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Intellektuelle streiten über Ursachen und Folgen des Terrors

aus DER SPIEGEL 43/2001

In der heftigen Debatte, die der Schock des 11. September 2001 unter Intellektuellen und Schriftstellern aus verschiedenen Kulturkreisen auslöste, meldet sich der italienische Star-Autor Umberto Eco mit einem entschiedenen Plädoyer für Vernunft und Differenzierung zu Wort: Für Verwirrung sorge, so Eco, vor allem »die Tatsache, dass verschiedene Dinge nicht auseinander gehalten werden: die Identifikation mit den eigenen Wurzeln; das Verstehen dessen, der andere Wurzeln hat; das Urteil darüber, was gut und was schlecht ist«.

Ecos Beitrag, der zunächst in der Zeitung »La Repubblica« erschien und den der SPIEGEL leicht gekürzt in deutscher Übersetzung veröffentlicht, ist auch eine Reaktion auf zahlreiche, oft widersprüchliche Äußerungen von Intellektuellen unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse.

Als eine der Ersten nahm die Amerikanerin Susan Sontag, 68, in der »Frankfurter Allgemeinen« Stellung: Die Terrorakte in den USA stellten keine Attacke auf »Freiheit« und »Menschlichkeit« dar, sondern einen »Angriff auf die Vereinigten Staaten, die einzige selbst ernannte Supermacht der Welt«. Dieser Angriff sei »als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der Vereinigten Staaten unternommen« worden. »Lasst uns gemeinsam trauern«, schrieb Sontag. »Aber lasst nicht zu, dass wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben.«

Indiens bekannteste Schriftstellerin Arundhati Roy, 41, versuchte an gleicher Stelle, aus Sicht der Dritten Welt zu erklären, »warum der Terrorismus nur ein Symptom ist«. Rhetorisch fragte sie, ob es nicht möglich sei, dass »die finstere Wut, die zu den Anschlägen führte, nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun hat, sondern damit, dass amerikanische Regierungen genau das Gegenteil unterstützt haben«. Gleichzeitig betonte die Inderin ihre Überzeugung, der Hass gelte der Politik der US-Regierung - nicht dem amerikanischen Volk oder den Musikern, Autoren, Schauspielern, Sportlern und Filmen, die »überall auf der Welt beliebt« seien.

Am meisten provozierte Roy mit ihrer Formulierung, Osama Bin Laden sei »der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Der brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde«. Dass die Meinungsfreiheit, die einer indischen Autorin zugestanden wird, nicht jeder beanspruchen darf, musste »Tagesthemen«-Moderator Ulrich Wickert erfahren. Er zitierte in einem Zeitschriftenbeitrag die indische Autorin, sprach von gleichen »Denkstrukturen« bei George W. Bush und Osama Bin Laden - und stieß derart auf öffentliche Empörung, dass er sich in seiner Sendung für die »möglicherweise missverständliche« Äußerung entschuldigen musste.

Ähnlich wie Roy argumentierte der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, 49, in der »Süddeutschen Zeitung«. Doch nicht selten werde die »blinde Wut auf Amerika« in der islamischen Welt instrumentalisiert, »um vom Fehlen von Demokratie abzulenken und die Macht des lokalen Diktators zu steigern«.

Für Aufregung in Italien sorgte nicht nur Silvio Berlusconis Gerede von der Überlegenheit der westlichen über die islamische Kultur, sondern auch ein Aufsatz der einstigen Starreporterin Oriana Fallaci im »Corriere della Sera«. Für die in New York lebende Fallaci, 71, sind die Terroranschläge ein Beweis für die Unvereinbarkeit westlicher und islamischer Kultur. Beschwörend artikulierte sie die Angst vor einer kulturellen Überfremdung durch die »Kinder Allahs«, die »mein Italien« und Europa überschwemmten. Längst kämen ihr Rom, Venedig oder Genua wie Algier, Nairobi oder Beirut vor.

Gerade gegen solche emotionsgeladenen Reaktionen wendet sich Eco - auch wenn er Fallacis Namen nicht erwähnt.

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