Behzad Karim Khani

Protest in Iran Angst vor Hysterie

Behzad Karim Khani
Ein Gastbeitrag von Behzad Karim Khani
Schriftsteller Behzad Karim Khani floh als Neunjähriger aus Iran. Heute blickt er zurück auf die Spaltung des Landes, die Isolierung der intellektuellen Elite im Ausland und wie sich die Gesellschaft verändert hat.
Proteste in Iran

Proteste in Iran

Foto:

AP

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Ich bin in Teheran geboren. 1977. Der erste Satz, den ich sprechen konnte, war »Tod dem Schah!« Ich denke, ich kann von mir behaupten, ein Kind der islamischen Revolution zu sein. Eine Revolution der großen Gesten und Symbole, des pathetischen Heldentums, des Märtyrerkultes. Eine Revolution aus der Zeit der großen Ideen, der Kollektivlösungen. All das brachten nicht nur die Religiösen mit, sondern beinahe alle Gruppierungen. Liberal galt als Schimpfwort, wer Bedenken hatte, galt als feige. Wer um eine Differenzierung bemüht war, galt schnell als Verräter. Als doppelzüngig, und war gut beraten, das Weite zu suchen. Haltungen, die nicht nur die religiösen Kräfte mitbrachten, sondern alle.

Es war also eine Revolution, die einer Gesellschaft ohne Mitte entsprang. Einer Revolution, die als Quelle der Sinn- und Identifikationsstiftung abgelöst wurde von dem anschließenden achtjährigen Krieg, den Saddam mit seinem Überfall auf Iran einläutete.

Hatten sich Jugendliche während der Revolution in Leichengewändern den Sicherheitskräften des Schahs entgegengestellt, schmissen sie sich während des Krieges mit Handgranaten unter Saddams Panzer oder liefen über Minenfelder, um Schneisen für die nachrückenden Truppen zu öffnen. Wir verließen Iran 1986. Sechs Jahre dieses Krieges habe ich miterlebt. Ich bin also auch ein Kind der Hysterie.

Nicht Beobachter, sondern Botschafter einer Nation

Mein Onkel war Künstler. Er erzählte: »Wenn die Gesellschaft ein Körper ist, dann sind Künstler und Intellektuelle die Augen und das Gehirn dieses Körpers.« Ich war zehn. Das Bild war einfach genug. Und wenn es stimmte, hatte der iranische Körper gerade angefangen, sich die Augen auszureißen, sich selbst zu köpfen. Ein Blick auf die Braindrain-Zahlen der darauffolgenden Jahre bis heute gibt ihm recht. Eine der vielen traurigen Kategorien, in denen Iran zu den führenden Nationen gehört.

Aber der Kopf wuchs nach. Und er wuchs anders. Er war frei von Ideologie. Er war jünger, weiblicher, vernetzter, globaler und zum alten, exilierten Kopf auf kritischem Abstand. Dem restlichen Körper nicht fremd. Die Gesellschaft bildete jetzt eine Mitte. Sie hatte einen Namen für die exilierten Intellektuellen. »Fossile«. Begrabene, versteinerte Überreste aus einer vergrabenen Zeit. Unter der eigentlichen Welt. Begraben mit ihren Kollektivlösungen, mit ihren Fehleinschätzungen, ihrer Hysterie.

Man darf nicht vergessen, dass seit mehr als 40 Jahren ausländische Journalisten nur sehr bedingt Zugang zu dem Land hatten. Und die Iraner, die ins Exil gingen, brachten nicht nur ihre Traumata, ihre Wunden und Demütigungen mit, sie hatten auch eine Mission, die sich aus ebendiesen Erniedrigungen ableitet.

Sie sahen sich nicht als Beobachter, sondern als Botschafter einer Nation, die sie ab jetzt in ungefähr dem Maß weniger verstehen würden, wie sie das Exilland zu begreifen begannen. So edel das Vorhaben, für die freie Presse zu streiten, die sie wollten, fehlte ihnen damit eine wichtige Voraussetzung: Neutralität.

Der Griff nach Freiheit

Iran ist nicht mehr das Land, das der Schah mit einer Analphabetenrate von beinahe 80 Prozent hinterließ. Es ist ein Land, das eine bessere Infrastruktur besitzt als die meisten osteuropäischen oder südamerikanischen Staaten. Der heutige Iran bringt weibliche Rennfahrer, Raumfahrer, Piloten hervor und mit Maryam Mirzakhani die erste Frau weltweit, die mit der Fields-Medaille für herausragende Entdeckungen in der Mathematik ausgezeichnet wurde. Die iranische Gesellschaft ist eine gut ausgebildete, in der mehr als 70 Prozent der Hochschulabgänger Frauen sind. Sie besetzen beruflich Toppositionen. Entsprechend wagen sie mehr. Trauen sich mehr zu. Auch den Griff nach Freiheit. Einer Freiheit, die vor allem die Absenz von Kollektivlösungen bedeutet. Von der Dominanz einer Vorstellung von Moral, vom Ziel und Weg. Eine Freiheit, die nicht mit dem Entfallen der Schleierpflicht erreicht ist, sondern mit dem Untergang des Regimes.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, dann nicht ohne zu bekennen, dass auch mein Bezug zu der Gesellschaft dort mangelhaft ist. Dass auch ich hinter einer Mauer lebe, die das Land um sich zog, als wir noch da waren. Ich lese iranische Zeitungen, oppositionelle Blogs, schaue gelegentlich iranisches Fernsehen, informiere mich über das, was auf der anderen Seite der Mauer passiert. Und wenn ich etwas kritisieren möchte, dann, dass diese Mauer, dieser fehlende Zugang nicht thematisiert wird, wenn Journalisten und vermeintliche Experten über die Geschehnisse des Landes schreiben. Geschehnisse, die sie immer nur überrascht haben. Mit Prognosen, die sich nie bewahrheitet haben. Und ich möchte etwas zu der Hysterie sagen.

»Die iranische Gesellschaft ist eine gut ausgebildete, in der mehr als 70 Prozent der Hochschulabgänger Frauen sind.«

Während der grünen Revolution hatte die Opposition an einem Punkt etwa vier Millionen Menschen in Teheran auf der Straße, und Mussawi hat sie nach Hause geschickt, um zu deeskalieren. Zu diesem Zeitpunkt befeuerte eine Mehrheit der Exiliraner die explosive Atmosphäre und rief zu einem Sturz auf, dessen Preis sie nicht selbst bezahlte. Dass die Millionen nach Hause geschickt wurden, wurde als strategischer Fehler gewertet. Besonders unter Exiliranern. Im Inland aber unter anderem als Reifegrad der Zivilgesellschaft. Keine Hysterie, kein Pathos. Der hohe Wert des Individuums, der Unversehrtheit des Einzelnen. Eben kein Märtyrerkult.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Schah damals zu gehen hatte. Einen minimalen Respekt bringe ich ihm aber dafür entgegen, dass er nicht so viele Menschen umgebracht hat, wie er konnte. Im Gegensatz zu den Generälen und Funktionären des Schahs, denen ein Leben in Los Angeles, London oder der Schweiz offenstand, ist es unwahrscheinlich, dass den Schergen des jetzigen Regimes irgendwelche Türen offenstehen. Vielleicht nicht einmal die des Libanons oder des Irak.

Ich meine gelesen zu haben, in Iran gebe es Menschen, die sagen, dass bisher nicht besonders viele umgebracht worden sind. Und es keine Zyniker seien, sondern Realisten. Menschen, die glauben, dass die heutigen Funktionäre dazu fähig und willens sein könnten. Und wir nicht wissen, was sie tun werden, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen.

Aber ich habe auch Angst vor der Hysterie, wenn ich Menschen schreien höre »Das ist das Jahr des Blutes. Seyyed Alis (Khameneis) Sturz ist besiegelt!« Ich glaube nämlich nicht – und das lässt sich auch von dieser Seite der Mauer sagen – dass eine Gesellschaft dadurch weiterkommt, dass die »Richtigen« am Galgen hängen.

Mein Onkel postet jetzt Anweisungen zur Herstellung von Molotowcocktails auf Instagram.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war ein Zitat Navid Kermani zugeschrieben worden, das so nicht von ihm stammt. Wir haben die Passage korrigiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.