mit den Handreichungen nach Feierabend. Wenn sie von jemandem gefragt wird, was sie so treibe, antwortet sie: »Forschungsarbeiten« und denkt: »und zwar das volle Programm«.

Theroux schreibt eine karge und direkte Sprache: Wie Hintergrundmusik durchzieht Ironie sein Schrifttum. In seinen raffiniert komponierten Werken triumphiert bisweilen die Technik über die Substanz. Bisweilen sarkastisch, zeichnet der Autor italienisch-französischer Abstammung das Bild einer in ihrer Vielfalt explodierenden Welt und gehört damit zu einem der interessantesten zeitgenössischen Schriftsteller. Vor allem die ganz unterschiedlichen Erzählperspektiven

verleihen seinen Büchern künstlerische Qualität.

So beschreibt Theroux Lauren Slaughters leichtsinnige Liaisons ganz aus der Sicht der jungen Frau. In dem Inzest-Roman »Orlando oder die Liebe zur Fotographie« läßt er nur die alte Lichtbildnerin Maude Pratt, eine Art Alter ego der berühmten Photographin Julia Margaret Cameron, zu Worte kommen. Aber das Familienabenteuer an der »Moskito-Küste« berichtet, frappiert von den bizarren Umständen, einer der heranwachsenden Jungen von Allie Fox. Seine Helden liebt Theroux nicht sonderlich; meist überläßt er sie schnöde ihrem Schicksal.

Doch Theroux erfindet nicht nur Geschichten von Fremdlingen und Aussteigern, er berichtet immer wieder auch über eigene Reise-Erfahrungen. So wanderte er die gesamte Küste Englands entlang und ließ dabei seinem Unmut über die neue Heimat, »diesem schrulligsten Eiland Europas«, freien Lauf - merkwürdigerweise zum Ergötzen der Insulaner.

Theroux'' Reisen sind heftige Romanzen mit der Fremde. Inzwischen hat er fast die ganze Welt befahren: von London aus reiste er mit dem Zug über Frankreich. Italien, den Balkan, Istanbul, Neu-Delhi, Saigon nach Sibirien; von Massachusetts führte ihn eine Eisenbahnfahrt bis nach Patagonien; mit India-Rail reiste er vom Khyber-Paß bis Bangladesch. »Der ideale Reisende ist ein leidenschaftlicher Pilger«, bekennt Theroux. Erst beim Alleinreisen erfülle sich der Mythos des Mannes auf Durchreise.

Theroux, der zu einem Clan von Schriftstellern gehört - drei von vier Brüdern sind Autoren-, wollte selbst nie Schriftsteller werden. Das sei in den USA ein femininer Beruf, »keine Arbeit für einen Mann«.

Ehe man in Hemingways Macho-Land, Mailers Box-Camp, Irvings Ring-Arena oder Bukowskis Säufer-Gebirge zur Feder greifen dürfe, müsse man beweisen, daß man ein richtiger Mann sei: »Mit Stier- und Ringkämpfen und auf der Elefantenjagd«, spöttelt Theroux. Bücherschreiben werde mit Schwäche, Versagen und Impotenz verbunden, »außer, man wird reich dabei«.

Nach 24 Büchern und zwei Drehbüchern ("Mosquito Coast«, »Saint Sack") hat sich Theroux der sanfte Spötter, reich und matt zugleich geschrieben. Seine ständige Begleiterin, die Schwermut, hat bei ihm Spuren hinterlassen. Zweifel an der eigenen Produktion sind aufgetaucht. Erst der Beginn eines neuen Romans kann die Selbst-Kritik am letzten Buch entkräften (im Herbst erscheint sein neuestes auf deutsch). Nun denkt Theroux ans Aufhören: »Schreiben wird mit dem Alter immer schwerer.« Vor allem die Einsamkeit hat ihn zermürbt: »Am liebsten würde ich davonlaufen.«

Wie Allie Fox an die »Moskito-Küste«.

Paul Theroux: »Moskito-Küste«. Claassen Verlag, Düsseldorf. 448Seiten; 24,80 Mark.Paul Theroux: »Dr. Slaughter«. Claassen Verlag, Düsseldorf. 152Seiten; 28 Mark.

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