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In der Fahrrinne des puren Unfugs

Nach einem Tief ist der amerikanische Komiker Steve Martin wieder da. Mit dem Film »Solo für 2« erspielte er sich die Gunst des US-Publikums zurück. In deutschen Programmkinos wurde die Persiflage auf die Schwarze Serie »Tote tragen keine Karos« ein Kultfilm. Jetzt läuft auch der »Mann mit zwei Gehirnen« in Deutschland. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Pointen versucht er zu vermeiden. Für einen Komiker ist das ungewöhnlich. Aber Steve Martin weiß, was er tut.

Als er vor fast zwanzig Jahren das erstemal eine Bühne betrat, machte er sich klar: Wenn ich einen Witz mit einer Pointe bringe und die Leute nicht lachen, bin ich hoffnungslos verloren. Wenn ich aber einfach nur verrückte, blödsinnige Sachen erzähle, ohne auf Pointen abzustellen, wird für sie die Spannung so unerträglich werden, daß sie von selbst anfangen zu lachen, sie bestimmen also selbst, was komisch ist.

Das geht dann so: »Manchmal sitzen wir abends zu Hause herum, und plötzlich sagt einer: ''Hey, laßt uns schrumpfen!'' Und das macht wirklich Spaß - außer es kommen irgendwelche große Leute vorbei, und man muß so tun, als sei man groß ... Ich meine, ich weiß, daß ich beim Autofahren nicht schrumpfen sollte, aber letzte Woche fuhr ich in meinem Auto, und ich beschloß trotzdem zu schrumpfen. Und wie ich so fahre, winkt mich ein Polizist an die Seite. Er sagt: ''Hey, bist du geschrumpft?'' Ich sagte: ''Nein, ich bin groß, Ehrenwort!'' und dann machen sie diesen Test. Das ist so ein Ballon, und wenn du hineinpaßt, wissen sie, daß du geschrumpft bist ...«

Die Geschichte stammt aus der Zeit, als Steve Martin noch überwiegend in Nachtclubs oder Fernsehshows auftrat und Platten machte. Mit John Belushi, Dan Aykroyd und Bill Murray gehörte er Ende der Siebziger einer neuen aufstrebenden Komiker-Generation an. Anders als Woody Allen, der ironische Intellektuelle, oder der zynisch-frivole Mel Brooks, die aus dem Reservoir des ostjüdischen Humors schöpften, waren die Jungs in erster Linie durch die Drogen- und Rockmusik-Exzesse der Hippiezeit geprägt. So wandten sie sich denn auch an ein wesentlich jüngeres Publikum, die Fünfzehn- bis Dreißigjährigen, das sie zunächst - als sich abwechselnde Gastmoderatoren - in der TV-Show »Saturday Night Live« begeisterten. Daß einer von ihnen, der »Blues Brother« John Belushi, den für Rockstars typischen Drogentod starb, paßte nur zu gut ins Bild.

Von »Saturday Night Live« führte für die meisten von ihnen ein direkter Weg nach Hollywood. Auch Steve Martin schaffte bald den Absprung. Zusammen mit dem Komödien-Veteranen Carl Reiner schrieb er das Drehbuch zu einer Success-Story-Parodie, bei der Reiner auch Regie führte. In Deutschland kam sie unter dem Titel »Reichtum ist keine Schande« in die Kinos. Im Original hieß sie treffender »The Jerk« - der Idiot.

Bevor sich Steve Martin auf die Leinwand wagte, hatte er in seinem Fach als »stand-up comic« bereits alles erreicht. Bis zu 20 000 Menschen versammelten sich in Sälen und Stadien, um ihn zu sehen. Seine Langspielplatten gingen jeweils mit über einer Million Exemplaren weg. 1979 erschien das hervorragende, gewissermaßen philosophische Buch »Cruel Shoes« und kletterte auf Platz eins der Bestseller-Liste. In den Vereinigten Staaten ging die Rede vom »Martinismus«. Die Fans imitierten ihn, seine _(Mit Lily Tomlin. )

Standardausdrücke »Hey, we''re having some fun now!« und das langgezogene »Excuuuuuse me!« gingen in den Teenagerwortschatz ein.

So schien es nur folgerichtig, daß »The Jerk« ein riesiger Kassenerfolg wurde. Bei nur 4,5 Millionen Dollar Produktionskosten spielte er über 70 Millionen ein. Und Steve Martin befand sich auf dem Gipfel des Erfolgs. Und fast war es so, als habe er mit »The Jerk« seiner eigenen Karriere ein Denkmal gesetzt und sie gleichzeitig auf die Schippe genommen.

Es ist die Geschichte des weißen Jungen Navin Johnson, der als Adoptivsohn einer schwarzen Familie aufwächst und erst am Tage seiner Volljährigkeit erfährt, daß er kein richtiger Neger ist. Das nimmt ihn so mit, daß er beschließt, in die Welt zu ziehen und sich dort ein eigenes Leben aufzubauen. Wie es sich für einen Hans im Glück gehört, ist Navin nicht besonders gescheit.

Bei seinem ersten Job als Tankstellenwart wird er von einem Verrückten beschossen. Der trifft aber nicht Navin, sondern einen Stapel Dosen mit Motorenöl. »Er scheint das ganze Öl zu hassen«, sagt Navin, und es dauert noch eine ganze Weile, bis er endlich in Deckung geht. Natürlich bekommt er keine der vielen Kugeln ab. Statt dessen hilft er einem Kunden, dessen Brillengestell ständig verrutscht, indem er an den Nasenbügel einen kleinen Griff anlötet. Der Mann ist - wie soll es anders sein - Brillenfabrikant und ein ehrlicher obendrein. Navins Erfindung geht in Serie. Er ist plötzlich Millionär.

Navin Johnsons Aufstieg und Fall (und Aufstieg) hatte auch für Steve Martins Karriere Modellcharakter. Die Satire auf die Wirklichkeit wurde selbst wieder zu Realität. Denn der vom Erfolg Verwöhnte verspielte nun plötzlich fast sein Glück. Wie viele andere Komiker war Steve Martin des Herumalberns und Gag-Reißens überdrüssig. Er sehnte sich nach ernsten Rollen. Und als er dann nach seinem gelungenen Filmdebüt das Angebot bekam, in der Verfilmung des Tragimusicals »Pennies from Heaven« die Hauptrolle zu übernehmen, griff er sofort zu. Die Warnungen seines Managers, der es für klüger hielt, daß Martin vorher noch ein paar Komödien machen sollte, schlug er in den Wind. Monatelang bereitete er sich auf die Dreharbeiten vor. Er nahm Schauspielunterricht und lernte Stepptanzen. Doch der Film war eine kommerzielle Pleite.

Martin, in Texas geboren, begann zwar nicht als Tellerwäscher, aber als Kartenverkäufer und kleiner Zauberkünstler in Disneyland. Dann studierte er Philosophie.

Er gibt an, daß ihn die logischen Rösselsprünge Wittgensteins zum Komiker geformt hätten - eine hübsche PR-Legende? Das Philosophiestudium brach er bald wieder ab. Durch die Bekanntschaft mit einer jungen Tänzerin geriet er zu der damals sehr populären »Smothers Brothers Comedy Hour« als Gagschreiber. Er verdiente 1500 Dollar pro Woche, und als er dann auch noch zusammen mit seinen Kollegen den »Emmy«, die höchste amerikanische Fernsehauszeichnung, erhielt, waren die Weichen endgültig gestellt. Bald schrieb er auch für Shows von Glen Campbell, Ray Stevens und Sonny & Cher.

Ende der Sechziger beschloß Martin, selbst aufzutreten. Aber in seinen weiten Hippiegewändern und mit den langen Locken hatte er in der Öffentlichkeit kaum Chancen. Erst als er sich 1971 die Haare kurz schneiden ließ und in die für ihn seitdem charakteristischen weißen Anzüge schlüpfte, begann sein Aufstieg als Entertainer.

Gewiß liegt ein Teil seines Erfolgs gerade in der Diskrepanz zwischen seinem perfekten Äußeren, seinem fast ein wenig harmlosen, langweiligen Gesichtsausdruck und seiner manchmal irren Art, die Welt auf den Kopf zu stellen. »Die Leute sehen Steve an und denken, er ist irgend so ein Wasp-Versicherungsvertreter, und dann kommt er mit all diesen verrückten Sachen an«, sagt Carl Reiner, der vier der insgesamt sechs Martin-Filme inszeniert hat.

Von den Kritikern muß sich Steve Martin oft vorwerfen lassen, er pflege einen zwar absurden, kräftigen, zugleich jedoch auch völlig unpolitischen Humor. Doch Martin rührt das nicht an. Früher, als er anfing, da hatte er eine Botschaft gehabt. Aber dann kamen die »Beatles« und machten ihr legendäres Album »Sgt. Pepper''s Lonely Hearts Club Band«, und er mußte feststellen, daß sie all das, was er hatte ausdrücken wollen, schon viel besser ausgedrückt hatten. Also beschloß er, eine andere Richtung zu gehen. Und später, in den Siebzigern, der Dekade des Epigonentums, als jeder glaubte, zu jedem Thema etwas zu sagen zu haben, wußte er endgültig, daß er in seiner Nonsens-Fahrrinne am besten aufgehoben war.

Der Erfolg gab Steve Martin recht. Bald war er so reich wie Navin Johnson. Er hatte fünf Autos, drei Häuser, ein Apartment, eine umfangreiche, in den Vereinigten Staaten bekannte Sammlung zeitgenössischer Malerei.

Doch die Erfolgswelle brach auf dem Kamm. Sein Manager hatte recht gehabt. Steve Martins schauspielerischer Ausflug ins ernste Fach war seiner Karriere nicht gut bekommen. Schon bald nach dem Reinfall mit »Pennies from Heaven« kam ein neuer Film mit Steve Martin in der Hauptrolle in die Kinos. »Tote tragen keine Karos« war eine gelungene Persiflage auf die Filme der Schwarzen Serie der vierziger Jahre. Das Drehbuch stammte wieder von Steve

Martin und Carl Reiner. Die beiden hatten die Idee gehabt, Ausschnitte aus alten Hollywood-Streifen in ihre kriminologisch bewußt ziemlich unsinnige Detektivgeschichte einzubauen. Und so fuhr plötzlich Steve Martin - er spielte hier den Privatdetektiv Rigby Reardon - mit Cary Grant im Zug, stritt sich mit Bette Davis, telephonierte mit Barbara Stanwyck und hielt sich Humphrey Bogart alias Philip Marlowe als Assistenten. Die Gags waren gut und die Komödie einigermaßen lustig. Aber in den Vereinigten Staaten spielte sie nur einen minimalen Gewinn ein. Nur in den deutschen Programmkinos avancierte sie zum Kultfilm.

Steve Martins nächsten beiden Filme waren dann kommerziell absolute Flops. Der eine, »Lonely Guy«, kam in Deutschland ebensowenig in die Kinos wie seinerzeit »Pennies from Heaven«.

Der andere, »Der Mann mit zwei Gehirnen«, war eine weitere Zusammenarbeit von Steve Martin mit Carl Reiner. Er entstand 1983 und läuft jetzt im Rahmen der anbrechenden Steve-Martin-Renaissance auch in der Bundesrepublik. Die Geschichte eines Gehirnforschers, der sich in ein Gehirn verliebt, startet furios, verliert zwar allmählich an Tempo, hat aber dennoch glänzend-skurrile Momente. Das amerikanische Publikum jedoch blieb zu Hause.

Und dann, 1984, völlig unerwartet, das Comeback. Carl Reiner wurde von dem Produzenten Stephen Friedman das Drehbuch zu der Komödie »Solo für 2« angeboten. Natürlich kam Reiner für die Hauptrolle des jungen Anwalts Roger Cobb, in dessen Körper die Seele der verstorbenen Millionärin Edwina Cutwater hineinfährt, sofort sein Freund Steve Martin in den Sinn. Aber gleichzeitig war ihm auch klar, daß zur Zeit niemand wirklich scharf darauf war, einen weiteren Film des Gespanns Reiner/Martin zu sehen. Trotzdem kam Martins Name auf die Liste der möglichen Kandidaten - neben Bill Murray, Robin Williams und Dudley Moore. Und es ist sicher nicht ohne Ironie, daß Martin schließlich von Produzent Friedman den Zuschlag ausgerechnet aufgrund seiner darstellerischen Leistung in »Pennies from Heaven« bekam.

Doch genau das war der Punkt. Durch seine Mißerfolge angeregt, begann Steve Martin über seine Arbeit neu nachzudenken. »Rückblickend begriff ich«, sagt er, »daß alle meine Gestalten naiv waren und nie besonders intelligent.« Leicht dümmliche Kunstfiguren. An der Rolle des Roger Cobb faszinierte ihn, daß er in einer Komödie endlich einen richtigen Menschen spielen konnte, keinen Verrückten.

Wie die meisten anderen seiner Filme basiert auch »Solo für 2« auf einer einzigen Grundidee, die über neunzig Minuten in verschiedenen Varianten durchgespielt wird. Roger Cobb muß sich seinen Körper mit der Seele von Edwina Cutwater teilen. Er darf die linke Hälfte behalten, während sie die rechte besetzt. Sehr komisch ist, wenn Steve Martin plötzlich mit dem rechten Fuß weibisch tippelt, während er mit dem linken fest und männlich auftritt, wenn er sich mit seinem rechten Arm unvermittelt bei seinem Chef einhakt. Noch komischer, wenn sie ihm auf dem Pissoir beim Wasserlassen helfen muß und am Ende fragt: »Soll ich abschütteln?« Oder wenn Roger mit einer Frau schlafen will, die prüde Edwina dies jedoch nicht zulassen will und sich mit der ihr gehörenden Körperhälfte mächtig dagegen wehrt.

Die Amerikaner fanden diesen neuen Martin besonders komisch. Der Film startete in fast 1200 US-Kinos und brachte bereits in den ersten drei Tagen 5,8 Millionen Dollar in die Kassen. (Kürzlich lief er auch in deutschen Kinos recht erfolgreich.) Die »New York Times« kürte »Solo für 2« zur besten amerikanischen Komödie seit »Tootsie«. Und auch dem Komödianten Martin wurde eine große Ehre zuteil: Zwei US-Kritikerverbände wählten ihn zum besten Schauspieler des Jahres 1984. _(In »Der Schläfer«. )

Mit Lily Tomlin.In »Der Schläfer«.

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