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Literatur Ingenieure der Seele

In Leipzig wird ein schon totgesagtes DDR-Institut neu belebt: die Hochschule für Nachwuchsdichter.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Läßt sich die Schriftstellerei lehren, das Dichten lernen? Gibt es gar eine Zauberformel für die Kunst der schönen Worte?

Einer zumindest glaubt so etwas zu kennen: Das Rezept laute »Gottsched plus Beuys«, meint Bernd Jentzsch, 52. Und Jentzsch muß es wissen: Im Herbst kommenden Jahres soll unter seiner Leitung das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, die einzige deutsche Dichterschule, den Betrieb aufnehmen.

Alljährlich 30 junge Talente will das Nachfolgeunternehmen des gerade abgewickelten Johannes R. Becher-Instituts zur Meisterschaft führen. Von Johann Christoph Gottsched, dem Poetik-Präzeptor des 18. Jahrhunderts, sollen die Studenten die Liebe zum Handwerk erlernen, vom manischen Modernisten Joseph Beuys den Biß.

Herauskommen könnte der mit allen formalen Kniffen vertraute und dennoch kreative Dichter, der mit leichter Hand Sonettenkränze flicht, um sie hernach in kühner Prosa zu zerfetzen. _(* Im September 1990 nach einem Besuch ) _(des Leipziger Instituts. )

Doch Jentzsch, ein stiller, nachdenklicher Mann, ist Realist genug, einzugestehen, daß er »keine Manufaktur zur Herstellung von Flauberts und Shakespeares« betreiben könne. Der Dichter-Lehrer ahnt vielmehr, daß viele der künftigen Absolventen »froh sein müssen, wenn sie als Kritiker reüssieren«.

Auch dafür will Jentzsch das Rüstzeug vermitteln. Im Zentrum der dreijährigen Ausbildung sollen nicht allein Debatten über eigene und fremde Texte stehen, sondern darüber hinaus Literaturtheorie, Philosophie und Soziologie. Als Zugeständnis an akademischen Usus gibt''s für jeden Absolventen ein Diplom - wenn auch ohne Prüfung.

Wer so viel bewegen darf, zieht naturgemäß Kritik auf sich. Am härtesten traf bei Jentzschs Berufung ein Diktum von Adolf Muschg: Der Schweizer Erzähler und Literaturwissenschaftler tat den Sachsen kurz als »provinzielle Besetzung« ab. Ein wenig dezenter gingen zwei alte Kämpen des Metiers auf Distanz: Walter Jens und Hans Mayer zogen sich still aus der Berufungskommission zurück - den beiden wird nachgesagt, sie hätten den zu vergebenden Posten gern selbst eingenommen.

Jentzsch kann solche Vorwürfe gelassen nehmen. Mit 21 Jahren hat er in der DDR den ersten Gedichtband veröffentlicht ("Alphabet des Morgens"), der ihm sogleich den Argwohn der Ideologen eintrug. Seine seither erschienenen Bücher, hauptsächlich Lyrik und Essays, lassen stilistisches Format ebenso erkennen wie umfassende Bildung. Spektakulär freilich waren sie nie.

Einige Beachtung fand dagegen ein offener Brief, den der DDR-Bürger im November 1976 »mit der eindringlichen Bitte um Gehör« an Staatschef Erich Honecker schrieb. Jentzsch, der sich damals in Bern aufhielt, um eine Anthologie schweizerischer Autoren zusammenzustellen, protestierte gegen den Ausschluß Reiner Kunzes aus dem DDR-Schriftstellerverband und die Ausbürgerung Wolf Biermanns - und blieb anschließend vorsichtshalber gleich selber im Westen.

Zuvor hatte er in stiller Lektoratsarbeit beim Ost-Berliner Verlag »Neues Leben« Beachtliches zuwege gebracht. Die 1967 von Jentzsch gegründete Reihe »Poesiealbum« kann mit 1,2 Millionen Exemplaren als populärste, jedenfalls auflagenstärkste Lyrikreihe der deutschen Literaturgeschichte gelten.

Den guten Ruf erwarb das »Poesiealbum« vor allem mit DDR-Erstveröffentlichungen bedeutender Autoren wie Dylan Thomas, Federico GarcIa Lorca, Marina Zwetajewa oder Hans Magnus Enzensberger.

Auch im Westen arbeitete der Lyriker vor allem als Lektor. Mit seinem Beginn in Leipzig übernimmt Jentzsch nun nicht nur die »Grüne Villa« des Johannes R. Becher-Instituts, sondern unweigerlich auch ein Stück DDR-Tradition.

Zwar vermeidet der oberste Dienstherr des Instituts, der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer (CDU), jeden Anschein von Kontinuität; Meyer hatte das Becher-Institut gleich nach seinem Amtsantritt im Herbst 1990 zur Abwicklung freigegeben, weil es »einseitig auf eine Ideologie festgelegt« sei.

Doch derselbe Meyer räumt neuerdings ein, die gescholtene Dichterschule sei ein »Raum relativer Liberalität« in der DDR gewesen. Tatsächlich steckt die Geschichte des Instituts voller Widersprüche. Es war niemals bloße Kaderschmiede, aber auch niemals ein - wie es die Absolventin Angela Krauß nach der Wende formulierte - »Exterritorium auf dem Gebiet der DDR«.

Vorbild bei der Gründung im Jahre 1955 war das Moskauer Gorki-Institut, an dem seit 1933 begabte Schreiber zu »Literaturarbeitern« ausgebildet wurden - mit Anspruch auf Lohn und Stellung in der sowjetischen Nomenklatura.

Solche Privilegien hatte die Leipziger Literaturschule nicht zu vergeben. Den Zöglingen wurden weder die Aufnahme in den Schriftstellerverband noch eine einzige Publikation garantiert. Nach einer Schätzung des noch amtierenden letzten Direktors Helmut Richter sind insgesamt nur etwa ein Drittel der Absolventen bei der Schriftstellerei geblieben.

Klar vorgegeben war dagegen die ideologische Linie. Angelehnt an ein Stalin-Wort pries Alfred Kurella, der erste Direktor, die Schriftstellerschule als vorbildlich im »Versuch, ,Technische Hochschulen'' für diese Ingenieure der menschlichen Seelen einzurichten«.

DDR-Kulturminister Becher, dem das Institut unterstand, hörte solche Tiraden mit Skepsis. In einer Tagebuchnotiz spottete der Dichter und Funktionär über das Unterfangen, »hyperformalistische Retortenexperimente« zu veranstalten. Nach Bechers Tod (1958) erhielt das Institut gleichwohl seinen Namen.

Dennoch schien am Anfang alles möglich: offene Kritik, Debatten ohne Selbstzensur. Von der benachbarten Universität kamen Ernst Bloch und Hans Mayer, aus Warschau reiste Marcel Reich-Ranicki an. Es blieben Gastauftritte.

Der Schriftsteller Erich Loest, der zum ersten Jahrgang gehörte und der bei der Einweihung den Dank der Studenten an Staat und Partei abstatten durfte, hat aus seiner Institutszeit »vor allem die ideologischen Debatten« im Gedächtnis behalten.

»Hemingways ,Der alte Mann und das Meer''«, erinnert sich Loest, »galt dort als präfaschistisch.« Der Autor, der später als politischer Gefangener sieben Jahre im Zuchthaus Bautzen einsaß und 1981 in die Bundesrepublik übersiedelte, zog sich nach einem halben Jahr weitgehend aus dem Institutsalltag zurück.

Ebenfalls zum ersten Jahrgang zählte der Journalist und Schriftsteller Ralph Giordano. Das damalige KPD-Mitglied aus Hamburg sah seine hochfliegenden Erwartungen ähnlich rasch enttäuscht wie Loest. Nach ein paar Monaten, berichtet Giordano, habe er am Institut vor allem »Wut über die eigene Ohnmacht« gespürt.

Doch den Druck zur Anpassung an die herrschende Ideologie empfanden von den insgesamt etwa 1000 Absolventen offenbar nur wenige als unerträglich. Die Annalen des Instituts verzeichnen ein paar freiwillige Abgänge und acht Zwangsexmatrikulationen. Sicher trugen auch die für DDR-Verhältnisse wohldotierten Stipendien von rund 600 Mark monatlich zum inneren Frieden in der Grünen Villa bei.

Zeitweise soll die Liberalität so weit getrieben worden sein, daß die Dichterschule kurz vor der Schließung gestanden habe. So jedenfalls berichtet es der scheidende Direktor Richter, der 1979 und 1982 als besonders kritische Jahre ausgemacht hat. Richter spricht von »leider unauffindbaren Stasi-Gutachten«, in denen das Becher-Institut als Brutstätte der Konterrevolution denunziert worden sei.

Ganz unglaubwürdig ist das nicht. Eine Diskussion von erstaunlicher Offenheit ist beispielsweise in den Weimarer Beiträgen Mitte der achtziger Jahre überliefert. Ein Becher-Schüler sagt da rundheraus: »Literatur ist die Stütze des Individuums, nicht der Gesellschaft.« Sogar vom Schreiben als »Opposition gegen die marxistische Philosophie« ist die Rede.

Die Situation der Schreibschüler wurde in den letzten Jahren vor der Wende geradezu schizophren. Am Institut relativ frei, konnten nur die wenigsten etwas von dieser Freiheit in das Leben nach dem Institut mitnehmen. Der Absolvent Holger Jackisch beschreibt dieses Biotop kurz und genau als »Käseglocke«.

Viele ambitionierte Schreiber fühlen sich von einem solchen Lebensraum offenbar immer noch - oder schon wieder - angezogen. Seit das Becher-Institut in Abwicklung begriffen ist, sind in Leipzig 90 neue Bewerbungen eingegangen.

Nachfolgedirektor Jentzsch hat schon »eine dicke Akte« mit Zusendungen gefüllt, darunter zahlreiche Briefe »aus dem akademischen Proletariat, das hier eine Chance auf Beschäftigung wittert«.

Bei soviel Zuspruch kann Jentzsch es sich leisten, Interessenten mit einem etwas verwirrenden Motto abzuschrecken: »Hier werden Sie lernen, was wir Sie sogleich zu vergessen bitten, indem Sie das Gelernte sich so anzuverwandeln gehalten sind, daß Sie am Ende nicht mehr wissen, was zu vergessen Ihre vordringlichste Aufgabe gewesen ist.«

Ach so.

* Im September 1990 nach einem Besuch des Leipziger Instituts.

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