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Holocaust-Mahnmal Intercity nach Auschwitz

aus DER SPIEGEL 6/1996

Nur ein Machtwort des Kanzlers verhinderte im letzten Sommer, daß der preisgekrönte Entwurf eines »Denkmals für die ermordeten Juden Europas« wie vorgesehen realisiert wurde: eine 100 mal 100 Meter große, schräg aus der Erde aufsteigende Betonplatte. Seitdem ruht das Projekt, doch die Diskussion um das Mahnmal geht weiter. Zuletzt meldete sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi zu Wort, der sich bislang an der Debatte nicht beteiligt hatte, und forderte die Organisatoren des Wettbewerbs auf, »einen neuen Versuch zu wagen": Das Ganze dürfe »etwas bescheidener« sein. Und der neue Berliner Kultursenator Peter Radunski, CDU, prognostiziert: »Das Denkmal kommt, bloß die Form ist noch offen.« Diese Chance möchten zwei Berliner Künstler, Renata Stih und Frieder Schnock, beide »Ende 30«, nicht ungenutzt lassen. Ihr gemeinsamer Entwurf »Bus Stop« kam bei dem Wettbewerb zwar nur auf den elften Platz, wird aber von vielen Kritikern als der redlichste favorisiert: eine Bushaltestelle und ein Info-Pavillon, von dem aus Busse im Linienverkehr zu Berliner Gedenkstätten (unter anderen Villa am Wannsee) und ehemaligen Konzentrationslagern fahren sollen. Jetzt haben die beiden Künstler einen »Bus-Stop-Fahrplan« für ihr »mobiles Mahnmal« vorgelegt. Die 130-Seiten-Broschüre, im Layout den »Städteverbindungen« der Deutschen Bahn nachempfunden, bietet real existierende Zugverbindungen von Berlin zu den Orten der Nazi-Herrschaft samt Ortsbeschreibungen an. Der Fahrplan hat durchaus »praktischen Gebrauchswert«. Nach Auschwitz wird folgende Verbindung empfohlen: mit dem IC 49 um 9 Uhr vom Hauptbahnhof nach Kattowitz, an 15.52 Uhr. Weiterfahrt mit einem Regionalzug um 16.02 Uhr. Ankunft in Auschwitz um 17.08 Uhr.

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