Zur Ausgabe
Artikel 69 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kunst In Bedrängnis

Der Tachismus lebt: Eine Frankfurter Ausstellung zeigt den Maler Emil Schumacher mit 80 auf der Höhe seiner Kunst.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Die Staffelei des Emil Schumacher könnte bei jeder Documenta als Kunstobjekt durchgehen. So wahrhaft malerisch ist das Bild-Gerüst durch jahrzehntelangen Gebrauch mit Farben überkrustet. Die »Guillotine«, wie ihr Benutzer liebevoll sagt, hat Stalagmiten und Stalaktiten angesetzt, als stände sie in einer Tropfsteinhöhle.

Zeit lagert sich ab. Schon vor über 40 Jahren ist Schumacher von progressiven Kollegen, die »Konstrukteure der Form« sein wollten, zurechtgewiesen worden: »Du malst zuviel.« Doch der Gerügte fühlte sich bei dieser Tätigkeit immer ganz »fiebrig angespannt«. Nun, gerade 80 geworden, behauptet er: »Es brodelt noch immer.«

Sagen kann das jeder, aber daß tatsächlich die Werke eines alten Malers innere Wallung glaubhaft machen, ist selten geworden. Bei Schumacher trifft es zu. Er hält jene oft schon totgesagte abstrakte Kunst, die einmal als »Tachismus« ("Flecken«-Malerei) oder »Informel« in Mode war, nicht nur am Leben, er treibt sie beinahe von Bild zu Bild voran.

Also ist es nur konsequent, daß eine große Schumacher-Ausstellung, die Donnerstag nächster Woche beim Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt eröffnet wird*, zwar bis in die fünfziger Jahre zurückgreift (und mit einem Werkbeispiel sogar bis 1936), aber trotzdem keine »Retrospektive« sein soll: Fast die Hälfte der rund 60 Gemälde stammt erst aus der Zeit seit 1980.

Museumsleute in Leipzig und Den Haag, wo Schumacher noch niemals ausgestellt hat, trauen dem produktiven Senior zu, auch neues Publikum zu erobern, und übernehmen die Schau. In Den Haag hat dies der ausgewiesene Avantgarde-Promoter Rudi Fuchs entschieden. Schumacher, scheint es, steht über den Kunstfraktionen.

Leichtes Augenfutter haben die Ausstellungsbesucher nicht zu erwarten. Bei Schumacher breitet sich Farbe in unregelmäßigen Flächen aus und läßt, wie ein löchriges Gewebe, untere Schichten durchschimmern. Hier und da funkeln bunte Glanzlichter, und über die mal pappig hingestrichene, mal strähnig-dünn verlaufende, ja zu schrundigen Reliefs aufgeworfene Masse pflegt sich ein schwarzes Liniengerüst zu spannen - als müßte so eine amorphe Welt gebändigt und in Fasson gebracht werden.

Natürlich: Richtig »informell«, wie der Stil-Slogan der Nachkriegszeit verkündete, formlos also, kann Kunst gar nicht sein. Das ist nur jenes Zufallsgeschmier an Schumachers Atelierwand, an der er seine Pinsel abstreicht. Sobald der Maler auf der Leinwand oder, noch öfter, auf Holzplatten zu Werke geht, nimmt das In- und Gegeneinander _(* Bis 10. Januar 1993. Katalog 128 ) _(Seiten; circa 38 Mark. ) der Farben unweigerlich Struktur an.

Schauplatz solcher Schöpfungsakte ist Schumachers ererbtes, von ihm etappenweise aufgestocktes und erweitertes Elternhaus in einer unscheinbaren Straße der westfälischen Industriestadt Hagen. Dort, in einem großen Raum mit Licht von Norden und Ausblick ins Gartengrün, kommt das werdende Bild mal auf die Staffelei, mal auf den Boden. Von Materialchaos umgeben, arbeitet auch der Achtzigjährige nur stehend. »Wo sollte ich mich denn hier wohl hinsetzen?«

Die Bilder sähen aus, als hätten sie »etwas durchgemacht«, empfindet Schumachers beharrlichster Herold, der frühere Düsseldorfer Museumsdirektor Werner Schmalenbach. Daß er sie immer wieder »attackiert« hat (zeitweilig sogar mit brutalen Hammerschlägen, dann wieder mit aufgeklebten Gesteinsbrocken oder Zweigen), muß der Künstler gestehen. Er macht aber Notwehr geltend: Auch er fühlt sich beim Malen »in Bedrängnis gebracht«.

Unter Störungen wächst das Werk dennoch Schicht um Schicht wie eine Erdformation. Und unversehens stellt sich auch im Gegenstandslosen eine Ahnung von Landschaft ein, besonders wenn am oberen Rand so ein heller Horizont aufscheint. Fast zwanghaft liest, wie schon Leonardo da Vinci wußte, das Betrachterauge aus jedem Farbfleck Dinge der wirklichen Welt heraus.

Erst recht sieht Schumacher »in jeder Linie etwas, das wir zu kennen glauben« - mag man nun eine steile Spitzform ("Biton") als Morchel, Matterhorn oder Giebelhaus deuten. Seit ein paar Jahren aber tauchen aus den Farbgründen Tiere, Gebäude oder Fahrzeuge auf wie fragmentarische Höhlenbilder.

Wenn sich da beispielsweise vor loderndem Gelb ein Räderpaar abzeichnet und das Gemälde auch noch »Helios« heißt, ist die mythische Vorstellung von der Tagesfahrt des Sonnengottes direkt angesprochen. Meist freilich teilt Schumacher Namen ohne ersichtliche Bedeutung aus, nur um seine Bilder nicht einfach zu numerieren.

»Irgendwie«, ohne bewußte Absicht des Malers, kommen vor allem ländliche Motive seiner Frühzeit »jetzt wieder heraus«, Motive an Schumachers Weg vom Expressionismus zur Abstraktion.

Der Hagener Handwerkersohn hatte in Dortmund die Kunstgewerbeschule besucht, bis ihm Nazi-Indoktrination die Lust am Studium nahm. Den Krieg überstand er, wegen eines Ohrenleidens kaum fronttauglich, am Zeichentisch eines Rüstungsbetriebs.

Moderne Kunst erschien dem jungen Mann als lockendes Phantom: in der schattenhaften Gestalt des Altmeisters Christian Rohlfs, den er hinter dessen Hagener Atelierfenster an der Arbeit sah, sowie in den Picasso-, Matisse- und Miro-Reproduktionen einer Cahiers d''art-Nummer. Nach 1945 mußte der Adept neu ansetzen, etwa beim Stil des sensiblen Tachismus-Pioniers Wols, und sich in der Künstlergruppe »Junger Westen« profilieren.

Daß er in Hagen hängenblieb, macht Schumacher nicht zum Provinzler. Er hat in Minneapolis und Karlsruhe gelehrt, orientalische Länder bereist, teilt seine Zeit zwischen dem westfälischen Stammsitz und Quartieren auf Ibiza sowie im Engadin: »Provinz ist überall.«

Dem Künstler ist so manche Ehre vom Siegener Rubenspreis bis zum Dortmunder Doktorhut zuteil geworden, und sein Düsseldorfer Galerist Hans Strelow hat in den letzten zehn Jahren die Bilderpreise fast verdreifachen können: auf rund 300 000 Mark für Formate von 1,70 mal 1,25 Meter. Der »secondary market«, Handel aus zweiter Hand, tendiert schon deutlich höher. 580 000 Mark soll ein Bild gleicher Größe bei einer Kunsthändlergemeinschaft kosten, die derzeit ihr Schumacher-Angebot in der Berliner Galerie Pels-Leusden zeigt.

Der zählbare Erfolg könnte zu dem »anderen Lebensgefühl« beitragen, das Schumacher seit neuerem beflügelt, zu jenem »größeren Selbstbewußtsein«, das sich als gesteigerte Souveränität in seiner Malerei spiegelt und sie mit unverhoffter Dramatik beseelt.

Die Documenta dieses Jahres hat der Grand old man lieber nicht besucht, weil er »knausern muß mit der Zeit«. Solche Distanzierung steht ihm zu, man braucht sie ja nicht gleich als Verdienst zu werten. Schließlich wäre es noch keine Kunst, nur »quer zur Zeit« (Schmalenbach) zu stehen und sich selber ewig treu zu bleiben. Da kalauert auch Schumacher: »Treue ist ein leerer Diwan.«

* Bis 10. Januar 1993. Katalog 128 Seiten; circa 38 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.