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Architektur »Industrielles Gartenreich«

aus DER SPIEGEL 13/1994

Pehnt, 62, lebt als Architekturkritiker in Köln. Er veröffentlichte zuletzt »Die Erfindung der Geschichte« (1989) und eine Monographie über das Goetheanum in Dornach (1991).

Daß man die Helden der Legenden nicht umbringen kann, ist schon der ältesten deutschen Heiligendichtung zu entnehmen. Sankt Georg, so dichtete ein alemannischer Poet des neunten Jahrhunderts, wurde mit dem Schwert erschlagen. Aber er stand wieder auf und predigte weiter. Schließlich zermahlte man ihn und streute seine Asche in alle Winde aus. Aber: »Das weiß ich, das ist wirklich wahr: Auferstand Herr Georg da.«

Mit dem Bauhaus und vor allem mit seinem Gründer Walter Gropius verhält es sich ähnlich. Die Moderne-Kritik hat ihn verbrannt und seine Asche in alle Winde gestreut. Aber was geschah? Des Hauses und seines Gründers wird allerorten gedacht.

Allein in Deutschland hat jeder der drei Wirkungsorte der Bauhäusler eigene Kultstätten hervorgebracht: in Weimar, wo das Bauhaus gegründet und 1925 vertrieben wurde, die Hochschule für Architektur und Bauwesen, die sich zu einem neuen Bauhaus entwickeln möchte; in Dessau, dem Sitz des Bauhauses von 1925 bis 1932, das heutige Institut gleichen Namens; in Berlin, der letzten Zuflucht bis 1933, das Bauhaus-Archiv und -Museum. Doch Sammlungen mit Bauhaus-Beständen gibt es auch in Weimar und Dessau. Und Kolloquien und Symposien an allen drei Orten.

Kein Jahr vergeht, ohne daß sich nicht die lange Reihe der einschlägigen Publikationen um neue Erzeugnisse vermehrte. Die jüngste, eine Sammlung von Produkten und schriftlichen Äußerungen aus Meister- und Schülerhand, hat der englische Kunsthistoriker Frank Whitford zusammengetragen, ein Kaleidoskop der hochfliegenden Ideale und eklatanten Fehlschläge, der Triumphe und Querelen**.

Ährenlese vom abgeernteten Acker - die gibt''s alle paar Jahre, aber so üppig dargeboten waren die Feldfrüchte seit langem nicht. Wer bei einem Minimum an kritischer Verarbeitung ein Maximum an Schilderungen aus erster Hand schätzt, wird bei Whitford mit Anekdoten und Details gut bedient.

Unnütze Frage, ob je ein Verlag sich mit ähnlicher Ausführlichkeit der Lehr- und Versuchsateliers Wilhelm von Debschitz'' in München, der Kunstgewerbeschulen in Berlin oder Straßburg, der Breslauer Akademie, der Frankfurter Kunstschule annähme - natürlich nicht. An ihnen und einem halben Dutzend weiterer Institute ist, vor und neben dem Bauhaus, vorzügliche Arbeit geleistet worden, wurden Lehrwerkstätten und handwerkliche Schulung als unabdingbare Voraussetzung betrachtet, gab es ein Training von Hand und Auge, das den berühmten Bauhaus-Vorkurs von Meister Itten vorwegnahm, lehrten kaum minder wichtige Künstler als in Weimar oder Dessau.

Aber das Bauhaus ging aus der Konkurrenz dank der Berufungspolitik und der Integrationsleistung seines Leiters Walter Gropius als Sieger der Kunstgeschichte hervor - und dank seiner eigenen Propaganda für die »ehrliche« funktionale Einfachheit als Jahrhundertlösung. Einmal Sieger, immer Sieger.

Denn auch die zeitgenössischen und die postumen Gegner des Bauhauses trugen zur wundersamen Vermehrung des Nachruhms bei. Vielleicht haben erst die Anfeindungen, etwa der Nazis, und die kritischen Analysen die Gleichsetzung von Bauhaus und Moderne - soweit sie Kunst und Gestaltung betraf - zementiert. Die Bauhaus-Debatte, die der Kölner Architekt und prominente Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz 1953 anzettelte (und die jetzt im 100. Band der Reihe Bauwelt Fundamente nachzulesen ist***), verlief insofern repräsentativ.

Was Schwarz bei aller mutwilligen Polemik reklamierte, die Traditionsverluste und die Einbuße an Gestaltreichtum, ging nicht in die Diskussion ein. Ein dialektischer Prozeß, in dem die Sache sich aus ihren inneren Widerständen bewegt hätte, kam nicht zustande. Es blieb bei den schroffen Abfolgen jeweils konträrer Konzepte und Strategien: heute hü! und morgen hott!

In Dessau sind die heutigen Insassen des Bauhauses ständig mit der mythischen Vergangenheit konfrontiert. Konzentrierter könnte man sich die Bauerzeugnisse der Moderne nicht auf dem knappen Raum einer Mittelstadt versammelt wünschen, wohl aber besser instand gehalten.

Das Bauhaus-Gebäude an der Allee, die jetzt nach Thälmann den Namen Gropius führt, muß für rund zwölf Millionen Mark saniert werden. Es ist die zweite nach der seinerzeit so hochgerühmten von 1976, bei der mehr Improvisation und Pfusch im Spiele waren als damals in Ost und West zugegeben. Die Meisterhäuser im nahen Kiefernwald sind sowieso seit dem Kriege in ramponiertem Zustand. Das Einzelhaus des Direktors *** Ulrich Conrads, Magdalena Droste, Winfried _(Nerdinger, Hilde Strohl (Hrsg.): »Die ) _(Bauhaus-Debatte 1953. Dokumente einer ) _(verdrängten Kontroverse«. Verlag Vieweg, ) _(Wiesbaden; 264 Seiten; 48 Mark. ) ** Frank Whitford: »Das Bauhaus. Selbstzeugnis- _(se von Meistern und Studenten«. Deutsche ) _(Verlags-Anstalt, Stuttgart; 328 Seiten; ) _(148 Mark. * 1968 in Stuttgart. ) ist bis auf die Garage nicht mehr vorhanden. Bei einem der drei Doppelwohnhäuser fehlt die Hälfte. Irgendwann wird die Stadt es ergänzen müssen.

In der Siedlung Törten, einem Exempel rationalisierter Bauweise, wurden die Reihenhäuser schon zu Bauhaus-Zeiten an private Eigentümer verkauft und sind deshalb nur schwer nach einheitlichem Plan instand zu setzen. Wenigstens wurde das Stahlhaus von Georg Muche und Richard Paulick, avantgardistisch in der Konstruktion bei katastrophaler Bauphysik, nach seiner weitgehenden Demontage anno 1989 nun wiederhergestellt.

Eine andere Kostbarkeit jener Tage, das Arbeitsamt von Gropius, ist durch einen elfstöckigen DDR-Plattenbau gleich dahinter verunstaltet. Am Elbknie wartet das Kornhaus, ein Ausflugsrestaurant von Carl Fieger, auf Restaurierung und bessere Tage.

Das Erbe der zwanziger Jahre ist ein Kapital, mit dem die heutige Institution Bauhaus leben darf und leben muß. Es ist Chance und Alptraum zugleich. Von dem gelernten Sozialwissenschaftler Rolf Kuhn, seit 1987 amtierender Direktor, und jedem seiner potentiellen Nachfolger wird Widersprüchliches verlangt. Sie sollen dem Anspruch des historischen Bauhauses gerecht werden - und sie müssen ihn vergessen, wenn sie ein Programm von heute machen wollen.

Die Reihe der Bauhaus-Direktoren, Gropius, Hannes Meyer, Mies van der Rohe, mute an wie die Trinität von Marx, Engels und Lenin, meinte Peter Hahn, Leiter des Berliner Bauhaus-Archivs, bei einer Bauhaus-Debatte in Magdeburg. Die Zumutung dieses Vergleichs möchte er dem Kollegen Kuhn und jedem späteren Amtsinhaber ersparen.

In der Tat ist eine Historisierung des Bauhauses angebracht: Was war, ist gewesen. Und doch, welcher namhafte Dozent und welcher ausländische Stipendiat käme nach Dessau, wenn nicht die Aureole der legendären Tage über der Stadt hinge?

Nach dem deutsch-deutschen Zusammenschluß hat die Institution Bauhaus mit Erfolg und Selbstvertrauen taktiert. Anders als andere Kultureinrichtungen ist sie nicht abgewickelt worden. Den größten Teil ihrer Aufgaben finanzieren der Bund (mit 50 Prozent), das Land Sachsen-Anhalt (mit 45 Prozent) und die Stadt Dessau (mit 5 Prozent) gemeinsam.

Kurz nach der sachsen-anhaltinischen Regierungskrise und rechtzeitig zu Weihnachten fand der Landtag Zeit, ein Gesetz über die Errichtung einer Stiftung zu verabschieden. Inzwischen hat es Gesetzeskraft erlangt. Das Bauhaus ist eine Stiftung geworden.

Von Gunst und Ungunst der politischen Stunde, die das Bauhaus von der Weimarer Republik bis zur Wende immer wieder gefährdeten, ist die Institution damit endlich unabhängig geworden. Der Stiftungsrat erhält laut Gesetz einen Wissenschaftlichen Beirat, der auch zur anstehenden Wahl des neuen Direktors gehört wird. Professor Kuhn bewirbt sich wieder. Aber auch im In- und Ausland stehen Interessenten parat.

Das Stiftungsgesetz ist auch insofern ein Erfolg der jetzigen Mannschaft, als es die derzeitigen Tätigkeiten in seinen Paragraphen festschreibt: Werkstatt, Sammlung, Akademie. Die »Akademie« veranstaltet Kurse und Klassen. Die »Sammlung« kam 1991 mit dem rund zwei Millionen Mark teuren Ankauf von Teilen der Kollektion Bröhan, einer Dauerleihgabe des Landes an seinen Dessauer Zögling, ins Gerede. Nun umschließt der Sammlerehrgeiz auch ein Kaffeeservice der Wiener Werkstätte, Kerzenleuchter Joseph Maria Olbrichs und einen Stuhl Frank Lloyd Wrights.

Der »Werkstatt« hat Kuhn mit dem Sinn für Publizität, der auch seinem ersten Vorgänger im Amt eignete, das »Industrielle Gartenreich« als Aufgabe gestellt. Die meisten Dessauer Projekte beziehen sich darauf. Das Schlagwort knüpft an die Kulturleistungen des 18. Jahrhunderts an, als das Anhalt-Dessau des guten Fürsten Franz ein Hort patriarchalischer Aufklärung war und sich mit dem Wörlitzer Park einen der schönsten deutschen Landschaftsgärten zulegte. Daraus soll nun eine »grüne« Vision für den finsteren industriellen Raubbau des 20. Jahrhunderts, zumal der Region um Wolfen und Bitterfeld, entwickelt werden.

Für die ökologischen Probleme, die hier zu lösen sind, bietet das fortschrittsfrohe historische Bauhaus keine Hilfe. Aber als es nach 1945 wieder gegründet werden sollte und der Dessauer Stadtplaner Hubert Hoffmann den Landschaftsarchitekten Hermann Mattern zum Direktor machen lassen wollte, zeichnete sich schon einmal die Perspektive eines »grünen« Bauhauses ab.

Daß ein Institut wie dieses mit seinen schwachen Kräften Initiativen nur auf den Weg bringen und nur als Vermittler von Gedanken auftreten kann, versteht sich von selbst. Geht es nach den Dessauer Wünschen, wird das »Industrielle Gartenreich« im Jahre 2000 Teil der hannoverschen Weltausstellung sein.

Das Bauhaus, das einst als Hochschule für Gestaltung firmierte, wird keine Schule mehr sein. Die Annexionsgelüste der halleschen Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein wie der Dessauer Fachhochschule sind abgewehrt, und das ist gut so. Eine neue Unterrichtsanstalt für Kunst oder Design wird nicht gebraucht, wohl aber eine bewegliche Agentur der Ideen, ein Ort, an dem unabhängig kreuz und quer gedacht werden kann und soll.

Das heißt auch: Abschied nehmen. Wo ständige Fluktuation herrscht und nur ein paar Studenten für längere Zeit an ihren Diplomarbeiten sitzen, wird sich kaum noch die elektrische Hochspannung zwischen täglicher Nähe und langjähriger Lebensgemeinschaft herstellen, zwischen schöpferischem Glück und produktivem Krach, wie sie für das alte Bauhaus charakteristisch war.

Eine bestimmte Versuchung liegt dem heutigen Bauhaus nahe: Es wird zu oft im lokalen Maßstab gedacht. Zwar wußten auch Walter Gropius und Hannes Meyer, daß die Bewährung jeweils vor Ort stattfand, in Törten oder Bernau. Es war kein Zufall, daß sich die Bauhäusler Dessau als Sitz auserkoren hatten. _(* Im Treppenhaus der Bauhaus-Schule auf ) _(Bauhaus-Stahlrohrstuhl von Marcel ) _(Breuer. ) »Es fliegen gewaltige Junkersflugzeuge über unserm Wäldchen herum«, schrieb der Maler Lyonel Feininger an seine Frau, nicht verärgert, sondern stolz: »Das ist eine Pracht anzusehen.« Aber die Vorschläge, Entwürfe und Projekte müßten auch jenseits der regionalen Grenzen angewendet werden können.

Die Idee des »Industriellen Gartenreichs« hat durchaus diesen Modellcharakter. Was in den stillgelegten Braunkohlegruben um Bitterfeld und an den Ufern der Chemiekloaken gelingt oder mißrät, betrifft auch die Industriewüsten in Lothringen, an Ruhr und Emscher oder in Mittelengland.

Doch das Grundstück an der Kreuzung der Straße der Deutsch-Polnischen Freundschaft mit der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft zu diskutieren; oder den Dessauer Bahnhofsplatz; oder die Sanierung von Dessau-Nord nebst der nötigen Sozialbetreuung - ist das Sache des Bauhauses? Sollten da nicht Stadtteilsanierer an die Arbeit gehen, die ihr Handwerk gelernt haben?

Das Bauhaus müßte sich zum Gesprächspartner der ersten Designer-, Architekten-, Umweltplaner- und Ökologenadressen der Welt machen. Aber es muß nicht Kinderfeste im Kiez organisieren. Es dürfte nichts tun, was andere auch oder besser können. Aber es müßte tun, was die anderen nicht können.

Eine Chance liegt im Versäumnis der anderen. Der Deutsche Werkbund und in seinen begrenzten Möglichkeiten auch das Internationale Design Zentrum (IDZ) in Berlin waren Institutionen, in denen laut gedacht wurde, was anderswo unter der Decke blieb. Von der großen Landzerstörung war 1959 die Werkbund-Rede, während allenthalben noch blanke Planungseuphorie herrschte.

Bis in die siebziger Jahre hinein, als Julius Posener oder Lucius Burckhardt den Vorsitz hatten, wurde im Werkbund öffentlich verhandelt, was das Zusammenleben aller betraf. Das ist dem Werkbund seitdem nur noch sporadisch gelungen, und dem IDZ aus anderen Gründen auch nicht.

Wenn das Bauhaus diese Fehlstelle besetzte; wenn es zu einer Werkstatt der Ideen würde, deren Kompetenz zwar nicht in der Lösung, wohl aber in der Formulierung von Problemen läge; wenn es ein Forum böte, auf dem jede mögliche Zukunft in der Konkurrenz und im Konflikt mit der Vergangenheit der Moderne erörtert wird; dann, ja dann würden auch seine Kritiker gern das Kiezfest in Dessau-Nord mit ihm feiern. Y

Mit Kaffeeservice und Kerzenleuchter zu neuen Ufern

»Junkersflugzeuge über unserm Wäldchen: eine Pracht«

*** Ulrich Conrads, Magdalena Droste, Winfried Nerdinger, HildeStrohl (Hrsg.): »Die Bauhaus-Debatte 1953. Dokumente einerverdrängten Kontroverse«. Verlag Vieweg, Wiesbaden; 264 Seiten; 48Mark. ** Frank Whitford: »Das Bauhaus. Selbstzeugnisse von Meisternund Studenten«. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart; 328 Seiten; 148Mark. * 1968 in Stuttgart.* Im Treppenhaus der Bauhaus-Schule auf Bauhaus-Stahlrohrstuhl vonMarcel Breuer.

Wolfgang Pehnt
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