Moderator Zamperoni über die Spaltung der USA "Die Gräben sind oft unüberbrückbar"

Die USA sind ein politisch tief zerrissenes Land – das erlebt der mit einer Amerikanerin verheiratete TV-Journalist Ingo Zamperoni auch in der eigenen Familie. Hier schildert er seine Beobachtungen.
Ein Interview von Arno Frank
"Tagesthemen"-Moderator Zamperoni: Schon als Kind fasziniert von den USA

"Tagesthemen"-Moderator Zamperoni: Schon als Kind fasziniert von den USA

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Christian Spielmann / NDR

SPIEGEL: Herr Zamperoni, in Ihrer Dokumentation "Trump, meine amerikanische Familie und ich" brechen Sie das Große runter aufs Kleine, Persönliche – Ihre eigene Familie. Warum?

Zamperoni: Die Idee war eine Erkundung. Ich wollte wissen: Wie geht es dieser Gesellschaft, wie geht es den Menschen, wie geht es diesem Land nach vier Jahren mit Trump? Und wie betrifft es jene, die mir am nächsten stehen in diesem Land, das mich schon als Kind faszinierte?

SPIEGEL: Sie waren drei Jahre US-Korrespondent in Washington und sind mit einer Amerikanerin verheiratet.

Zamperoni: Und durch diese Familie geht eine Spaltung im Kleinen. Sie spiegelt wider, was im Großen im ganzen Land stattfindet. Zwei unversöhnliche und auch nicht überzeugbare Blöcke, wenn man so will. Meine Frau ist eine glühende Demokratin, mein Schwiegervater aber ein überzeugter Trump-Wähler. Meine Schwiegermutter ist auch Demokratin, zumindest gegen Trump, ihr zweiter Ehemann ist Schwarzer. Wie hat er die Black-Lives-Matter-Proteste gegen Polizeigewalt beobachtet, die im Sommer ja in Ausschreitungen umgeschlagen sind? Wie hat sich der Rassimus unter Trump entwickelt, wenn er in entsprechenden Gruppen "auch gute Leute" sehen will? Und da haben wir noch nicht über die Waldbrände an der Westküste gesprochen. Meine Schwägerin lebt in San Francisco und hat ständig Rauch in den Augen.

SPIEGEL: Es ist Ihre eigene Familie. Können Sie da neutral sein als Journalist?

Zamperoni: Ich bin nicht hingefahren, um nun etwa meinen Schwiegervater zu bekehren. Ich wollte Beobachter sein. Es ist ja nicht mein Präsident, der da gewählt wird. Mein Schwiegervater ist ein netter Typ, ich mag ihn sehr gern. Man kann Spaß haben mit ihm, er ist liebenswürdig. Warum wählt so jemand Trump?

SPIEGEL: Warum?

Zamperoni: Mein Stief-Schwiegervater nannte mir drei Gründe, warum Menschen Trump wählen. Die erste Gruppe ist reich, große Unternehmer. Denen hilft Trump durch die Steuersenkungen, Geld zu behalten oder durch die Abschaffung von Umweltauflagen und andere Deregulierungen. Die zweite Gruppe ist einfach so konservativ, dass die Republikaner sozusagen einen Sack Kartoffeln aufstellen könnten – und sie würden dahinter ihr Kreuz machen.

Und das sagt seine Familie...

Jiffer Bourguignon, die ehemalige SPIEGEL-Mitarbeiterin und Ehefrau von Ingo Zamperonikann nicht glauben, dass ihr Vater den US-Präsidenten weiterhin unterstützt. Ein Streitgespräch.

SPIEGEL: Und die dritte Gruppe?

Zamperoni: Das sind Rassisten oder Menschen, die sich vor einem Schwinden der weißen Mehrheit fürchten. Dann ist da jemand im Weißen Haus, der vielleicht nicht offen rassistisch ist – aber gewisse Sachen nicht so anprangert, wie er das müsste. Und das ist schon mal eine Botschaft.

SPIEGEL: Ist diese Spaltung ein Erbe der beiden Legislaturperioden von Obama?

Zamperoni: Obama sagt selbst: "Progress zigs and zags", Fortschritt pendelt hin und her. Im Grunde hat sich das schon mit dem Einzug der Tea Party in den Kongress bemerkbar gemacht. Wenn man noch weiter gehen will, war Sarah Palin das Einfallstor, dieser populistische Zugang für die Republikaner. Diese jüngsten Strömungen hat Trump nur sehr geschickt angezapft. Auch darf man nicht vergessen, dass bei den Demokraten ebenfalls ein starker Ruck nach links stattfindet.

SPIEGEL: Menschen, die den linken Kandidaten Bernie Sanders bevorzugt hätten?

Zamperoni: Ja. Und viele fürchten, dass Biden nicht die vier Jahre voll macht. Und dann kommt Kamala Harris zum Zug, die erst recht für die – aus ihrer Sicht – extremistische Linke steht.

SPIEGEL: Für "Sozialismus", wie viele Amerikaner ihn verstehen, hätte aber eher Bernie Sanders gestanden.

Zamperoni: Ich habe den Film mit meiner Kollegin Birigt Wärnke gemacht, die in der DDR aufgewachsen ist. Sie sagte die ganze Zeit: "Ich weiß, was Sozialismus ist! Wovon reden die denn hier?" Dinge wie Krankenversicherung oder kostenlose Universität, das sind aus deutscher Sicht eher klassisch sozialdemokratische Haltungen. In den USA will man, glaube ich, lieber den Stolz bewahren, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Man erwartet da traditionell nicht so viel vom Staat.

SPIEGEL: Umverteilen, das Schreckgespenst?

Zamperoni: Genau. "Ich habe mich hier 60 Jahre abgerackert und selbst für meine Familie gesorgt", sagt mein Schwiegervater sinngemäß, "und jetzt wollen sie das alles nehmen und Wohltaten unter ein Volk bringen, das dann sogar aus illegalen Einwanderern besteht?".

SPIEGEL: Sind Sie auch Linken begegnet, die Biden nicht wählen werden?

Zamperoni: Ja. Die wollen mehr, nämlich grundsätzlich etwas ändern. Da reicht kein Biden. Der Neffe einer Freundin meiner Frau war vor vier Jahren Erstwähler und hat Trump gewählt. Nun hat er sich von ihm abgewendet, kann aber auch nicht für Biden stimmen. Weil er den für ebenso furchtbar hält wie Trump.

SPIEGEL: Wie informieren sich die Menschen, mit denen Sie gesprochen haben? Facebook, Fox News, Tageszeitungen? Ist das Land auch in dieser Hinsicht zersplittert?

Zamperoni: Auf jeden Fall. Mein Schwiegervater guckt zum Ausgleich auch CNN, bekommt seine Schlagzeilen aber von Fox. Viele abendliche Politshows auf Kanälen wie Fox News oder CNN sind stark meinungsgefärbt. Was legitim ist, das sind private Unternehmen, und der Kommentar ist eine journalistische Ausdrucksform.

SPIEGEL: Es wird aber als News verkauft.

Zamperoni: Und das verstärkt eigene Sichtweisen, auf beiden Seiten. Dann kommen noch die sozialen Medien hinzu. Mein Schwiegervater schickt mir gern irgendwelche obskuren Beiträge und Kettenbriefe weiter: "Guck mal, so ist das nämlich!"

SPIEGEL: Erkennen Sie Parallelen zur Entwicklung in Deutschland?

Zamperoni: Wir haben ein anderes System, eine andere Kultur. Es kann hier kein Außenseiter, nur weil er Millionen auf dem Konto hat, einfach eine Partei hijacken, so wie Trump das getan hat. Vielleicht sind wir auch nüchterner in Deutschland, biederer. Wir mögen Beständigkeit. Vor Überheblichkeit würde ich aber warnen. Es zerren starke Kräfte an der Demokratie. Wir haben gesehen, wie schnell das gehen kann.

SPIEGEL: Wird sich die Lage nach der Wahl beruhigen?

Zamperoni: Da bin ich skeptisch. Diese Gräben sind oft unüberbrückbar und sogar in Familien so tief, dass es fast egal ist, wer im Weißen Haus sitzt.

SPIEGEL: Was kann man tun?

Zamperoni: Man kann nur versuchen, die Kommunikation untereinander aufrechtzuerhalten. Meine Schwiegermutter könnte heulen, dass so jemand wie Trump das Land regiert. Aber eine ihrer besten Freundinnen, mit der sie wöchentlich Kajak fahren geht in Wisconsin, ist eine felsenfeste Trump-Wählerin. Trotzdem paddeln die jede Woche zusammen und sagen: "We just don't talk about it", wir reden einfach nicht darüber. Ich weiß nicht, ob das ein Kopf-in-den-Sand-stecken ist. Zumindest aber hat man noch Begegnungen.

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