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Stasi »Immer tiefer in den Sumpf«

Wiederholt habe ihm der Musikmanager und ehemalige Frankfurter Stadtrat Diether Dehm seine Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gestanden, sagt der Liedermacher Wolf Biermann. Jetzt will die Frankfurter SPD über Dehms Parteiausschluß beraten und Biermann als Zeugen hören. Warum er die Aussage verweigert, begründete Biermann letzte Woche. Der SPIEGEL druckt auszugsweise seine Erklärung.
aus DER SPIEGEL 26/1996

Eine Schiedskommission in Frankfurt am Main beschäftigt sich mit der Frage, ob Dr. Diether Dehm Mitglied der SPD bleiben darf, obwohl er seine Partei als jugendkecker Agent des MfS jahrelang bespitzelt hat. In Zeitungen wird nun gemutmaßt und darüber spekuliert, ob ich und wann ich und was ich vor dieser Schieds-kommission zum Fall meines einstmaligen Freundes aussagen werde. Wenn sich die Gelegenheit bietet, werde ich vor einem ordentlichen Gericht als Zeuge auftreten. Aber ich verstehe nicht, wie SPD-Funktionäre auf die Idee kommen können, mich vor ein Gremium ihrer Partei zu laden. Ein Herr Fred Zander bat mich nun schriftlich, an einer Sitzung »in Sachen ,Vorwürfe gegen Dr. Dehm' teilzunehmen und zur Klärung der Angelegenheit beizutragen«. Mir kam diese Zumutung so hirnrissig vor, daß ich nicht einmal mit Nein antworten mochte.

Nach der simplen Logik des gesunden Menschenverstandes müßte die SPD sich erst einmal von einem ausgewachsenen Exemplar wie Stolpe trennen, der jahrzehntelang als ein hochkarätiger Stasi-Spitzel in der DDR-Kirche tätig war. Erst dann dürfte sie darüber nachdenken, ob die Jugendtorheiten eines dunkelroten Brausekopfes Grund genug sind, ihn aus der altrosaroten SPD zu schmeißen.

Der Fall Dehm ist leidlich bekannt. Nachdem Wissenschaftler die MfS-Akte des IM »Willy« alias Diether Dehm gefunden hatten und Journalisten den Fall vor einigen Wochen an die Öffentlichkeit brachten, habe ich zu all dem einen kleinen Artikel im SPIEGEL geschrieben. Ich sah mich dazu veranlaßt, weil Diether Dehm nach meiner Ausbürgerung im Jahre 1976 als Mitarbeiter des MfS mein Konzert-Manager wurde. Im SPIEGEL vom 29. April kann man nachlesen, daß Diether Dehm immerhin eineinhalb Jahre vor dem Ende der DDR mir gegenüber seine MfS-Beziehungen offenbart hatte.

In derselben Ausgabe des SPIEGEL stand auch ein Interview, in dem Diether Dehm leugnete, jemals Spitzel der Staatssicherheit gewesen zu sein. Das hinderte ihn allerdings nicht, mich anzurufen, nachdem er meinen Artikel gelesen hatte, und sich bei mir überschwenglich zu bedanken. Ich hoffte, er würde nun mit seiner Ehrlichkeit, die mich erleichterte, auch sich selbst in der Öffentlichkeit aus dem Sumpf der Lügen ziehen. Aber nein, er entblödet sich nicht origineller als Böhme, Anderson, de Maizière und andere MfS-Zuträger. Nun rächt sich an Dehm die uralte Lebensweisheit: »Eine halbe Wahrheit ist immer eine ganze Lüge. » Ich sehe das mit Kummer und denke: Mancher ist halt seines eigenen Unglückes Schmied.

Nun gut, nun schlecht - Diether Dehm hat also nicht den Mut gehabt, einen freundschaftlichen Rat zu nutzen, er hat leider nicht die entwaffnende Wahrheit gewagt. Wieder eine Chance vertan! Diether Dehm hätte es all diesen feigen Frohnaturen zeigen können. Statt dessen strampelt er sich immer tiefer in den Sumpf. Giftige Blasen steigen hoch.

Es ist grotesk, daß eine Partei, die den populistischen Stasi-Spitzel Stolpe als SPD-Ministerpräsidenten hält und sich zugleich an ihm festhält, nun einen einflußarmen kleinen Ex-Spitzel ausschließen will, der immerhin schon lange vor dem Ende der DDR seine Mitarbeit im MfS aufgekündigt hatte.

Es gibt Betrunkene, die so tun, als seien sie nüchtern - es gibt aber auch Nüchterne, die so tun, als ob sie betrunken sind. Solche Leute muß man fürchten. Diether Dehm rühmt sich damit, eine Spitzelkarriere mutig abgebrochen zu haben, von der er im gleichen Atemzug wie besoffen behauptet, er habe sie niemals begonnen ...

Ich finde, die Frankfurter Schiedskommissionäre sollten ihren Genossen nicht exkommunizieren. Wenn die taktische Vernunftsehe zwischen Stolpe und der SPD vollzogen werden soll, bis daß der Tod des einen oder des anderen sie scheidet, müßte diese ruinierte Partei auch den Mut zur konsequenten Verzweiflung haben. Die SPD sollte also Dr. Diether Dehm eine ordentliche Parteikarriere ermöglichen.

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