Samira El Ouassil

Impfstoff-Forscherpaar Die Super-Migranten

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Der Impfstoff kommt – aus Deutschland! Und auch noch von Medizinern mit Migrationshintergrund! Sehr schön. Aber was bedeutet die öffentliche Fixierung auf die Herkunft der Biontech-Forscher?
Biontech-Forscherpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci

Biontech-Forscherpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci

Foto: Stefan F. Sämmer / Ritzau Scanpix / imago images

Eigentlich geht es bei einer der wichtigsten Meldungen dieser Woche ja in erster Linie um die Entdeckung eines vielversprechenden Corona-Impfstoffes. Da es nachrichtlich nicht ganz irrelevant ist, welche ForscherInnen für diesen Fund verantwortlich sind, lernten wir das Humanmediziner-Paar Ugur Sahin und Özlem Türeci kennen, die das Unternehmen Biontech gegründet haben. Beide haben türkische Wurzeln, beide sind Deutsche, weshalb man in Boulevardeinordnungen und sozialen Medien einfach einen Erfolg durch einen anderen austauschte: Der Fund eines Impfstoffs wurde nun auch als Geschichte einer erfolgreichen Integration erzählt. Uff. Das ist aus vier Gründen schwierig.

Komplexitätsreduktion und Enthumanisierung

Einen erfolgreichen Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte vor allem über seine Herkunft erzählen zu wollen, reduziert ein dreidimensionales Individuum mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft erst mal auf seinen Migrationshintergrund. In der Berichterstattung konnte man wahrnehmen, wie schnell sich einige Akteure und Medien diese vereinfachte Erzählung der einwandfrei eingewanderten Entdecker aneigneten, um sie in einer Art Selbstprojektions-Stolz mit ihren Prioritäten zu füllen. Je nachdem, wo man sich selbst identitätspolitisch befindet, wird der Erfolg von Sahin und Türeci in einer euphorischen Identifikation plötzlich zum eigenen: Türken waren stolz, weil das Wissenschaftlerpaar türkische Wurzeln hat; Deutsche waren stolz, weil es Deutsche sind, die in einer deutschen Firma einen deutschen Wirkstoff herstellen; Frauen waren stolz, dass mit mindestens einer beteiligten Frau die Entdeckung zur Hälfte auch von mindestens einer Frau gemacht wurde; Linke waren stolz, dass sie den Rechten etwas entgegensetzen konnten. Aber in all diesen Appropriationen wurden die beiden auf Teilaspekte ihrer Persönlichkeiten abstrahiert und zu Trophäen für die eigene Selbstvergewisserung gemacht.

Würdigung rechter Erzählungen

Der Erfolg nicht weißer Menschen sollte nicht als Beleg im Kampf gegen Rassismus oder als Geste des Triumphs gegen Rechtsextremisten wie jene in der AfD instrumentalisiert werden.

Dennoch konnte man beobachten, wie mit grimmiger Genugtuung der Erfolg von Sahin und Türeci vor allem den Rechtsextremen im Bundestag ostentativ präsentiert wurde. Das jedoch bedient genau die Idee einer Vergleichbarkeit und Kompetition der Wertigkeit von Menschen, wie sie eben Rechte behaupten. Dadurch, dass man den Erfolg als Argument benutzt, um rassistischen Diskriminierungen und Beleidigungen demonstrativ etwas entgegenzusetzen, würdigt man dieses rechte Narrativ überhaupt erst. Man sollte keine erfolgreichen Deutschen mit türkischen Eltern benötigen und heranziehen müssen, um einem Nazi triumphierend demonstrieren zu können, dass sein Rassismus doch gar nicht mal so konstruktiv ist.

Im englischsprachigen Diskurs nennt man dies respectability politics – die Idee dahinter: wenn sich marginalisierte Menschen genügend anpassen, wird das Problem der Diskriminierung gelöst. Diese Politik der Respektabilität verkennt jedoch das strukturelle Moment, welches institutionalisierte Formen von Diskriminierung haben, ob in der Wirtschaft, in der Bildung, Politik oder im Rechtssystem.

Reni Eddo-Lodge, die Autorin von "Why I'm no longer talking to white people about race", schreibt: "Die Politik der Respektabilität ist der hartnäckige Glaube, dass Rassisten plötzlich einen dramatischen Sinneswandel vollziehen und ihre rassistische Haltung aufgeben würden, wenn Schwarze sich einfach bessern, sich besser kleiden und richtig verhalten würden."

Die exponierte Begeisterung vonseiten der Linken ist auf gewisse Weise eine Form der Selbstvergewisserung, diese aber als gerecht wenn nicht sogar nobel empfundene Häme offenbart leider auch eine nach wie vor bestehende, tief verinnerlichte Wahrnehmung dessen, was wir als erfolgreiche Integration benennen: erfolgreich integriert ist vor allem jemand, der Herausragendes geleistet hat und/oder ökonomisch stark ist. Das Problem ist im Falle des Impfstoffs nicht die Würdigung der unfassbar wichtigen und historischen Arbeit, das Problem ist die staunende Kopplung zwischen der öffentlichen Würdigung und einem Migrationshintergrund.

Verlagerte Klassenkämpfe

Die an einen ökonomischen Erfolg gekoppelte Anerkennung spielt unterprivilegierte Gruppen gegeneinander aus. Sie fördert die implizite Erwartung, dass sich Menschen sozial wie wirtschaftlich assimilieren, ein Prozess, der in den Augen von Rechten das ist, was den "guten" vom "schlechten" Migranten unterscheidet. Natürlich ist schon das Konzept eines monolithischen Assimilationsmodells absurd. Was genau bedeutet es denn überhaupt, sich "gut" integriert zu haben? Und vor allem: Integriert in was? Diese Vorstellung steht im Widerspruch zur heterogenen Sozialstruktur und Demografie Deutschlands sowie zur Einwanderungsgeschichte dieses Landes, deren integrativen Konstanten die Sprache und die liberale Demokratie sind, die sich eben dadurch auszeichnet, dass ihre Heterogenität eine gesellschaftsschaffende Kraft besitzt.

Gleichzeitig bedient man die Idee, dass nur ökonomisch oder sozial überdurchschnittlich erfolgreiche Menschen "gut" integriert sind, dabei gibt es ja auch viele einkommensschwächere Menschen mit Migrationsgeschichte: Taxifahrer, Bauarbeiter, Fließbandarbeiter, Reinigungskräfte, die insofern "gut" integriert sind, als dass sie die deutsche Sprache beherrschen, sich mit dem Grundgesetz identifizieren und eben in Deutschland leben, hart arbeiten, Steuern zahlen, wie jede und jeder andere auch. Aus ihren Leistungen werden jedoch keine Schlagzeilen, zumindest taugen sie offenbar nicht als Paradebeispiel einer gelungenen Integration. Oder andersrum ausgedrückt: Einem weißen Taxifahrer würde man nicht sagen, dass er nicht gut in die deutsche Gesellschaft integriert ist, weil er eben "nur" Taxifahrer ist – Taxifahrern mit Migrationshintergrund vermittelt man mit solch einem Highperformer-sind-Supereinwanderer-Framing genau das.

Deutsch kann nur sein, wer es sich verdient?

Wer Erfolg und Migration koppelt, bedient eine neoliberale Perspektive auf Einwanderung, nach der man sich das Deutschsein verdienen muss. Eine dominant positiv besetzte Vorstellung von Einwanderung ist oftmals mit hart arbeitenden Personen verbunden, die auch in widrigen Situationen belastbar sind, fleißig ihre Pflicht erfüllen, Pioniergeist mitbringen. Eine solche Charakterisierung führt den Erfolg einer Einwanderung auf individualistische Qualitäten zurück. Somit wird der gesellschaftliche Modus verfestigt, dass ausschließlich jeder für sich allein für sein persönliches Glück verantwortlich ist und verantwortlich gemacht werden darf – dementsprechend auch jeder selbst daran schuld ist, wenn der Aufstieg nicht gelingt. Dies verkennt letztlich die systemischen Barrieren, auf die Einwanderer bei ihren Bemühungen um Integration stoßen. Die inspirierenden Aufstiegsgeschichten vernebeln leicht den Blick auf die Probleme struktureller Diskriminierung und Chancenungleichheit, weil sie gern als ein positiv strahlendes Beispiel rausgekehrt werden. Von liberalen Aufstiegsträumern als anekdotische Evidenz des "Jeder-kann-es-schaffen-wenn-er-nur-will" und als Beweis dafür, dass es die behauptete Diskriminierung und Chancenungleichheit ja gar nicht gäbe: "Schaut her! Die beiden haben es doch auch geschafft."

Erfolgreiche Menschen mit Migrationsgeschichte werden immer als Beleg für die Durchlässigkeit der Gesellschaft instrumentalisiert werden, dabei haben sie es nicht zwangsläufig dank, sondern häufig trotz der Strukturen geschafft.

Wann die Herkunft eine Rolle spielt

Allerdings kommt nun das große Aber! – nämlich die Frage, wie man denn dann bei all diesen Problemen und Unzulänglichkeiten überhaupt noch Migrationsgeschichten erzählen kann? Dabei gibt es einen nicht zu unterschätzenden Punkt: eine Art "Kamala-Harris-Effekt", einen empirisch messbaren Zusammenhang zwischen Repräsentation, Identifikation und der integrativen Kraft von Vorbildern, die einem selbst ähnlich sind. Man könnte argumentieren, dass man mit dem Ignorieren der identitätspolitischen Aspekte einer Person Gefahr laufen würde, in diesem hehren Versuch, eine postrassistische Gesellschaft herzustellen, wiederum einen Teil eines Menschen unsichtbar macht.

Die Frage ist demnach – wie relevant ist all das in einer Erzählung überhaupt? Wenn die Person sich für diese Sachverhalte gesellschaftspolitisch einsetzt oder in ihrer Arbeit damit auseinandersetzt und deskriptiv repräsentiert, zum Beispiel PolitikerInnen, KünstlerInnen und AktivistInnen, dann ist es relevant.

Aber bei zwei Wissenschaftler*innen, die einen Forschungsdurchbruch hatten, bleibt die wichtigste Information: Diese zwei Menschen haben einen Wirkstoff gefunden, der vielleicht die Pandemie beenden könnte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.