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»Ist es nicht schön?«

aus DER SPIEGEL 15/1979

Hamburg -- man denkt sogleich an den Hafen, an das Tor zur Welt, man denkt unwillkürlich an brausenden Verkehr, an elegante Geschäftsstraßen, an fast zwei Millionen Einwohner, an Hochhäuser und neue einförmige Siedlungen. Man denkt, je nach Erfahrung und Stimmung, auch an den »Michel« und an die Reeperbahn, an den Tierpark Hagenbeck und die Elbehaussee. Einige erinnern sich vielleicht auch daran, daß die Hamburger Oper 1978 300 Jahre alt geworden ist. daß Lessings und Klopstocks Name mit dieser Stadt verbunden sind, daß Brahms hier geboren wurde. Und noch weniger Menschen denken daran, daß im Osten Hamburgs -- in den Vierlanden -- seit Jahrhunderten Gemüse und Blumen für die Großstadt herangezogen werden und daß im Südwesten -- im Alten Land -- das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Deutschlands liegt. Wer aber weiß, daß in der Großstadt, daß zwischen den Häusermeeren noch einzelne Reste einer Urlandschaft zu finden sind? Kleine Moore sind es, die es noch im Norden und vereinzelt im Süden des Stadtgebietes gibt.

Wenn man nach der Entstehung dieser Moorgebiete fragt, muß man weit zurück in die Vergangenheit gehen. Die vorletzte und die letzte Eiszeit haben den Norden Hamburgs geformt. Von dem alten Endmoränenwall der vorletzten Eiszeit, die etwa vor 20 000 Jahren unser Land mit Eis bedeckte, sind noch die Erhebungen von Blankenese und Bahrenfeld erhalten. Die letzte Eiszeit ist nicht ganz so weit nach Südwesten vorgedrungen. Aber beim Abschmelzen des Eises strömte viel Wasser durch die alten Moränen zum Urstromtal der Elbe. So entstand eine abwechslungsreiche Landschaft mit vielen verschiedenen Bodentypen.

Die Menschen haben sich frühzeitig auf den trockeneren Sandböden angesiedelt. In den Tälern wuchs damals wahrscheinlich ein Erlenbruchwald, der langsam versumpfte. An einigen Stellen haben die Torfmoose die Bruchwälder zum Absterben gebracht. Das sind die Reste der ursprünglichen Landschaft, die als Naturschutzgebiet oder Naherholungsgebiet in Hamburg noch anzutreffen sind.

Nicht weit vom Flugplatz Fuhlsbüttel entstanden auf Viehweiden und Feldern vor etwa 15 Jahren neue Wohnviertel. Dort wohnen wir. Ich gehe von der Haustür einige Minuten; dann biege ich in einen befestigten Weg ein, an dem Schrebergärten liegen, passiere sie; und plötzlich liegt vor mir ein mit Moorbirken (Betula pubescens) und Ebereschen (Sorbus aucuparia) umstandenes Gebiet. Die buschförmigen Bäume sind so dicht, daß man kaum hindurchsehen kann. Ich weiß, wo es einen bequemen Eingang gibt, und klettere über einen kleinen Graben; vor mir öffnet sich eine andere Welt. Das Gebiet, das ich hier überschauen kann, ist etwa 400 X 400 m groß. Einzelne niedrige Birken stehen auf der freien Fläche, und kleine, etwa 1 m hohe. dunkelgrün belaubte kugelige Büsche,

Gagel (Myrica gale) heißen sie. Ein eigenartig würziger Geruch steigt auf, wenn ich durch die Sträucher gehe. Die bis 1,5 cm langen männlichen Kätzchen, die im Frühling so schön kupferig-braun leuchten, sind jetzt, im Sommer, längst abgefallen. Aber die weiblichen Kätzchen haben sich zu grünen Walzen mit unregelmäßiger Oberfläche geformt. Der Gagel ist zweihäusig, das heißt, jeder Strauch hat nur eine der beiden Kätzchenarten.

Der Boden bleibt uneben. Ich steige über die dicken Grasbüschel des Pfeifengrases (Molinia coeruela). Die Stengel reichen mir fast bis zur Hüfte. Aus diesen Grashalmen, die keine Knoten haben, wurden früher Pfeifenreiniger hergestellt. Nach ein paar Schritten wird es feucht, meine Schuhe machen ein »quatschendes« Geräusch. Ich stehe im Torfmoos. Schön sieht es aus, so saftig grün. Jede Moospflanze hat an der Spitze eine dichte Rosette von kleinen neuen Seitenzweigen. Wie alt dieses Moos wohl schon ist? Es hat ja keine Wurzeln, sondern wächst Jahr für Jahr an den Rosetten

weiter und stirbt tief im Untergrund ab.

Hier befindet sich auch noch ein kleines Wasserloch. Das Wasser ist dunkelbraun. Am Rande blühen zart die weißen Dolden des Sumpf-Haarstranges (Peucedanum palustre) und darunter eine Pflanze des Sumpf-Blutauges (Comarum palustre). Beide sind selten, und ich freue mich immer wieder, sie hier so dicht vor der Haustür zu finden.

Nach dem Rundblättrigen Sonnentau (Drosera rotundifolia) -- einem unserer wenigen insektenfangenden Moor- und Sumpfgewächse -- suche ich vergeblich. Im vorigen Jahr noch standen hier mehrere dieser Pflanzen. Vielleicht war es zu trocken in diesem Jahr.

Aber eigentlich bin ich hierhergekommen, um zu sehen, ob die Moorlilie, der Beinbrech (Narthecium ossifragum), bereits blüht. Hier in dem kleinen Moorgebiet gibt es noch Hunderte dieser grazilen Liliengewächse. Wie kleine Irisblätter sieht das Grün aus. Daraus erhebt sich ein langer Blütenstengel mit mehreren Blüten. Schwefelgelb sind sie und haben sechs ziegelrote Staubgefäße. Da sind auch schon die ersten Blüten; sie duften so wunderbar nach Gewürznelken. Bald wird hier alles gelb getupft sein. Ich setze mich auf ein Pfeifengrasbüschel mitten zwischen Beinbrech und Gageisträuchern. Einige Lungen-Enzian-Pflanzen (Gentiana pneumonanthe) wachsen in der Nähe. Sie haben bereits Knospen. Aber es wird noch einige Zeit dauern, bis ihre leuchtend blauen Glocken aufgeblüht sind.

Über mir fliegt eine große Lufthansa-Maschine, das Fahrgestell ist bereits ausgefahren. Mir wird wieder bewußt, daß der Hamburger Flugplatz ganz in der Nähe liegt. Nach dem Getöse wird es wieder still um mich, und ich höre die Geräusche des kleinen Moores. Feine leise Töne sind es; denn in so einem Stückchen freier Landschaft mitten in der Stadt können nur wenige Tiere leben. Vor mir brummt eine dicke Hummel. Einzelne Schwebfliegen scheinen still in der Luft zu stehen, bis sie schnell davonhuschen. Im Vogelbeerbaum sitzt ein Zilpzalp (Phylloscopus collybita). Ich sehe ihn nicht, aber sein gleichförmiges »Zilp, zalp, zilp, zalp« ist weithin hörbar. Und da fängt auch ein Fitislaubsänger (Phylloscopus trochilus) zu singen an. Wie ein Buchfink beginnt er, und sein Gesang endet in einer melancholischen Abwärtskadenz. Eigentlich sind hier auch immer Kohl- und Blaumeisen zu sehen und zu hören; aber heute entdecke ich keine.

Langsam steige ich über die Pfeifengrashorste, freue mich, als ich noch ein paar Lungen-Enzian-Pflanzen entdecke, und bin bald wieder auf der gepflasterten Straße, über die der Autoverkehr geht.

Ist es nicht schön, denke ich bei mir, daß dieses kleine Restmoor seit etwa 15 Jahren unter Naturschutz steht? So werden hoffentlich auch noch unsere Kinder und Enkel hier und an anderen Plätzen in der Stadt Hamburg ein Stückchen Natur erleben und sich daran freuen können.

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