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In SoHo sitzt die Kunst auf ihren Koffern

aus DER SPIEGEL 36/1976

Am Samstag kommen die Touristenbusse ins Viertel, und die Szene wird zum Volksfest. Zwischen viktorianischen Eisenguß-Fassaden drängeln Menschenmengen wie zur Rush Hour in Wall Street, Luftballon- und Hotdog-Verkäufer stehen zu Diensten, Pflastermaler stricheln auf die geflickte Fahrbahn, Tanzgruppen verrenken sich unter freiem Himmel.

Aber in der Woche wird es wieder ruhig und, so beteuert einer, der da lebt, »seriös«. Dann stellt sich unter Einheimischen das Bewußtsein wieder her, gerade in diesem New Yorker Stadtbezirk privilegiertermaßen an ein zentrales Kommunikationssystem »angestöpselt« zu sein: das Gefühl, nirgends sonst als hier habe der Zeitgeist Quartier genommen, wenn auch nur auf Durchreise.

Die Bannmeile der Elite ist -- für zunehmend viele Besucher -- zu finden, wo die Skyline von Manhattan halbwegs zwischen dem Finanzdistrikt der Südspitze und der Wolkenkratzergruppe um das Empire State Building bescheiden nach unten ausschlägt. Auf einem knappen Quadratkilometer hat sich dort ein Haufen rund 100jähriger, zumeist vier- bis sechsgeschossiger Häuser erhalten -- erstem Anschein nach merkwürdig außer Welt und Zeit und nicht markanter zu definieren als nur eben »südlich der Houston Street«. In koketter Abkürzung jedoch klingt das ganz anders: »SoHo«.

New York-SoHo denn also ist der Montmartre der Gegenwart. Ungleich enger als irgend sonstwo in der Welt drängt sich auf diesem konkaven Zauberberg zusammen, was bei bildenden und angrenzenden Künsten als Avantgarde begriffen werden kann.

Popmeister Claes Oldenburg wohnt und wirkt hier, auch Verpacker Christo. Hyperrealistische Porträtkunst hat ihr Domizil neben abstrakter »geplanter Malerei«. Minimal-, Konzept- und Video-Artisten, »Performance«-Pantomimen und Experimentalmusiker -- für alle ist dieses SoHo die geläufigste und, auf asketische Art, auch beste Sammeladresse.

Zudem und andererseits: Der Künstlergeist von SoHo waltet keineswegs im freien, luftleeren Raum. Vielmehr sind reichlich Räume angemietet worden, ihn auch für Publikum und auch ökonomisch effektiv werden zu lassen. Nach neuester Statistik bringt es das enge Revier auf rund 80 Kunstgalerien, vom skurrilen Elektrokunst-Laden ("Let there be Neon") bis zur hochfeinen Dependance des mächtigen Pop-Promoters von einst und jetzigen Konzeptkunst-Schirmherrn Leo Castelli. Auch ausländische Händler hat SoHo angelockt, darunter den Berliner René Block, der insbesondere Joseph Beuys aufsehenerregend, nämlich in Gesellschaft eines lebenden Kojoten, ins New Yorker Gespräch brachte.

Umgekehrt importiert Block nun, als Ausstellung zu den Berliner Festwochen (ab 5. September in der Akademie der Künste), ein von ihm so genanntes »Planquadrat SoHo. Denn nichts schien ihm und Festival-Offiziellen im Jahr des US-Bicentennial die aktuelle Essenz amerikanischer Kunst besser vergegenwärtigen zu können als ein Extrakt dessen, was aus dem Genie-Ballungsgebiet South of Houston Street transportabel ist. So wird außer Gemälden und Skulpturen, Dokumentarphotos, Filmen und Videobändern eine Künstler-Auswahl eingeflogen, um auch mit Konzerten und Tanz-Aufführungen in Berlin ein SoHo auf Zeit zu simulieren.

Ein Provisorium, eine Szenerie im Umbau oder Abbruch zu sein: das allerdings gehört zu den Leitmerkmalen auch des realen New Yorker SoHo. Ein stärkerer Eindruck von der speziell US-amerikanischen Mobilität, die Wohnplätze und Wohngegenden nach dem Ex-und-Hopp-Prinzip konsumiert, läßt sich kaum gewinnen.

Für Kunst und Künstler waren die Gehäuse, in denen sie da abgestiegen sind, ja auch am allerwenigsten bestimmt. Es sind Industriebauten mit riesigen Räumen, die oft stockwerkweit, ohne jede Unterteilung, von Straße zu Straße reichen und die kaum mehr Annehmlichkeit vorsehen als Platz, viel Platz: nicht gerade Wohnungen, aber ideale »Lofts«, wie sie ein ernsthafter Künstler zu Arbeit und unumgänglichen, wenngleich ganz nebensächlichen physischen Verrichtungen braucht.

Mehr als die schiere Notdurft an Einrichtung ist häufig gar nicht installiert. Man kann in Werk- und Wohnstätten, eben Lofts, geraten, in denen der Besucher-Blick von der Staffelei oder Video-Ausrüstung zwanglos nicht nur über Herd und Bett, sondern auch zur Badewanne schweift. Eine Zimmerpflanze vor dem im übrigen gleichfalls freistehenden WC wirkt fast schon wie ein schlappes Zugeständnis an bürgerliche Wohnkultur.

Man gelangt in solche Etagen mittels urtümlicher, quietschender Lastenfahrstühle, die nur auf Tricks oder Gewalt ansprechen und die keinen TÜV der Welt bestehen würden. Lange können sie vielleicht nicht mehr in Betrieb bleiben, aber noch bis auf weiteres; und es muß wohl als beinahe rituelles Opfer an den Genius loci abgebucht werden, wenn gelegentlich mal eine Galerieangestellte den Liftschacht hinunterfällt.

Denn das Vorläufige, Unaufgeräumte, Unfeierliche von SoHo, einer Gegend, deren Alltags-Straßenbild von den Transportfahrzeugen müll- und altpapierverwertender Kleinfirmen geprägt wird, ist weit mehr als eine beliebige Attitüde. Es gehört durchaus zu den Künstlern und den Künsten, die hier beisammenleben, zumindest letztere in erfrischender Promiskuität und vom anderswo so genannten »Leben« demonstrativ unabgegrenzt.

Es sei »gut fürs Hirn«, die Medien zu vermischen und ständig Gesprächspartner zu haben, empfindet -- ein SoHo-typisches Credo -- die koreanische Videokünstlerin Shigeko Kubota, die das Loft mit ihrem Landsmann und auch als Musiker renommierten Kollegen Nam June Paik teilt und die nebenher einen Job im öffentlich subventionierten »Anthology Film Archive« zwei Ecken weiter versieht (ihr Chef: der Pionier des »anderen Kinos« Jonas Mekas). Shigekos eigenes Werk huldigt in Varianten dem Vater aller Konzept-Künste Marcel Duchamp.

Gut fürs Hirn mag es sein, über die Diskussion mit Künstler-Nachbarn oder den Tour d'horizon durchs kommerzielle Galerienangebot hinaus etwa abends zur St. Mark's Chureh zu gehen, wo man auf dem kalten Boden sitzt und die Tänzerin Simone Forti mit ihrer neuen Kreation begutachtet.

Oder zum Vorführ-Raum »The Kitchen«, wo der Japaner Yoshi Wada ins selbstgefertigte vier Meter lange Horn tutet. Oder zum »Artists Space«, einer weiteren städtisch geförderten Institution, aus deren 750-Künstler-Kartei ein Prominenter Unbekannte zur ersten Ausstellung herausgepickt hat.

Den intermedialen und zumindest der Absicht nach lebensnahen »Spirit of SoHo« kann man inkarniert sehen in der Person des Exil-Wieners Stefan Eins, der unter dem Namen seiner Adresse »3 Mercer Street« einen kuriosen Laden führt.

Er offeriert da, in einer ausgedienten Maschinen-Reparaturwerkstatt, für ein paar Dollar eigene Auflagen-Objekte, die -- Kunst oder nicht -- elementare »Magie der Physik« demonstrieren wie eine Wasserflasche mit Luftpumpe zur Erzeugung von Kunst-Nebel, versteht sich aber auch als Makler für Kollegen. Ihn begeistern Künstler, die sich bereit halten, einem möglichst kunstfernen Publikum die Wohnzimmerdecken anzumalen oder als Orakel die Zukunft auszudeuten. Daß dabei die Neigung zum Praktischen unversehens wieder in raffinierteste Esoterik münden kann, liegt auf der Hand.

Eine seltsame Verbindung handfester Produktion mit künstlerischem Höhenflug steht den Bewohnern SoHos auch in historischen Beispielen stets vor Augen: Das Viertel, um die Mitte des 19. Jahrhunderts urbanes Zentrum von New York, war danach zum Industriegebiet abgesackt, doch die Fabrikherren schätzten es, ihre Geschäfte ästhetisch zu verklären.

Zu Diensten war ihnen eine Ingenieurs-Architektur, die SoHo heute einen eigentümlich antiquierten Charme verschafft: Mit den funktionalen Bizarrerien der Feuerleitern konkurriert allenthalben ein Dekor aus klassischen Säulen und Arkaden, den die Hauseigentümer sich seinerzeit aus Eisen gießen ließen oder als vorgefertigtes reines Blend-Werk ankauften.

Den gezeitenhaften Wechsel der Epochen lesen SoHo-Chronisten weiter daran ab, daß bis um 1960 nicht nur die Industrie des Areals zur Bedeutungslosigkeit degeneriert, sondern auch jede Wertschätzung ihrer Bauten abhanden gekommen war -- der Abbruch des ganzen Stadtteils stand zur Diskussion. Doch schon begann eine Invasion von Künstlern, denen es anderswo in New York, im benachbarten Bohème-Quartier Greenwich Village beispielsweise, zu teuer geworden war.

Pioniere der Zuzugswelle erinnern sich abenteuerlicher, weil illegaler Anfangsjahre: Wohnen in SoHo war billig, aber behördlich untersagt, so daß die meisten schon deswegen nur eine Matratze in ihr Atelier legten, die sich im Falle von Kontrollen rasch beiseite schaffen ließ.

Immigrant Christo freilich, er zog 1964 in ein Haus ein, in dem Claes Oldenburg ein Stockwerk nur als Materiallager gemietet hatte, kam mit Frau und Kleinkind und mußte sich häuslicher einrichten. Bei den städtischen »Gebäude-Inspektoren« gab er sich daher als Photograph aus und erklärte das Meublement als unentbehrliche Kulisse für die Arbeit mit (teils kindlichen) Modellen.

Solche SoHo-Sagas werden heute mit Nostalgie genossen. Sie handeln auch von Künstler-Kooperativen, die sich für ein Spottgeld ganze Häuser kauften und aufteilten, ja von bedeutenden Avantgardisten, die bei der Gelegenheit ins Immobiliengeschäft ausgeflippt sein sollen. Noch 1968, als die Galeristin Paula Cooper als erste ihrer Branche nach SoHo zog, fand sie die Straßen wie ausgestorben. Die einzige Kneipe weit und breit war die des greisen Michael Fanelli, bei dem angeblich schon zur Prohibitions-Zeit der New Yorker Bürgermeister seinen Whisky nahm.

Mittlerweile sind Denkmalschutz und Wohnrecht in SoHo verbrieft, Lofts werden öffentlich zur Vermietung ausgeboten. Die Gegend ist nun »mehr eine Nachbarschaft, weniger ein Getto« (Paula Cooper), Lebensmitteleinkäufe machen da keine Schwierigkeiten mehr.

Aber Aufstieg und Fall sind eins: Galerien, Antiquitätenläden und Boutiquen haben mit Rummel und Chichi eine Mietpreis-Hausse eingeschleppt, die ärmere Künstler ohne Eigentums-Etagen schon peu à peu über neue Grenzen weitertreibt. »TriBeCa« (Triangle below Canal Street) ist als nächstes gelobtes Land im Gerede. Oder soll es doch gleich Arizona sein?

In SoHo, New York, kann man die Kunst auf ihren Koffern sitzen sehen. Das ist ein belebender Anblick.

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