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Pop Immer wieder Yeah

Vom genialen Dilettanten zum Popstar: Frank Black, mit den »Pixies« einst Pionier des bizarren Gitarrenlärms, macht solo Karriere.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Der Mann zeigt Mut zum Doppelkinn. Schweißbäche rinnen ihm übers Gesicht, wenn er seinen stattlichen Schmerbauch an den Mikrofonständer drückt, wobei sein Kopf meist im 45-Grad-Winkel brustwärts knickt: So sieht kein Popstar aus, dessen lebensgroße Starschnitt-Fotografie sich kleine Mädchen übers Bett hängen.

Trotzdem gilt der Amerikaner Frank Black, 29, als große Pop-Hoffnung. So wird der kurzgeratene, dicke Mann, der nach gängigen Maßstäben weder schön noch cool noch sexy ist, beim Auftritt in einem Pariser Konzertkeller von ein paar hundert Zuhörern bejubelt. Black, der mit bürgerlichem Namen Charles Michael Kitridge Thompson heißt, ist ein Musik-Idol der skurrilen Art.

Sechs Jahre lang, von 1986 bis 1992, war Black Bandleader und Vordenker der »Pixies« - einer lärmenden Gitarrenband, deren wüster, oft unverhofft melodieseliger Brachialsound mittlerweile als stilbildend für die lauten Wilden der neunziger Jahre anerkannt ist. So gestand »Nirvana«-Sänger Kurt Cobain, lange bevor er seinem kurzen Leben mit einer Ladung Schrot ein Ende machte: »Keine andere Band hat mich mehr beeinflußt als die Pixies.«

Cobain, der Zauberlehrling, hatte offenbar die Theorie-Lektionen von Meister Black schnöde ignoriert: »Popmusiker nehmen sich viel zu wichtig«, lautet einer seiner Lehrsätze, ein anderer: »Rock'n'Roll ist nichts anderes als die Kunst, auf tausend verschiedene Arten ,Yeah' zu sagen.«

Thompson alias Black scheint sich ziemlich strikt an solch selbstgewonnene Erkenntnisse zu halten: Seit er im Vorjahr die endgültige Auflösung der längst zur Legende verklärten Pixies bekanntgab, versucht er sich als Solokünstler - und hat es nun auf seiner zweiten, »Teenager of the Year« benannten Platte geschafft, der Welt in gleich 22 staunenswerten Variationen sein »Yeah« entgegenzuschleudern.

Schon im Titel kokettiert das Werk mit jugendlicher Unbekümmertheit, und folgerichtig inszeniert Blacks »Teenager«-Album ein großes Verwirrspiel: Ein paar der Songs des neuen Albums sind gerade mal 90 Sekunden lang. Die musikalischen Querverweise reichen von öligem Siebziger-Jahre-Georgel im Hintergrund bis zu verblüffenden Stimmenimitationen.

An Lou Reed, Neil Young, David Bowie und Iggy Pop wähnen sich Musickritiker in ihren fast allesamt hymnischen »Teenager of the Year«-Besprechungen erinnert: Wem so viele große Vorbilder unterstellt werden, der muß schon ein verteufelt origineller Bursche sein.

Bei aller Zitierwut nämlich hat Black sich die Neuerungskraft vergangener Pixie-Tage bewahrt: Immer noch gibt es verwegene Krach-Improvisationen, und bis heute handeln die Texte des Science-fiction-Fans von seltsamen Zombies und Außerirdischen, denen man mitunter im Musikshop um die Ecke begegnet. Im Song »Freedom Rock« beispielsweise trifft der Sänger im Plattenladen auf einen armen Irren, der unbeirrt an die revolutionäre Befreiungskraft der Musik glaubt. »Ich bin nicht konform, ich trage eine andere Uniform«, behauptet der Verwirrte. Für die klampfenden Weltverbesserer des Popgeschäfts und deren Fans hat Frank Black nur ätzenden Spott übrig.

Er selbst ist durch schieren Zufall zur Musik gekommen. Als er 1986 in Boston studierte, brachte ihn der Computer einer Zimmervermittlung mit dem Hobby-Gitarristen Joey Santiago zusammen, der bis heute sein treuester Mitstreiter ist. Bald darauf legten die beiden blutigen Pop-Anfänger im Verein mit dem Hobby-Schlagzeuger David Lovering und der ebenfalls dilettierenden Bassistin und Co-Sängerin Kim Deal los: Der Rest ist Pixies-Legende.

Heute ist Kim Deal mit ihrer eigenen Band »Breeders« erfolgreich - und Frank Black bürstet die Nachfragen aller Nostalgiker grimmig ab. »Vergessen wir doch die Pixies«, sagt er, ein mit Champagner gefülltes Plastikglas in der Rechten, in der Konzertsaal-Garderobe, »im Augenblick interessiert mich die Musik der frühen Sechziger viel mehr: War Del Shannon nicht der Größte?« Y

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