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MODE / PARIS In der Patsche

aus DER SPIEGEL 6/1971

Die Jungen, Reichen und Kühnen, die mutig in ihren Midis über die Straßen hüpfen, sind allesamt beschummelt worden. Die Pariser Modepäpste haben alles vergessen, was sie vor sechs Monaten gepredigt haben -- (Marc Bohan im Juli: »Der lange Rock bleibt mindestens drei Jahre") -, und entblößen jetzt wieder die Beine. Rocklänge: 45 Zentimeter vom Boden.

»Erst luchsen sie uns in die langen Röcke«, erbittert sich TV-Reporterin und Midi-Vorkämpferin Antonia Hilke, »und jetzt sagen sie einfach: »April, April, war alles nicht wahr.«

»Sie haben uns betrogen«, giftet sich Modereporterin Sandy Fawkes von der Londoner »Daily Mail«, »ich wage nicht mehr nachzulesen, was ich vor einem halben Jahr geschrieben habe.« Und auch die Amerikanerin Anna Bell vom »Cleveland Plain Dealer«, die mißtrauische Provinzdamen mit Eifer zu Midis beschwatzt hatte, barmt: »Ich traue mich nicht mehr nach Hause. Meine Leserinnen erschlagen mich.«

Die Silent Majority aller Länder, die Omas und die Ehemänner, haben gesiegt. Die Röcke baumeln wieder In den Kniekehlen -- gefaltet, geschlitzt oder auch gerade unter langen zweireihigen Jacken mit breiten Schultern vom Typ Hitler-Krieg. So auch am Freitag letzter Woche bei Yves Saint-Laurent. »Madame«-Reporter Jan H. Friedlaender: »Das war wie Eva Braun und ihre Schwester.«

Um sich den Rückmarsch gar bis zum Mini zu erleichtern, griffen die Pariser Couturiers gierig den Dernier cri vom Londoner Soho auf, die Kurzhosen. Sie zerren sie aus den Nachtklubs, wie etwa dem neuesten Pariser Treffpunkt »Le Club Privé« in der Rue Ponthleu, wo sie niedliche Popos umspannen, aufs Straßenpflaster. Zu City-Shorts deklariert, schielen sie -- über Strumpfhosen-Schenkeln -- fünf bis zehn Zentimeter unter langen Blazers hervor oder aus Schlitzen unter wehenden Schürzenteilen (Cardin). Einen Trost für Damen um Dreißig offeriert Marc Bohan. Er fabriziert bei Dior lose Röhrenhosen, die bis aufs Knie reichen und mit Jacken propere Kostüme abgeben.

City-Shorts (für 40 Mark in Pariser Kaufhäusern, aus Jersey für 200 Mark in der Konfektion Miss Dior und für 1000 bis 2000 Mark paillettenbestickt in Luxus-Boutiquen) finden schon ohne Widerspruch zum Mittagessen Ins Plüsch-Lokal Maxim"s Einlaß. Maitre d'Hotel Roger: »Uns interessiert hier das Essen, nicht die Hosen.«

Aber die Hamburger Fernseh-Maid Marie-Louise heimste mit ihren Tweed-Shorts auf den Champs-Elysees noch den gleichen Beifall ein wie in Hamburg-Barmbek. Marie-Louise: »Sie verdrehen die Hälse und zischeln: »Guck mal, wie die aussieht!'« Frankreichs betuliche Morgenzeitung »Monde« beklagt die Short-Schwemme: »Wann wird die Ära aufhören, in der nur Gags triumphieren?«

Wer aber glaubt, daß die Pariser Modemacher jetzt, belehrt vom Midi-Desaster, einmütig auf Knielänge umgeschwenkt seien, der täuscht sich schon wieder. Kilt-Röcke wedeln bei Lanvin weiter auf der Wade, und knallbunte Blümchen-Crêpes verenden überall auf allen Beinpartien, zwischen Knie und Knöchel.

»Ich will jede Länge machen, die mir gerade einfällt«, sagt Avantgardist Ungaro, »die Frauen sollen selber wählen.« Zu Recht mahnt die »Herald Tribune": »Was aber wird mit den armen Herstellern und Detaillisten? Sie brauchen schon bald einen Psychiater, der ihnen entscheiden hilft.«

Die Einkäufer stochern derzeit in ihrem Stammlokal, dem Relais Plaza-Athénée in der Avenue Montaigne, verzweifelt in gemischten Salaten. Sie haben auf den großen Herbstmessen« berauscht vom Midi-Boom« ihre Frühjahrsmodelle geordert, alle auf lang. Wenn jetzt die Frühjahrskleider in den Hamburger und Münchner Läden eintreffen, brauchen sie zuerst mal eine Schere, um sie abzuschnippeln und auf den neuesten Pariser Saumstand zu bringen. »Die Endverkäufer«, konstatiert der »Figaro«, »sitzen wieder in der Patsche.«

Schon aber beträufelt der Pariser Modemacher Givenchy das Textil-Desaster mit neuem Zweifel. »Im Sommer ist kurz ja hübsch, aber im Winter«, prophezeit er, »mach' ich sicher wieder lang.« »Einem Pariser Couturier«, resignierte die hartgeprüfte Mode-Expertin Eugenia Sheppard, »kann heutzutage keiner mehr trauen.«

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