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Indiens Sommernachtstraum

Spiegel-Redakteur Urs Jenny über Peter Brooks »Mahabharata«
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 29/1985

Wer das »Mahabharata« gelesen hat, heißt es, wird ein anderer sein. Denn wie unter allen Vierbeinern die Kuh am besten ist, unter allen Medizinen der Unsterblichkeitstrank und unter allen Indern der Brahmane, so ist das »Mahabharata« unter allen Dichtwerken das beste.

Jeder Inder, heißt es, kennt die großen Helden des »Mahabharata« und ihre großen Taten, durch Erzählungen, aus Tanz- oder Volkstheaterdarstellungen, sogar aus Comic strips. Spezialisten natürlich haben das Werk selbst gelesen, das Versepos in Sanskrit, das etwa achtmal so umfangreich ist wie die »Ilias« und die »Odyssee« zusammen und wenigstens zweitausend Jahre alt, wenn nicht zweieinhalbtausend.

Peter Brook hat es nun unternommen (was bisher kein Inder versucht hat), diese riesige Götter- und Heldengeschichte von Anfang bis Ende auf dem Theater zu erzählen - für uns Europäer, die nichts davon wissen: Sperrt Augen und Ohren auf! Brook braucht neun Stunden für diese Theaterreise nach Indien, 23 Schauspieler, 5 Musiker und ein paar Koffer voll Requisiten - fast nichts für fast alles, für einen Kosmos samt Himmel und Hölle, für ein wirkliches und einzigartiges Welt-Schauspiel, das Augen und Ohren füllt.

Am beschaulichsten sind Reisen nach Indien noch immer zu Schiff. Einsteigen in Avignon, ein Stückchen nördlich der berühmten abgebrochenen Brücke, auf der nie jemand tanzt. Das Schiff, natürlich, das am frühen Abend flußabwärts tuckert, hat nichts Mythisches (auch wenn es »Hermes« heißt), sondern ist eine Motorbarkasse mit Bordbar und Restaurant, und die Rhone ist nicht Ganga, der Ganges, doch immerhin, breit, ölig, ein Strom von einer gewissen trägen Majestät.

Die Flußgöttin Ganga wird, wenig später, als eine der ersten Figuren auf der »Mahabharata«-Bühne erscheinen, mit den Füßen Wasser hochspritzend: eine kraftstrotzende Übermutter, die ihre Neugeborenen, sieben Söhne in sieben Jahren, zärtlich und lachend im Fluß ertränkt – den achten erst läßt sie überleben, und er wird der Ziehvater der »Mahabharata«-Helden.

Vom Bootsanleger führt ein Schotterweg bergwärts, durch Heidekraut und verkrüppelte Kiefern, und über eine Anhöhe hinein in den Kessel eines alten Kalksteinbruchs, dessen hohe Felswände das letzte Abendlicht rötlich färbt: Das ist das Naturtheater, das sich Peter Brook für die drei Abende dauernde Uraufführung seines »Mahabharata« ausgesucht hat.

Sie ist das Zentrum, die Krönung des diesjährigen »Festival d'Avignon«. Doch von dessen Jahrmarkts-Quirligkeit – rund 200 verschiedene Theateraufführungen an über 70 Schauplätzen, nicht gerechnet all die Taschenspieler, Leierkastenmänner und ambulanten Purzelbaumschläger, die die ganze Stadt zur Bühne machen – hat Brook seine Schöpfung weggerückt in strenge Felsenferne. Wenn die Sonne untergegangen ist, fängt das Theater an. Wie fängt alles an? Mit einem Spermatröpfchen zum Beispiel, einem königlichen, um das sich hoch in der Luft zwei Falken streiten, so daß es ins Wasser fällt und von einem Fisch verschlungen wird. Aus dessen Bauch holt dann ein Fischer ein Mädchen hervor, das überwältigend schön ist, aber leider furchtbar nach Fisch stinkt. Ein obskurer Geselle (falls es nicht ein Gott ist) läßt sich dennoch mit ihr ein – und so wird Vyasa geboren, der mythische Dichter des »Mahabharata«. Ein wenig stinkt auch er.

Dieser Vyasa ist der Stammvater der »Mahabharata«-Helden: Das Epos von 100000 Doppelversen, das er fertig im Kopf hat, nimmt die Geschichte vorweg, und während er sie einem kleinen Jungen erzählt und einem elefantenköpfigen Schreiber diktiert, der sich später als Gott Krischna zu erkennen gibt, wird sie auf Brooks Bühne Wirklichkeit - farbig, bilderreich und märchenhaft schwerelos.

Eine überüppige Mythologie tut sich auf, in der die Mütter mächtig sind und ihre Söhne selten von den Männern stammen, die als ihre Väter gelten. Denn es gibt da seltsame Zeugungshindernisse oder -verzichte, Mensch-Tier-Paarungen, Geschlechtswechsel und vielerlei Götter, die sich gern mal mit schönen Menschenfrauen vereinigen.

Doch das »Mahabharata«, ein düsteres Märchen, gipfelte in einem Krieg, in dem die beiden Königsgeschlechter, die von Vyasa abstammen, einander ausrotten und beinahe die ganze Welt zerstören. Auf der einen Seite ein blinder König – er ist blind, weil seine Mutter im Moment der Zeugung vor Erschrecken die Augen geschlossen hat, und seine Frau trägt, um ihm gleich zu sein, seit dem Tag der Hochzeit eine schwarze Binde vor den Augen –, ein Leidenskönig, der hundert Söhne hat und im großen Krieg alle hundert verliert: Ihn spielt der Pole Ryszard Cieslak, einst der »Star« von Grotowskis Theaterlabor, mit einem hohen, fremdartig bewegenden Pathos des Schmerzes.

Auf der anderen Seite ein schöner, junger, glücklicher König, den Matthias Habich mit offener, gerader Kraft darstellt: Er verliert in einer einzigen Nacht beim Würfelspiel all seine Reichtümer, seine Städte und Untertanen, nacheinander seine vier Brüder, sich selbst und zuletzt als Kostbarstes seine Frau - und als der Gegner ihm anbietet, mit einem einzigen Würfelwurf alles zurückzugewinnen, verspielt er alles noch einmal.

Warum tut er das? Nicht aus krankhafter Spielleidenschaft, nicht aus geheimem Verlangen nach Selbstvernichtung. Er folgt seinem Dharma, er tut, was zu tun ist, verliert, was verloren sein muß - um nach dreizehn Jahren der Abenteuer und Entbehrungen im Exil mit seinen vier Brüdern alles zurückzugewinnen.

Zehn Jahre lang haben Brook und sein treuer Schriftsteller-Partner Jean-Claude Carriere ihren »Mahabharata«-Traum zielstrebig verfolgt; sie haben ihn durch weitläufige Studien, durch Workshops und Indienreisen mit immer mehr Mitarbeitern gefüttert; sie haben Berge versetzt - jetzt, wo das Werk fertig ist, meint Brook, alles, was er ansonsten in diesen zehn Jahren gemacht hat, die großen Inszenierungen und die kleinen Kindertheaterarbeiten, seien nur Schritte auf dieses Ziel hin gewesen.

Der Fertige winkt wie ein leichtes Gelingen, ein Kinderspiel, es hat das unvergleichliche Brooksche Raffinement der Einfachheit. Ein Spielfeld aus gestampfter Erde, ein kleiner Bach, ein kleiner Teich, Kerzen, Fackeln, Feuer: Mehr scheint dieser Zauberer für sein Welttheater nicht zu brauchen, der Rest ist Spiel und der Himmel über dem Ganzen geschenkt.

Zur Hälfte geht es im großen »Mahabharata«-Krieg, in dem 64 Millionen Menschen zu Tode kommen, um Weltherrschaft, zur anderen Hälfte - wie im Trojanischen Krieg - um eine Frau ohnegleichen. Das ist Draupadi, die gemeinsame Frau der fünf königlichen Brüder, die mit ihnen treu alle Leiden des Exils teilt, von allen gleichermaßen geliebt wird und ihnen schön reihum schöne Söhne schenkt. Auch von denen überlebt keiner den Krieg.

Seine Draupadi - die Schauspielerin Mallika Sarabhai, mit großen Blicken und blauschwarzem, bis in die Kniekehlen fallendem Haar - hat Brook aus Indien mitgebracht, wo sie ein Star ist. Ihr Französisch klingt sinnfällig und hat doch eine fremde, eigene Melodie, die sich in dem Vielvölkerensemble, das die »Mahabharata«-Truppe bildet, mit mancherlei Akzenten und Tonfällen mischt: Ein Deutscher, ein Italiener und ein riesiger Senegalese treten im Kampf gegen einen Polen, einen Amerikaner und einen samuraiflinken Japaner an. Der Dichter Vyasa aber und der Gott Krischna, der sein Werk niederschreibt, sind Franzosen, und die Leichtigkeit, mit der die beiden sich ins Spiel mischen, wirft einen heutigen, europäischen Schimmer auf die alten Mythen, den Schimmer der Ironie.

Eine Weile hat Brook mit dem Gedanken gespielt, mit dieser ganzen Truppe für ein Jahr nach Indien zu gehen und das Stück dort herauszubringen. Es ist dann doch bei einer gemeinsamen Indienreise in der Mitte der zehnmonatigen Probenzeit geblieben, und vielleicht hätte auch Brooks große orientalische Phantasie der Schärfe der indischen Wirklichkeit nicht standgehalten. Denn seine Sache ist nicht die Wucht der Mythen, sondern ihre Traumfarbigkeit. Das Rohe und Wilde des »Mahabharata«, das blanke Entsetzen, die Racheraserei von Kriegern, die das Blut ihrer Feinde nicht nur sehen, sondern auch saufen wollen - all das verwandelt Brooks Kunst in Bilder der Schönheit. Er liebt die Musik, die verklärt. Sein Theater erscheint, auch wo es Gewalt und Greuel häuft, als ein sanftes Theater, als Zauber, als reines Spiel.

Brooks »Mahabharata« wird die nächsten zwei Jahre weit herumreisen, und wenn es klappt, will er es schließlich nach Indien zurückbringen. Erst einmal, an den Wochenenden in Avignon, spielt die Truppe das ganze »Mahabharata« durch die Nacht. Im Abendlicht fangen sie an, und so wird am Schluß, wenn sich all die Helden, die ihre Heldentode gestorben sind, heiter und frei im Paradies wiederfinden, der blinde alte König, der nun nicht mehr blind ist, die Sonne aufgehen sehen.

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