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LOLITA Ins Ohr gesagt

aus DER SPIEGEL 23/1962

Ein nacktes Mädchenbein ragt ins

Bild. Zwei Männerhände greifen nach dem Fuß, spreizen die Zehen auseinander und schieben Wattebäuschchen dazwischen; sie beginnen, die Fußnägel zu lackieren. Dann erscheint der Filmtitel auf der Leinwand. Er verrät zugleich, wem das Bein gehört: »Lolita«.

Am Vorabend der diesjährigen Berliner Filmfestspiele werden sich Besucher des Frontstadt-Festivals an diesem Vorspann-Trick erbauen können. Mit einer Galavorstellung läuft am 21. Juni ein Lichtspiel an, das nach Meinung des Londoner »Daily Express« der »explosivste, umstrittenste Film aller Zeiten« sein soll: die Kinoversion von Vladimir Nabokovs gleichnamiger Nymphchen-Dichtung.

Eine Skandalfama eilte der Premiere voraus. Ein Filmbeobachter der Evangelischen Kirche in Deutschland ließ noch vor Abschluß der Dreharbeiten wissen, der Verleiher eines »Lolita« -Lichtspiels dürfe sich nicht wundern, wenn man ihm einen »Fußtritt« versetze. Der Ratsvorsitzende der »Christlichen Aktion« in England, Kanonikus John Collins, verdammte Nabokovs Buch als »clever geschriebene Story über eine abseitige sexuelle Perversion, ungeeignet für den Film«.

In der Tat war nicht leicht vorstellbar, wie aus dem satirisch-erotischen Nabokov-Roman ein Kinostück zu machen sei - aus einem Buch, das von der verzehrenden Neigung eines gereiften Herrn zu Mädchen im Grundschulalter handelt. »Es gibt Mädchen«, erläutert der etwa 40jährige Romanheld Humbert Humbert, »die gewissen behexten, zwei- oder vielmal älteren Wanderern ihre wahre Natur enthüllen; sie ist nicht menschlich, sondern nymphisch (das heißt dämonisch); und ich schlage vor, diese auserlesenen Geschöpfe als ,Nymphchen' zu bezeichnen.«

Das Nymphchen Lolita, das sich dem gebildeten Wanderer Humbert Humbert enthüllt, ist zu Beginn der Romanhandlung zwölf Jahre alt. Sie wird Humberts Stieftochter, als dieser sich, um dem kaugummikauenden Kindweib nahe zu sein, in eine Ehe mit Lolitas Mutter einläßt (bald darauf aber Witwer wird).

Lolita verführt ihn. Humbert verfällt der nicht mehr unberührten Zwölfjährigen und schrumpft zur lächerlichen und gedemütigten Figur. Lolita

liebt weder ihn noch seine Gedichte; sie belügt ihn, hintergeht ihn, läuft ihm mit einem feisten Modeschriftsteller namens Quilty davon, heiratet einen biederen Mechaniker und schickt ihrem Stiefvater einen Brandbrief, als sie ein Kind erwartet.

Noch einmal kommt Humbert zu ihr, wirbt erneut - vergebens - um sie, deponiert Bargeld und Schecks und

macht sich auf, den vermeintlich alleinschuldigen Schriftsteller, der sie ihm entführte, zu erschießen. Lolita überlebt die Geburt ihres Kindes nicht (was allerdings nur im Vorwort des Romans mitgeteilt wird). Humbert Humbert stirbt, wegen Mordes angeklagt, im Gefängnis an einem Herzinfarkt.

»Es ist«, so fand ein Kritiker, »eine Geschichte mit einem fast alttestamentlichen Schluß. Jeder, der in sie verwickelt ist, stirbt unglücklich und unvollendet.« .

Was Nabokovs Erzählung zudem von gewöhnlichen Sex-Schockern unterscheidet, ist die anspruchsvolle literarische Aufbereitung, die europäische wie amerikanische Literaturkritiker zu schierem Lob hinriß. In Deutschland schrieb Friedrich Sieburg, der Roman habe zwar einen »höchst schockierenden Gegenstand«, aber er sei »ein literarisches Kunstwerk von hoher Qualität, mit dem größten stilistischen Raffinement geschrieben« - ein »reiner Liebesroman von einer Ausschließlichkeit und Unbedingtheit, wie er in der heutigen Literatur nicht mehr vorkommt«.

Sieburg war es auch, der sich dagegen wehrte, »daß dies kunstvolle und in seiner Art ergreifende Buch von den falschen Leuten gelesen und in jeder. Weise mißbraucht« werde: »Heißt es doch schon, daß das Werk verfilmt werden solle, was in diesem Falle ein besonders abstoßender Gedanke ist.«

Nabokov selbst allerdings empfand den Gedanken nicht als abstoßend, obwohl er die Kinokunst in fast allen seinen literarischen Werken mit amüsierter Geringschätzung betrachtet hatte. Jedenfalls vergab er die Filmrechte 1958 für 125 000 Dollar an den amerikanischen Produzenten James B. Harris und erklärte sich überdies bereit, selbst das Drehbuch zu verfassen.

Wenig später, da sich »Lolita« als Bestseller entpuppte, hätte Harris die Filmrechte bereits mit einem Profit von 700 Prozent an die Hollywood-Gesellschaft Warner Brothers verkaufen- können. Doch er zog es vor, das Projekt mit seinem Gefährten Stanley Kubrick, einem der begabtesten jungen amerikanischen Regisseure ("Wege zum Ruhm") selbst zu verwirklichen. Die »Seven Arts Production« in New York stützte das Vorhaben.

Nun setzte auch der Run der Verleihfirmen ein, die in »Lolita« mittlerweile einen Kassenfüller witterten. Noch ehe aber die amerikanischen Großverleiher zum Zuge kamen, hatte ihnen ein Hamburger Filmkaufmann zumindest das Deutschland-Geschäft weggeschnappt: Walter Koppel, Chef des Europa Filmverleihs.

Allerdings mußte Koppel für den Film offerieren, was bis dahin eine deutsche Filmfirma für ein ausländisches Lichtspiel noch niemals aufzubringen hatte: eine Million Mark. Das ist

- das Drei- bis Sechsfache der Summe, die deutsche Verleiher normalerweise für den Vertrieb eines ausländischen Durchschnittsfilms auswerfen müssen ("Außer Atem": 150 000 Mark);

- ungefähr so viel, wie die Produktion eines deutschen Unterhaltungsfilms kostet.

Ehe »Lolita« für Koppel zum Geschäft wird, müssen zwei Millionen Bundesbürger den Film sehen, damit die Unkosten gedeckt werden können. Erst wenn die Zuschauerzahl diese Marke übersteigt, streicht Koppel Gewinn ein. Koppel: »Die Vertragskonditionen sind hart, aber ich bin überzeugt, daß es sich lohnen wird.«

Als er den Millionen-Vertrag schloß, kannte er weder das Drehbuch noch wußte er, wie Regisseur Kubrick den Roman ins Bild setzen wollte. Er vertraute in erster Linie auf die Zugkraft des Themas. Und: »Ich hatte ein Bild der Hauptdarstellerin gesehen.«

Das Bild zeigte ein stupsnasiges amerikanisches Gör namens Sue Lyon. Harris und Kubrick hatten es auf der Suche nach einem Mädchen, »das schauspielern konnte und Lolitas frühreifes Sexbewußtsein besaß« (Harris), aus mehreren Hundert Amerikanerinnen zwischen 13 und 20 herausgefischt. Harris: »Wenn wir bei der Suche etwas gelernt haben, dann dies: daß es im wirklichen Leben Dutzende von Lolitas gibt.«

Als die Dreharbeiten im Winter 1960/ 1961 begannen, war die Hauptdarstellerin 14 Jahre alt. Darsteller James Mason, 51, der für die Rolle des Humbert Humbert angeheuert worden war: »Sie ist das perfekte Nymphlein.«

Dennoch hielten die Filmleute für ratsam, nicht den branchenüblichen Publicity-Rummel um ihre Minderjährige zu entfachen: Angesichts des heiklen Themas mußte jede Sensationsnachricht aus dem Atelier zwangsläufig Zensurgelüste schüren. So wurden während der insgesamt fünfmonatigen Drehzeit nur zwei autorisierte Photos von der Hauptdarstellerin veröffentlicht. Reporter wurden in die englischen Filmateliers von Boreham Wood nicht hineingelassen. Kein Drehbuchdetail drang an die Öffentlichkeit.

Das Gezeter amerikanischer Frauenverbände und die bedenkenschweren Kommentare von Kirchenleuten ließen dennoch vermuten, daß der Film die Zensur nicht passieren werde.

Doch es gab keine Reibereien: Der »Lolita«-Film wurde sowohl in Amerika als auch in der Bundesrepublik, für Kinögänger über 18 Jahre freigegeben. Weder die amerikanische Filmzensur noch die Freiwillige Selbstkonttolle der Filmwirtschaft in Wiesbaden erlegten den Herstellern des Lichtspiels irgendwelche Schnitte auf. Der katholische »Film-Dienst« empfand »Lolita« zwar als »kolportagehaft unappetitlichen Film«, gestand aber zu, es handele sich um eine »vorsichtige Filmbearbeitung des Romans«.

In der Tat: Das delikate Thema Nabokovs ist filmisch so geschickt verarbeitet, daß Produzent Harris durchaus behaupten kann: »Der Film ist nicht pornographisch, und es gibt in ihm nichts, was von der Zensur abgelehnt werden könnte.«

»Lolita« enthält keine gewagte Kußszene, kein unzüchtiges Wort, keine schwüle Verführungsszene. Der Zuschauer erfährt nicht einmal, wie alt Lolita ist. Er sieht, daß sie reichlich jung, ihr Partner ältlich ist.

Was Buchautor Nabokov über seinen Roman sagte, könnte der Drehbuchautor Nabokov auch über den Film sagen: daß es eine irrige Annahme sei, ein ausschweifendes Werk vor sich zu haben. Im Roman sind die erotischen Details so verstreut, daß ein auf Intimszenen erpichter Leser sich bis zur Seite 189 der deutschen Ausgabe hindurcharbeiten muß, ehe er Humberts Verführung ("keine Spur von Schamhaftigkeit in diesem schönen, eben erst reifenden kleinen Mädchen") teilhaftig wird

Entsprechende Passage im Film: Lolita schlägt ihrem Stiefvater ein Spielchen vor, das sie bereits früher mit einem gewissen Charlie gespielt hat. Humbert Humbert, ein gründlicher Kenner der Weltliteratur und Frankreichs, kennt offenbar noch nicht die Teenager-Sitten der Nachkriegszeit. Er versteht nicht, was Lolita ihm - unhörbar für den Kinogänger - ins Ohr tuschelt.

Dann vernehmlich: »Habt ihr als Jungens nicht solche Spiele gespielt?« - »Nein, niemals.« - »Na gut, dann ...«

In diesem Augenblick verdeutlicht ein Kamera-Schwenk, daß sich Lolita auf die Bettkante Humberts setzt. Die Kamera wendet sich ab. Schnitt: Lolita und Humbert auf Autoreise.

Eine weitere Intimszene des Romans - sie spielt an einem tropischen Nachmittag, da Humbert seine Lolita »in der klebrigen Schwüle der Siestastunde im Schoß« hält, sie aber so gleichgültig gegen seine Ekstase ist, »als säße sie auf einem Gegenstand«, und zudem noch Comic Strips studiert - wurde dem Film überhaupt nicht einverleibt. Ebenso taucht keine der Frauen auf, mit denen Humbert Humbert im Buch liiert ist - weder das Straßenmädchen Monique (mit dem »merkwürdig unentwickelten Körper") noch die polnische Arzttochter Valeria ("Die Hochzeitsnacht machte mir ziemlich viel Spaß") noch die gutmütige Rita (mit einer »absonderlichen Vorpubertätskurve des Rückens") noch Annabel, seine erste Liebe.

Produzent Harris: »Nicht all die Schlagsahne des Buches war für uns notwendig, im Film würde sie sauer werden.« Dennoch, Nabokovs Dialoge und Kubricks Regie machen überaus deutlich, worum es geht. Aus dem Roman der geschilderten Andeutungen ist ein Film der angedeuteten Schilderungen geworden.

Wie bei den meisten Literaturverfilmungen ging dabei vom Schmelz der Prosa-Vorlage viel verloren. Immerhin entstand ein straff inszenierter. Unterhaltungsfilm gehobener Machart.

Um den Kino-Erfordernissen besser gerecht zu werden, modelten die Filmemacher die Romanhandlung geringfügig, aber effektvoll um. So wurden Aktionen etlicher Nebenfiguren dem Schriftsteller Quilty zugeordnet, der dadurch wesentlich profilierter in Erscheinung tritt als im Buch. Regisseur Kubrick ließ sich zudem einen Kniff einfallen, der den nur mählich sich zuspitzenden Konflikt schon in den ersten Minuten des Films verdeutlicht. Die Zuschauer erleben das Handlungsende vorweg: Humbert Humbert erschießt rachsüchtig den Lolita-Entführer Quilty in einem muffigen Landhaus.

Daß Lolita stirbt, erfährt der Filmzuschauer nicht. Sie verschwindet in einem Umstandskleid von der Leinwand, auf der Nase eine strenge Lesebrille, in der einen Hand eine Büchse Bier, zur Seite ihren Ehemann, im Hintergrund den Spülstein - eine ironische Anspielung auf amerikanisches Milieu, wo sich kindhafte Vamps offenbar mühelos in ordentliche Familienmütter verwandeln können. »Lolita«-Autor Nabokov

Vier Mädchen gestrichen

»Lolita«-Darstellerin Sue Lyon: Im Leben gibt es Dutzende

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