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TANZ Irren ist göttlich

Sie ist eine Primaballerina von Weltformat - mit einer einmaligen Lebensgeschichte: Jin Xing wurde als Junge geboren und brachte es in Chinas Armee bis zum Oberst, bevor sie sich gegen den Rat ihrer Familie und der Partei zu einer Geschlechtsumwandlung entschloss. Von Erich Follath
Von Erich Follath
aus DER SPIEGEL 12/2006

Sie posiert vor dem Grand Theatre in Shanghais Stadtmitte am Platz des Volks, selbstbewusst im körperbetonten roten Rollkragenpulli, lässigen schwarzen Jeans. Ein überlebensgroßes Plakat mit ihrem Konterfei, grell geschminkt als westöstliches Zwitterwesen, kündigt ihren neuen Auftritt an, als Primaballerina einer von ihr choreografierten Ballettversion der Orffschen »Carmina Burana«. Im Hintergrund blitzen die schwungvollen Formen der Oper aus Chrom und Glas, eine architektonische Interpretation des klassischen China.

»Das Rechteck steht für die Erde, das Rund für den Himmel - so sind Yin und Yang, das Kalte und das Heiße, das Weibliche und das Männliche in perfektem Zusammenspiel«, erklärt die Diva. Und seufzt: »Wenn es diese Harmonie doch auch in meinem Leben gegeben hätte.«

Jin Xing, 38, ist nicht sonderlich religiös, aber dass es einen Gott gibt, steht für sie außer Frage. Nur - was hat er sich dabei gedacht, sie damals, bei ihrer Geburt, so »falsch« zu schaffen, sie in einen fremden Körper zu pressen, so vollkommen unvollkommen?

Pas de deux zwischen allen Polen: Sie ist eine parteigeduldete Revoluzzerin, eine privat organisierte Staatskünstlerin, eine Avantgardistin mit Sinn für Mainstream - sie achtet darauf, in keine Schublade zu passen, die Klischees wegzutanzen. Jin Xing ist einmalig. Das liegt auch daran, dass Chinas herausragende Primaballerina, »die wahrscheinlich beste Tänzerin der Welt« ("Die Zeit"), eine ganz und gar ungewöhnliche Lebensgeschichte hat. Vor elf Jahren war die begnadete Choreografin nämlich noch ein Mann. Präziser gesagt: ein Offizier der Volksbefreiungsarmee.

»Heute fungiere ich als Aushängeschild, aber auch als Alibi der Partei«, meint Jin Xing mit einem ironischen Lächeln und nippt in der ruhigen Opern-Cafeteria an einer Tasse Kräutertee. Draußen tost das

Leben, Taxifahrer fluchen, weil im Stau wieder einmal nichts vorangeht, designerbetuchte »Office Ladies« trippeln an Hochhausglitzerfassaden vorbei, hinunter auf dem Weg zum Prachtboulevard Bund mit seiner »Bar Rouge« oder hinüber zum Ferrari-Showroom, in Sichtweite der Gründungsstätte der Kommunistischen Partei: Weltstadt Shanghai.

Jin Xing sagt: »Wenn ein ausländischer Politiker von den Menschenrechtsdefiziten in der Volksrepublik, von den Hinrichtungsrekorden oder von der kulturellen Zerstörung Tibets spricht, dann antworten unsere Leute: Ja, aber wir haben einen transsexuellen Oberst, dem wir die Geschlechtsumwandlung erlaubt haben und der jetzt als Startänzerin auftritt ...«

Das Kind wird im Jahr des Drachen geboren, am 13. August 1967. Die Eltern geben dem Kleinen einen poetischen Namen: Jin Xing bedeutet »Goldener Stern«. Ein dreijähriges Mädchen hat die Familie schon, nun also ein Junge - das Glück könnte perfekt sein. Wenn da nicht die Politik wäre. In China tobt die Kulturrevolution. Überall Entbehrung und Entwurzelung, Missgunst und Denunziation.

Beide Elternteile stammen aus Korea, was als »verdächtig« gilt. Der Vater wird dennoch zum Nachrichtenoffizier der Volksbefreiungsarmee (VBA) in der nordchinesischen Stadt Shenyang ausgebildet; die Mutter, eine Japanisch-Übersetzerin, gilt als potentielle Verräterin und wird mit den Kleinen aufs Land verbannt. Jin Xing wächst unter Frauen auf, bei Oma, Mama und Schwester. Zu Jins frühen Kindheitserinnerungen gehören die endlosen und demütigenden Verhöre, denen die Mutter durch die Roten Garden ausgesetzt war.

Der Junge sieht mit sechs einen Tanzfilm und wünscht sich ein Ballettkostüm. Das tun die Eltern noch als kindliche Marotte ab. Als der kleine »Goldene Stern« dann aber mit neun in einen Hungerstreik tritt, weil er so den Besuch einer Ballettschule erzwingen will, ahnen sie, dass die Begeisterung ihres Sohns für Pirouetten mehr ist als eine Laune. Sie wollen einen »richtigen Jungen« aus ihm machen. Viel Streit, viel Tränen, doch am Ende kommt es zu einem Kompromiss: Jin Xing tritt in die Tanzkompanie der Armee ein; die VBA hat damals, als es auf Geheiß der Mao-Frau Jiang Qing nur eine Handvoll revolutionärer Propaganda-Opern zu spielen gilt, die beste aller Balletttruppen.

»Liebe Eltern! Ich schwöre, dass ich auf eigenen Wunsch in die Armee gehe, und ich werde alles tun, um meinem Land und der Kommunistischen Partei zu dienen«, lassen die »lieben Eltern« ihren Kleinen in Schönschrift aufschreiben, um sich abzusichern und später keine Vorwürfe zu hören.

Jin Xing fühlt sich wie ein Operettensoldat, die Uniformen sind viel zu groß, das Gewehr überragt ihn, die Handgranaten gleiten ihm durch die filigranen Finger. Die Ausbilder schleifen ihn gnadenlos. Wenn er wieder einmal eine Übung nicht schafft, kommt er in den Bau, muss schriftlich sein Versagen eingestehen. »Ich wurde ein Meisterformulierer von Selbstkritiken«, resümiert Jin Xing im Rückblick.

Doch jenseits der militärischen Grundausbildung glänzt der Kleine. Keiner tanzt die Hauptrolle im Revolutionsstück »Der gefleckte Hirsch« so hingebungsvoll und virtuos; mit 17 gewinnt er seinen ersten nationalen Ballettpreis.

Jin Xing gibt sich dabei männlich, weil das von ihm erwartet wird. Doch in seinem Körper regen sich längst andere, weibliche Gefühle. Noch unterdrückt er sie. Spielt in einem militärgesponserten Actionfilm den Motorrad fahrenden Helden, ohne sich vom Stuntman doubeln zu lassen. Aber heimlich träumt er davon, eine Sie zu sein; die Actionheldin, die Tanzkönigin, die Primaballerina.

Der Anpassungsfähige wird schnell befördert. Er liebt die Uniform - oder jedenfalls die Macht, die er mit ihrer Hilfe über andere ausüben kann. Alles ordnet er seiner Karriere unter, auch seine Selbstachtung. Als sich ein schmieriger Vorgesetzter an ihn heranmachen will, weil er in dem blendend aussehenden »weiblichen« Jüngling einen Schwulen vermutet, lässt Jin Xing ihn nicht nur abblitzen. Er erpresst seine Hilfe für ein Auslandsvisum.

Diesmal geht es nicht nach Nordkorea wie beim vorherigen Trip: Jin Xing wird zum besten Tänzer Chinas gekürt, erhält ein amerikanisches Stipendium. In New York lernt er Modern Dance kennen. Für den technisch Hochversierten eine gänzlich neue Herausforderung: Hier spielt nicht allein Virtuosität eine Rolle wie in der chinesischen Heimat, hier zählt die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks.

Jin Xing meistert die Aufgabe. Bei seinem ersten großen Auftritt gibt es Ovationen. Die »New York Times« nennt den Künstler aus Fernost »genial«. Doch da der Eigenwillige sich keinem einzelnen Tanzensemble unterordnen, sondern immer weiter lernen und experimentieren will, wird das Geld knapp. Morgens arbeitet er verbissen an der Vervollkommnung seiner Bewegungen, mittags schuftet er als Kellner in Restaurants, als Verkäufer in einem Lederwarengeschäft, als Lagerverwalter. Abends leitet er Tanzkurse. Er hat den amerikanischen Traum inhaliert.

Mit seiner Choreografie gewinnt Chinas Tanzwunder das bedeutendste amerikanische Festival. Und auch privat macht Jin Xing neue Erfahrungen. Er forscht nach seiner Sexualität. In den Schwulenbars von Manhattan fühlt er sich »wie ein Durchreisender«, die Szene fasziniert ihn. Doch er beobachtet nur, das ist nicht seine Welt. Dann glaubt er, sich in einen amerikanischen Cowboy aus dem Mittleren Westen verliebt zu haben; verwirrt zieht er zu ihm, verirrt verlässt er ihn wieder.

Jin Xing kehrt Amerika den Rücken, arbeitet als Choreograf und Tänzer in Rom und in Brüssel. Die eine Seite seines Lebenstraums, diese Sucht nach künstlerischer Perfektion, diese Gier nach öffentlicher Anerkennung, beginnt sich zu erfüllen. Doch jenseits der Berufskarriere ist da noch etwas anderes, und das wird immer lebenszentraler: seine Frauwerdung. Herr Jin zieht Erkundigungen über eine Geschlechtsumwandlung ein. Er fährt nach China zurück. Er bespricht die Operation mit seinen Eltern; sie raten ihm dringend ab. Er fragt bei seinen Vorgesetzten; sie wollen eine Zustimmung verweigern.

Doch als er sich nicht von seinen Plänen abbringen lässt, weicht der private und öffentliche Widerstand auf. Es ist Mitte der neunziger Jahre, die KP möchte sich einen liberalen Anstrich geben und nicht mehr als prüde und vorgestrig gelten. Jin Xing versäumt außerdem nicht, auf die patriotischen Aspekte seiner Tat hinzuweisen: »Ich habe darauf verzichtet, mich im Ausland operieren zu lassen. Nirgendwo anders als in China kann meine Wiedergeburt stattfinden.«

Jin Xing, damals 27, wird dreimal operiert. 16 Stunden schneiden die Fachärzte beim letzten Eingriff in der Klinik an den Pekinger Duftbergen: »Ich fühlte mich danach weder als Mann noch als Frau, sondern nur als Patient.« Durch die Nachlässigkeit der Ärzte wird eine Wade nicht richtig durchblutet, es sieht so aus, als könnte Jin Xing nie mehr gehen, geschweige denn tanzen. Doch mit den weiblichen Attributen ist alles in Ordnung.

Drei Monate sitzt die neue Sie im Rollstuhl. Mit ungeheurer Disziplin lernt sie die Fußspitzen wieder zu bewegen, gewinnt nach und nach ihre körperliche Kraft zurück. »Miss Hinkebein« nennt sie eine Pekinger Zeitung bösartig, als sie bei ihrer ersten Choreografie nach dem Sex-Wechsel noch etwas unsicher auf den Beinen wirkt. »Was will eine kranke Transsexuelle auf unseren Bühnen?«

Aber andere Journalisten und sogar KP-Funktionäre verteidigen Jin Xing. Und sie ergreift die Initiative, macht aus ihrer privaten Geschichte eine öffentliche. Neben ihren Tanzengagements arbeitet sie als Model und in der Werbung, gründet in Peking eine Bar namens »Half Dream«, die bald zum In-Treff für heimische Künstler und ausländische Diplomaten wird.

Jin Xing saust mit ihrem giftgrünen VW-Käfer von Termin zu Termin, von Party zu Party, mit superkurzen Röcken, gewagten Ausschnitten und auf hochhackigen Pumps: eine Attraktion für sich und andere. »Ich hatte Lust, auf Vamp zu machen - jetzt, da das kleine Versehen Gottes bei meiner Erschaffung korrigiert war«, erklärt sie.

Ihre Ballettinszenierungen werden immer extravaganter, technisch anspruchsvoller, lasziver. Internationale Kritiker liegen ihr zu Füßen. Und eine Weile sieht es so aus, als wollte auch das offizielle China mit ihr Frieden machen. »A Star is Born«, schreibt die Parteizeitung, und vor diesem Stern liege, wie von ihrem Namen verheißen, eine goldene Zukunft.

Ganz so glatt geht es dann nicht. Zwar erlaubt ihr die Partei im Jahr 2000 die Gründung eines privaten Tanzensembles und ermuntert sie zum Umzug in Chinas Vorzeigemetropole Shanghai. Doch das »Jin Xing Dance Theatre« gerät dort immer wieder mit den Offiziellen in Konflikt. Shanghai sei nur wirtschaftlich absolute Avantgarde, der »Kopf des Drachen«, kulturell aber eher noch Brachland, sagt Jin

Xing - und gelegentlich sehr konservativ. Die Stadtoberen wollen von ihr chinesisches Ballett sehen, sie aber experimentiert mit einem kreativen ostwestlichen Mix und Modern Dance. Sie pocht auf ihre künstlerische Freiheit, die Partei auf das ihrer Auffassung nach selbstverständliche Recht, den Spielplan der städtischen Bühnen zu bestimmen. Und so gibt es immer wieder Streit - wie bei dem »Carmina Burana«-Projekt.

»Ich bin doch nicht eure sozialistische Tanzmaschine«, schleudert Jin Xing den KP-Funktionären bei einem Treffen entgegen, mit ihrer rauen Schmirgelpapierstimme, die immer so klingt, als wollte sie sich in einem Stadion an die Massen wenden oder einen Parteitag eröffnen. Die Augen blitzen, sie wirft das schwarze Kurzhaar zurück wie einen störenden Bühnenvorhang, der den Blick zum Publikum verdeckt. Feingliedrige Finger zeichnen Figuren wie gemalte Satzzeichen in den Raum: empörte Ausrufezeichen, entnervte Fragezeichen, pointierte Gedankenstriche; ganz selten ein retardierendes Semikolon. Sie darf ihre Inszenierung im Frühjahr 2005 an einem einzigen Abend im Shanghaier Grand Theatre zeigen. Dann geht das Ballett weiter nach Paris. »Dort sind wir für Monate ausverkauft«, sagt die Temperamentvolle triumphierend.

Es scheint, als sei Jin Xing jetzt ein bisschen ruhiger geworden. Sie hat ihre Autobiografie geschrieben, die in diesen Tagen nach dem Start in Frankreich auch auf Deutsch erscheint (aber noch nicht in China)*. Sie führt die Ausgeglichenheit auf »mein wunderbares neues Privatleben« zurück. Bei einem Gastspiel in Venedig vor einem Monat erzählt sie von ihrem Familienglück. Ein schönes altes Haus im ehemaligen Französischen Viertel von Shanghai habe sie gekauft, drei kleine Waisenkinder adoptiert, Leo, Nini, Julian - und den Mann fürs Leben gefunden. Er heißt Heinz-Gerd und stammt aus Aachen.

Sie haben sich auf einem Flug von Paris nach Shanghai kennen gelernt, gleiche Airline-Pyjamas in der First Class, und mochten sich auf Anhieb. Heinz-Gerd hat noch vor kurzem in der chinesischen Metropole als Manager einer französischen Firma Windschutzscheiben für Autos verkauft. Er hat ihr einen Heiratsantrag gemacht, sie hat angenommen; in den nächsten Monaten wird es im Hürttgenwald und am Huangpu Hochzeitsfeiern geben. Heinz-Gerd hilft Jin Xing jetzt gemeinsam mit zwei Kin-

dermädchen, die Kleinen zu betreuen, und er lernt fleißig Chinesisch.

Die Künstlerin sortiert die Angebote. In nächster Zeit wird sie viel in Europa sein, diese Woche zu einer Tagung in Berlin, dann zu einer längeren Tournee. Eine Shanghaier Fernsehstation will sie als Talkmasterin gewinnen. Westliche Geldgeber versuchen die in Politik und Kultur so perfekt Vernetzte als Gastgeberin einer Bar in bester Lage am Bund zu gewinnen. Sie ist unsicher: »Mein wildes Leben als Femme fatale habe ich eigentlich aufgegeben, keine Disco-Nächte mehr, lieber Gutenachtlieder für die Kleinen.« Vorläufig will Jin Xing noch weiter choreografieren. In Venedig gibt sie mit ihrer Truppe von 18 ausgewählten Tänzern eine Eigenproduktion: »Shanghai Tango« hat sie das Ballett genannt. Muskulös ist ihr Körper, grazil sind ihre Bewegungen, keine Spur von einer Mannfrau. Immer noch dreht kaum jemand Pirouetten so wie sie.

Jin Xing ist stolz auf das Erreichte, ungeheuer stolz. Sie wolle eine »Erbin der großen Heldinnen der chinesischen Geschichte sein«, sagt sie. In ihrem Buch nennt sie als eines ihrer Vorbilder auch Maos Witwe Jiang Qing - ausgerechnet die rücksichtslose Revolutionärin, die in der Kulturrevolution so viel Leid über die Nation brachte. Können Frauen bei Chinas Vor-Tänzerin gar nichts falsch machen, rechtfertigt Erfolg alles?

»Ich weiß, dass Maos Gattin keine Lichtgestalt war«, sagt Jin Xing fast trotzig. »Aber ich schätze eben Frauen, die selbst die Weichen in ihrem Leben stellen. Ich habe mein Schicksal immer selbst in die Hand genommen.«

* Jin Xing mit Catherine Texier: »Shanghai Tango«. Aus dem Französischen von Anne Spielmann. Blanvalet Verlag, München; 224 Seiten; 19,95 Euro.

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