Zum Tod von Irm Hermann Keine entzauberte wie sie

Sie begann als Kinostar von Rainer Werner Fassbinders Gnaden - und wurde eine eigensinnige und herausragende Schauspielerin der deutschen Theater- und Filmwelt. Ein Nachruf auf die große Irm Hermann.
Irm Hermann in "Händler der vier Jahreszeiten" im Jahr 1972

Irm Hermann in "Händler der vier Jahreszeiten" im Jahr 1972

Foto: ddp images

Ausgerechnet ihre Natürlichkeit machte sie zu einer Königin der antinaturalistischen Schauspielerei. Der herbe, schroffe Ton, den Irm Hermann auf der Leinwand, auf der Bühne und im wirklichen Leben gleichermaßen anschlug, machte allen Menschen, die ihr zuhörten und zuschauten, sofort auf unwiderlegbare Weise klar, wie affig all das Kunstgetöse um sie herum war.

Das gilt für den Kinoquatsch "Fack Ju Göthe 3", in dem Irm Hermann im Jahr 2017 die Großmutter eines von Lukas Reiber gespielten Protagonisten namens "Ploppi" verkörperte. Und es gilt für Christoph Schlingensiefs Theaterrevue "Berliner Republik", in der Hermann im Jahr 1999 als Diva in einem roten Ballkleid inmitten von sehr aufgeregten, durchgeknallten Mitspielern stand und mit ihrer Gouvernantenstimme in majestätischer Gelassenheit die Frage stellte: "Sind wir hier im Kasperletheater?" 

Sie hatte den richtigen Riecher

Die körperlich und künstlerisch herausragende Schauspielerin Irm Hermann, die am Dienstag in Berlin im Alter von 77 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben ist, begann als eine der merkwürdigen Leinwandgöttinnen des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder.

Sie sei durch ihre jahrelange private und berufliche Liaison mit diesem Regisseur "abgeschliffen worden wie ein Kieselstein", hat sie selbst einmal gesagt. Aber anders als viele andere aus der Fassbinder-Clique, die in den Sechzigerjahren in München zusammenfand, verabschiedete sich Hermann vergleichsweise früh aus dem Einflussbereich des genialischen Manipulators Fassbinder und suchte sich eigene Wege. Sie habe "den richtigen Riecher gehabt, wo ich nicht mitmache", so Hermann in einem Interview.

Fotostrecke

Glotzt nicht so romantisch!

Foto: ddp images

Sie hatte eine Lehre als Verlagskauffrau hinter sich und arbeitete als Sekretärin beim ADAC, als sie Fassbinder im Jahr 1966 am Rande eines Dramatikerwettbewerbs kennenlernte. Sie spielte in seinen Kurzfilmen mit und war neben Fassbinder und Hanna Schygulla eine der Mitgründerinnen des Münchner "Antitheaters".

Von all ihren starken, oft gruselig spießbürgerlichen Rollen in Fassbinders Stücken und Filmen ist vermutlich nicht ihr großer Auftritt im Kinowerk "Der Händler der vier Jahreszeiten" aus dem Jahr 1972 die beste, sondern der eher kleine Part in "Angst essen Seele auf" aus dem Jahr 1974. Da sieht man sie als Ehefrau an Fassbinders Seite, der Regisseur spielt einen xenophoben Dreckskerl, gemeinsam sitzen sie am Küchentisch unterm Kruzifix, er im Unterhemd und sie im Unterkleid. Der Mann blafft sie an, sie solle sich gefälligst ordentlich anziehen. Und sie antwortet mit einem kurzen, tödlichen Blick: "Schau dich nur selber an!"

Der gegenüber seinen Mitstreitern grundsätzlich ruppige Regisseur Fassbinder benahm sich gegenüber Irm Hermann offenbar besonders ekelhaft. "Vielleicht hat er mich mehr gequält als zum Beispiel Margit Carstensen oder Hanna Schygulla, weil wir zusammen im Bett waren", hat Irm Hermann berichtet. "Ich glaube, dass er viel an mir ausgelassen hat, was seine Mutter betraf. Man sagt, ich hätte Ähnlichkeit mit ihr gehabt, und sie hat eine große, nicht so schöne Rolle in seinem Leben gespielt."

In den ersten Jahren gehörte Hermann zu Fassbinders engsten Vertrauten. "Ein Jahr lang sind wir immer nach Paris geflogen. Von Freitag bis Sonntag, ich immer nur mit einer ganz kleinen Tasche", sagte sie in einem anderen Interview. "Wir sind immer im selben Hotel abgestiegen, da war der Fußboden so schräg, dass man im Bett immer runterrutschte. Jedenfalls saßen wir dann in einem Café, in dem es noch eine Musicbox gab. Er hat geschrieben, und ich habe die Münzen eingeworfen. Er ging danach in die Sauna, und dann haben wir uns nachher in einem Lokal verabredet, und dann sind wir ins Kino gegangen, weil in Paris immer die neuesten Filme liefen."

Als Hermann Mitte der Siebzigerjahre mit ihrem späteren Ehemann, dem Autor Dieter Roberg, zusammenkam, nach Berlin zog und Mutter zweier Kinder wurde, kühlte die Beziehung ab. Bis zu Fassbinders Tod im Jahr 1982 blieb sie aber eine seiner wichtigsten Darstellerinnen, deren spröde, umwerfende Kunst auch in Spätwerken wie "Berlin Alexanderplatz" und " Lili Marleen" zu bestaunen ist.

"Schlingensief motiviert mich, er liebt mich, und ich liebe ihn. Er ist verrückt, alle anderen auf der Bühne sind auch verrückt, und deshalb traue ich mich mehr als gewöhnlich."

Irm Hermann über ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur

In Berlin arbeitete Hermann eine Weile im Ensemble der Freien Volksbühne, die damals von Hans Neuenfels geleitet wurde. Sie spielte in Filmen wichtiger Regisseurinnen wie Ulrike Ottinger und Karin Brandauer und nicht ganz so wichtiger Routiniers wie Bernhard Wicki und Percy Adlon mit.

Irgendwann traf sie auf Christoph Schlingensief, der sie unter anderem im Film "Das deutsche Kettensägenmassaker" aus dem Jahr 1990 auf eine Weise einsetzte, der man bis heute die bedingungslose Zuneigung des Regisseurs anmerkt. Bis zum Aufeinandertreffen mit Schlingensief habe sie immer nur die Anweisungen anderer Menschen ausgeführt, hat Hermann einmal behauptet, erst durch ihn habe sie den Spaß am Improvisieren entdeckt. "Schlingensief motiviert mich, er liebt mich, und ich liebe ihn. Er ist verrückt, alle anderen auf der Bühne sind auch verrückt, und deshalb traue ich mich mehr als gewöhnlich."

In Theaterkritiken wurde über die Schauspielerin Irm Hermann oft in lobender Absicht geschrieben, dass sie eine Frau zum Fürchten sei. Den deutschen Hörspielpreis erhielt sie 2007 für ihre Einspielung "Enigma Emmy Göring" des Dramatikers Werner Fritsch, in der sie mit markerschütternder Kälte die Titelrolle spricht. Sie konnte durchaus komisch sein, vor allem in ihren zahlreichen Fernsehauftritten, unter anderem in "Liebling Kreuzberg" und "Doctor’s Diary" und sogar in "Rosenheim Cops".

Aber letztlich war die große, kühle Kunst der Schauspielerin Irm Hermann immer eine Entzauberungsarbeit. Wer Irm Hermann sprechen hörte, der konnte sich einbilden, dass sich Bertolt Brecht seinen vielleicht berühmtesten Satz aus dem Stück "Trommeln in der Nacht" womöglich nur ausgedacht hat, damit er von dieser Schauspielerin zum Prinzip und Leitmotiv ihrer Arbeit gemacht wird. Denn im Grunde hat Irm Hermann, die jetzt mit 77 Jahren gestorben ist, uns in jeder ihrer Rollen aufgefordert: Glotzt nicht so romantisch!