Immersives Kunsthaus in Amsterdam Mach mich biometrisch schön

Und, wie seh ich aus? Eine Ausstellung in Amsterdam zeigt Besuchern nicht ihr tatsächliches Spiegelbild, sondern eine künstlich optimierte Version. Und das macht nachdenklich.

So oft blickt ein Mensch in den Spiegel. Beim Händewaschen und Zähneputzen, beim Anziehen oder im Vorbeigehen - die Blicke auf den eigenen Körper und das Gesicht sind prüfend. Schnell noch die Frisur richten, die Körperhaltung korrigieren, eine vorteilhafte Mimik aufsetzen - der Mensch meint, sich anhand subjektiver Erfahrungswerte von Äußerlichkeiten ein Urteil über andere fällen zu können, und passt sich an. Doch wie würde das Urteil ausfallen, ließen wir Computer unser Äußeres ermessen? Wen fände ein Algorithmus schön, und was würde er daraus auf die Persönlichkeit schließen?

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Immersives Kunsthaus: Auflösen im Digitalen

Der "Biometric Mirror" versucht, diese Frage zu beantworten. Die futuristische Installation der Künstlerin Lucy McRae und des Wissenschaftlers Niels Wouters präsentiert Betrachtern nicht das tatsächliche Spiegelbild, sondern eine mathematisch optimierte Version des eigenen Antlitzes. Ein Algorithmus gleicht die Gesichtszüge mit einer Datenbank von 10.000 erfassten Gesichtern ab und spekuliert über Alter, Geschlecht und Charakterzüge des Betrachters. Und es wird klar: Maschinen und ihre Gesichtserkennung sind genauso vorurteilsbehaftet wie der Mensch, der sie programmiert hat.

Der "Biometric Mirror" ist ab dem 29. August 2020 im Nxt Museum  zu sehen, einem neuen Kunsthaus in Amsterdam, das sich ausschließlich immersiver Kunst widmen wird - also Medienkunst, die mithilfe von Klang, Licht, Virtual Reality oder künstlicher Intelligenz die Grenze zwischen Werk und Betrachter aufheben will. Um sich im "Biometric Mirror" zu betrachten, muss der Besucher etwa zunächst eine Kammer aus Plexiglas betreten, eine Art Science-Fiction-Schönheitssalon.

Psychedelische Fluchten

"Immersion" ist ein Trend, auf den immer mehr Ausstellungshäuser große Hoffnungen setzen. Vergangenes Jahr verkündete ein digitales Kunsthaus in Tokio, im ersten Jahr seines Bestehens 2,3 Millionen Besucher angezogen zu haben, damit wurde das Borderless des Künstlerkollektivs TeamLab  zum meistbesuchten monothematischen Museum der Welt und hängte damit das ehrwürdige Van-Gogh-Museum in Amsterdam ab.

Borderless ist ein sehr kurzweiliger, sehr selfietauglicher Irrgarten und wird deshalb von Kritikern als Digitalkitsch ignoriert, ähnlich etwa der durch Europa tourenden "Van Gogh Experience", bei der Laser-Beamer begehbare Sonnenblumen und die Sternennacht auf bis zu acht Meter hohe Wände projizieren - eine Überwältigungsästhetik, die die Grenze zum Kitsch längst überschritten hat.

Nun schlägt Amsterdam zurück, aber in ernsthafterer Mission: Das Nxt Museum setzt weniger auf Unterhaltung als die Vorlage in Tokio. Der Titel der ersten Schau "Shifting Proximities", auf Deutsch "Sich verändernde Nähe", verspricht Denkanregungen statt psychedelischer Fluchten. Besucher sollen "die Welt um sie herum und den eigenen Platz darin anders sehen lernen", sagt Gründerin Merel van Helsdingen. Das will sie mit kuratierten Ausstellungen erreichen, für die etablierte Digitalkünstler, aber auch Pioniere mit Forschung und Wissenschaft zusammenarbeiten.

Wie Baumwurzeln kooperieren

Für die Baumwurzelskulpturen der Installation "Econtinuum" etwa hat sich der niederländische VR-Künstler Thijs Biersteker mit dem italienischen Botaniker und Pflanzen-Neurobiologen Stefano Mancuso zusammengetan. Es geht um Kommunikation zwischen Pflanzen, symbiotische Beziehungen und wie Pflanzen voneinander lernen - analog dazu reagiert die Installation mittels Sensoren auf den Betrachter und füttert mit diesen Daten ein Computerprogramm, das wiederum von den Verhaltensmustern der Betrachter lernt. Die Aussage dieser Ökosystem-Simulation ist schnell erfasst: Gemeinsam sind wir stark.

Das Nxt Museum ist ähnlich instagrammable wie der immersive Vergnügungspark in Japan und wird vermutlich rasch zum neuen Publikumsliebling in Amsterdam. Trotz aller Technologie wünschen sich die Betreiber aber, dass das Smartphone in der Jackentasche bleibt: Der Blick durch die Handykamera stört eben die maximale Auflösung des Betrachters im Kunstwerk.

Der technologische Blick auf den Menschen hat ohnehin so seine Grenzen, auch das wird in "Shifting Proximities" klar: Wenn der biometrische Spiegel von Lucy McRae den Betrachtern den Kopf rundet, die Nase kürzt und das Kinn abflacht, mag das zwar im mathematischen Mittel ein perfekter Look sein - für das menschliche Auge sieht diese Ebenmäßigkeit aber nicht unbedingt schön aus.

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