Samira El Ouassil

Solidarität mit Iranerinnen Nicht wegschauen!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Die Proteste in Iran sorgten für Rufe nach internationaler Solidarität. Mehr als 50 französische Künstlerinnen schnitten sich die Haare ab. Nur Symbolpolitik? Nein, denn es geht allein um die Sichtbarmachung.
Während einer Hamburger Demonstration gegen das politische Regime in Iran hilft ein Mann einer Frau, sich aus Protest die Haare abzuschneiden

Während einer Hamburger Demonstration gegen das politische Regime in Iran hilft ein Mann einer Frau, sich aus Protest die Haare abzuschneiden

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Bodo Marks / picture alliance / dpa

Schauen Sie auf die Proteste, die seit dem Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini das ganze Land erfasst haben. Am 16. September starb sie aufgrund der Misogynie eines islamistischen Regimes, dessen institutionelle Angst vor Frauen so groß ist, dass es sich nur mit Tyrannei und Folter gegen emanzipatorische Kräfte zu helfen weiß.

Die Protestierenden, angeführt von Frauen und der jüngeren Generation, vereint durch den Slogan der kurdischen Frauenbefreiungsbewegung – Jin, jiyan, azadî (Frauen, Leben, Freiheit) – kanalisieren die Wut über den Tod von Amini und die Trauer um mittlerweile viele weitere Tote in einem kämpferischen Widerstand. So wurde beispielsweise jüngst auch die 16-jährige Nika Shakarami getötet, die während der Proteste verschwand und zehn Tage später von ihrer Familie tot aufgefunden wurde, mit klaren Anzeichen von Gewalteinwirkung auf ihren Körper.

Es handelt sich dabei um eine dezentrale Bewegung, wie sie die soziologische Datenanalystin und Journalistin Zeynep Tüfekçi in ihrem Buch »Twitter and Tear Gas – The Power and Fragility of Networked Protest« beschreibt. Es ist ein feministischer Protest, an der Schwelle zur Revolution, welcher große Teile der iranischen Gesellschaft ergreift und das Land von den unterdrückenden Religionsgesetzen befreien könnte.

Da das Regime die landesweite Kommunikation durch Internetzensur und eine Sperrung sozialer Medien erschwert, brauchen die Protestierenden umso mehr internationale Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit, denn nur diese kann ihnen zu einem Schutz vor den brutalen Repressionen verhelfen. Unter der Beobachtung der Weltöffentlichkeit haben die Aufstände und ihre Akteure die größten Überlebenschancen.

Sich solidarisieren

Am 25. September hat der iranische Drehbuchautor und Regisseur Asghar Farhadi – u.a. bekannt für seinen Film »Nader und Simin – Eine Trennung« (2011) – auf seinem Instagram-Kanal überraschend deutlich um internationale Hilfe gerufen. Der Oscarpreisträger bat, sich weltweit sichtbar mit den Protestierenden zu solidarisieren und lud »alle Künstler, Filmemacher, Intellektuelle, Bürgerrechtler aus der ganzen Welt und allen Ländern sowie alle, die an die Würde und Freiheit des Menschen glauben« dazu ein, »sich mit den starken und mutigen Frauen und Männern Irans zu solidarisieren, sei es durch Videos, durch Schreiben oder auf andere Weise«.

Die iranische Schauspielerin Fatemeh Motamed-Arya legte bei einer öffentlichen Beerdigung in Teheran ihren Schleier ab, was für sie nicht weniger als ein mögliches Berufsverbot bedeutet. So erklärte der iranische Kulturminister Abbas Salehi Anfang dieser Woche, dass Schauspielerinnen, die ihre Hidschabs öffentlich entfernen, nach einem anderen Job suchen sollten.

Auch die Schauspielerin Taraneh Alidoosti, die 2016 die Hauptrolle in »The Salesman« spielte, positionierte sich öffentlich und eindeutig in ihren Insta-Stories: »Wir werden nicht schweigen! Wir stehen auf! Frauen, Leben, Freiheit!«

Ende September verfassten iranische Filmschaffende einen regierungskritischen offenen Brief, der ihre Unterstützung für die Proteste zum Ausdruck bringt. Zu den Unterzeichnenden gehört Ali Abbasi,  der Regisseur  des Films »Holy Spider« (2022), der für Dänemark als Beitrag für die Oscarverleihung 2023 eingereicht wurde, sowie dessen Hauptdarstellerin Zahra Amir Ebrahimi, die dieses Jahr in Cannes für diesen Film als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde;  daneben auch die Regisseurin Shirin Neshat, deren Film »Land of Dreams« (2021) diesen November hier in die deutschen Kinos kommt. Auch dieser offene Brief ist ein Hilfeschrei nach mehr Sichtbarkeit: »Wir bitten Sie, die Rufe der Iraner nach Freiheit noch lauter zu machen. Werden Sie zur Stimme der Menschen, die mit ihrem Leben für die Freiheit bezahlen. Ihre direkte und öffentliche Unterstützung gibt unseren Jugendlichen Hoffnung, und die Berichterstattung über die Gewalt gegen unser Volk kann weiteres Blutvergießen und Gewalt verhindern.«

Diese Rufe nach internationaler Solidarität veranlassten jüngst über 50 französische Schauspielerinnen, Sängerinnen und Anwältinnen, Strähnen ihrer Haare abzuschneiden.

In einem Video, das am Mittwochmorgen in den sozialen Netzwerken verbreitet wurde, schneidet sich u.a. Juliette Binoche ein Büschel ihrer dunkelbraunen Haare ab, während eine Coverversion der Partisanenhymne »Bella Ciao« zu hören ist, interpretiert von der iranischen Sängerin Gandom Larini; ebenso ihre Kolleginnen Isabelle Adjani, Marion Cotillard, Jane Birkin, Isabelle Huppert, Juliette Armanet und etliche weitere.

Als letztes Bild ist eine Zeichnung von Marjane Satrapi zu sehen, der Autorin der Graphic Novel »Persepolis«: eine schwarzhaarige Frau auf einem Berg abgeschnittener Haare.

Initiiert hatten das Video die Pariser Rechtsanwältinnen Julie Couturier und Christiane Feral-Schuhl sowie der Menschenrechtsanwalt Richard Sédillot. Dem französischen Nachrichtenmagazin »Le Point« erklärte Sédillot: »Nachdem ich mit Freunden iranischer Herkunft viel darüber diskutiert hatte, was man tun könnte, dachte ich, dass dieses Video eine Solidaritätsbotschaft senden würde, mit der man die internationale Gemeinschaft auf das aufmerksam machen könnte, was in dem Land passiert.« Der Produzentin Muriel Sauzay und die Schauspielerin Julie Gayet, die das Projekt unterstützen, gelang es, die rund 50 Persönlichkeiten zu gewinnen. »Die schlimmste Gewalt ist das Schweigen für diese Frauen und Männer, die an ihrer Seite kämpfen, um ihre Freiheit zu erobern«, erklärte Gayet am Mittwoch gegenüber dem Sender Franceinfo. Ziel sei es gewesen, Unterstützung zu zeigen, ohne Worte nutzen zu müssen.

Das Video stellt den Start einer größeren geplanten Solidaritätskampagne dar, mit dem Ziel, den Druck auf die Politik zu erhöhen, der auch in Frankreich vorgeworfen wird, sich zu wenig unterstützend auf die Seite der Protestierenden zu stellen.

Schweigeminute

Am Dienstag wurde in der Nationalversammlung eine Schweigeminute abgehalten, um den Mut der »Frauen, Männer und der gesamten Jugend Irans« zu würdigen, die »ihren Durst nach Freiheit zum Ausdruck bringen«, wie es Yaël Braun-Pivet, die Präsidentin der Nationalversammlung, formulierte.

Im Europaparlament in Straßburg schnitt sich die EU-Abgeordnete Abir Al-Sahlani am Dienstagabend während ihrer Ansprache die Haare ab. »Bis Iran frei ist, wird unsere Wut größer sein als die Unterdrücker. Bis die iranischen Frauen frei sind, werden wir euch beistehen«, erklärte sie, dann nahm sie eine Schere, rief »Jin, jiyan, azadî! Women, life, freedom!« und hatte ihren Zopf in der Hand.

In deutschsprachigen sozialen Medien wendet sich ein von der Autorin Asal Dardan mitinitiierter Brief mit Unterschriften (auch meiner) von über 600 Kulturschaffenden an die Protestierenden : »Der Ruf nach einer feministischen Revolution in Iran ist laut und deutlich. Wir sehen euren couragierten Widerstand, wir hören eure entschlossenen Stimmen. Wir bewundern euren Mut und euren Widerstand.«

Bemerkenswert an diesem Brief ist, dass er sich an die Protestierenden wendet, denn sie sollen die Botschaft empfangen, dass ihre Arbeit in Deutschland gewürdigt, verbreitet und ihre Unterdrückung nicht ignoriert wird. »Ihnen gilt die Solidarität, weil sie nichts haben als ihre Körper und ihre Stimmen«, erklärte Dardan.

Sichtbarmachung hat in Frankreich funktioniert

Als diese Solidaritätsbekundung verbreitet wurde, war sogleich auch Kritik zu vernehmen: alles nur wieder performativ, reine Symbolpolitik, eitel, wirkungslos. Auch an dem Brief aus Deutschland gab es Gemosere: Zahnlos, trivial, in den sicheren Stuben aus der Entfernung geschrieben und unterzeichnet – wobei verkannt wird, dass Exiliranner:innen sich und ihre Angehörigen mit einer Unterzeichnung in existenzielle Gefahr bringen.

Aber: In Frankreich hat die Sichtbarmachung funktioniert. Viele Medien sprechen nun über die international bekannten Ikonen, die sich eine Strähne abschneiden – und deswegen sprechen auch alle über den Kampf der Frauen in Iran

Als Geste ist das selbstredend symbolisch, aber eben gerade in dieser Symbolik steckt die Essenz dessen, worum es geht: die Zerschlagung eines Systems, dessen ideologische Grundlage die Beherrschung der Frauen ist.

Der Tod von Amini hat der Öffentlichkeit schmerzhaft in die Augen gerieben, dass das politische Fundament, in welches die islamistische Republik ihre Macht einbetoniert hat, aus Sexismus besteht; ein Regime, das Frauen institutionell, strukturell und mit fundamentalistisch-religiöser Argumentation schlechter stellt. Das Abschneiden der Haare, also das, was als so gefährlich feminin und dementsprechend als Bedrohung für alle Männer und das gesellschaftliche System wahrgenommen wird, ist somit eine durch und durch subversive Geste. Es ist ein gegen den eigenen Körper gelenkter ziviler Ungehorsam, ein Akt der geschlechtlichen Souveränität und Emanzipation.

Und das ist das Paradox der Haare als politischer Teil des Körpers, insbesondere des politischen Frauenkörpers: Selbst wenn sie fehlen, sind sie sichtbar. Die abgeschnittenen Haare zu einem Element der Solidarität zu machen, ist der feministische Weg, diesen Widerstand zu würdigen.

Formkritik ist übrigens immer viel einfacher als Unterstützung. Dabei wäre es hier nicht einmal schwer: Es geht allein um Sichtbarmachung. Durch ihre dezentrale Organisation ist diese Bewegung wirkmächtig wie zerbrechlich zugleich. Sie kann nur überleben, wenn alle über sie sprechen, schreiben, lesen. Mit dieser Kolumne möchte ich meinen kleinen Teil dazu beitragen und wünsche mir mehr Signale aus der Politik, mehr Anteilnahme an dem, was dort geschieht, mehr diskursive Auseinandersetzung. Das Regime wird weiterhin in routinierter Repression versuchen, diese Menschen verschwinden zu lassen. Indem sie das Internet abschalten, indem sie Protestierende verhaften und foltern. Schauen wir nicht weg!

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