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LITERATUR HEMINGWAY-ROMAN Jagd auf Krauts

aus DER SPIEGEL 44/1970

Der Schriftsteller wollte seinen Romanhelden am Ende sterben lassen. Aber des Schriftstellers Gattin verhinderte das: »Ich bat Ernest, dem netten Kerl eine Chance zu geben.«

Der Schriftsteller wollte seinen Roman nicht veröffentlichen. Ernest Hemingways Witwe Mary aber brachte die Geschichte vom »netten Kerl« namens Thomas Hudson auf den Markt -- neun Jahre nach Hemingways Selbstmord, in diesen Tagen in New York. Titel der Postum-Publikation: »Islands in the Stream«, Inseln im (Golf-)Strom**.

Es ist der erste Roman, der aus dem rund 3000 Manuskriptseiten starken Nachlaß des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers von 1954 ans Licht kommt. »Ich entschloß mich zur Veröffentlichung«, so erklärte Mary Hemingway, »weil mir dies als das beste und vollständigste von den vielen unveröffentlichten Manuskripten erschien, die Ernest hinterlassen hat.«

Ein Kenner von »Papas« Oeuvre hat da schon früher etwas anders geurteilt: »Das Buch«, schrieb Literaturprofessor Carlos Baker 1969 in seiner profunden Hemingway-Biographie« »war keineswegs vollendet,«

Das um 1950 auf Kuba geschriebene, unvollendet gebliebene Buch war vom Autor als eine Roman-Trilogie über die See -- Stichwort: »the sea novel« -- konzipiert worden. Die jetzt von Witwe Mary als »Inseln im Strom« vorgelegte Fassung besteht aus drei Einzelteilen: »Bimini"« »Cuba« und »At Sea«. Und auch dieses Werk des Jäger-Fischer -- Boxer -- Krieger -- Schriftstellers enthält, wie die meisten seiner zu Lebzeiten erschienenen Bücher, ein Stück Hemingway-Autobiographie.

»Inseln im Strom« reflektiert, unter anderem, Erinnerungen des Autors an die guten alten »Lost Generation«-Zeiten in Paris und, hauptsächlich, an jenes Weltkrieg-II-Jahr, in dem Hemingway mit seiner Jacht »El Pilar« vor den Küsten Kubas Jagd auf deutsche Unterseeboote machte. Romanheld Thomas Hudson, auf Kuba lebender amerikanischer Maler und Jacht-Besitzer, Ist ganz »Papa«.

Hemingway hatte 1942 einen patriotischen Drang zu aktiver Unterstützung seines kriegführenden Landes verspürt. Literarisch-propagandistische Hilfsdienste, wie sie etwa John Steinbeck mit dem Luftwaffenbuch »Bombs Away« geleistet hatte, waren freilich nicht nach seinem Geschmack -- er würde sich, sagte Hemingway zu Freunden, lieber drei Finger der rechten Hand abschneiden, als solch ein Buch zu schreiben.

Angeregt unter anderem von der Lektüre einiger Seekriegs-Abenteuer des deutschen Grafen Luckner, trug Hemingway dem US-Botschafter in Havana seinen Plan vor, eine Geheimorganisation zur Abwehr deutscher Spione auf Kuba aufzuziehen und mit der »Pilar« im Karibischen Meer deutsche U-Boote zu jagen. Der Botschafter besprach das Projekt auch mit der

Beim Empfang der für seine verdienste als Kriegskorrespondent verliehenen US-Auszeichnung »Bronze Star Medal« 1947 in Havans.

Ernest Hemingway: »Islands in the Stream«. Verlag Charles Scribner's Sons, New York; 468 Seiten; 10 Dollar.

kubanischen Regierung, und Hemingway erhielt tatsächlich amtliche Beihilfe: leichte Waffen und Funkausrüstung vor allem.

Seine Truppe rekrutierte der Schriftsteller in seinem buntscheckigen Freundeskreis, unter amerikanischen Abenteurern, kubanischen Fischern und Kellnern, spanischen Anti-Franco-Emigranten. Als Hauptquartier diente Hemingways Villa bei Havans. Der Code-Name seiner Abwehrorganisation war »Crime Shop« -- Hemingway selbst nannte sie »Die Gaunerfabrik« --

Der Dichter selbst hat jene Aktivitäten immer als »unbedingt lohnend« bezeichnet. Einige mehr professionelle Teilnehmer und Beobachter waren vom Nutzen des Kriegs- und Spionagespiels schon bald weniger überzeugt. Tatsächlich hat die »Pilar« nicht ein einziges Mal ernsthafte Feindberührung gehabt, geschweige denn ein U-Boot versenkt.

»Hemingways Motive«, so schreibt sein Biograph Carlos Baker, »waren klar genug: Patriotismus, Spaß an Geheimplanerei und an der Leitung von »inside'-Operationen, besonders wenn Feuerwaffen und die Möglichkeit persönlicher Gefährdung mit im Spiele waren.« Die Operationen der Amateur-Krieger und Liebhaber-Spione endeten meist in fröhlichen Besäufnissen.

Hemingways (dritte) Frau, die Journalistin Martha Gellhorn, warf ihm sogar vor, die Anti-Unterseeboot-Aktion nur deshalb aufgezogen zu haben, um für seine Jacht mehr rationiertes Benzin zu bekommen und so weiterhin mit ihr auf Fischfang fahren zu können, »während der Rest der zivilisierten Welt kämpfte, litt und starb« -- ein Vorwurf, der zur damals beginnenden Entfremdung der Eheleute beitrug.

Acht Jahre später, nun mit Mary Welsh verheiratet, ließ Hemingway seinen Romanhelden Thomas Hudson vollbringen, was ihm selber versagt und erspart geblieben war: In »Inseln im Strom« jagt Hudsons Spezialtruppe auf Kuba die Überlebenden eines versenkten deutschen Unterseeboots und tötet auch einige »Krauts«.

Hochgestimmt schrieb »Papa« um 1950 an seinem See-Roman. Das Geschriebene, so fand er, werde alle jene Kritiker widerlegen, die ihn schon für »pass&« erklärt hatten. Doch dann ließ er nur ein Teilstück des geplanten Großwerks drucken: die Novelle »Der alte Mann und das Meer«. Der Rest blieb ungedruckt im Safe.

Und der Autor hatte gut daran getan: Die von seiner Witwe nun hervorgeholten »Inseln« zeigen ihren Verfasser, in diesem unvollendeten Stadium seiner Arbeit, weit unter Bestform.

Romanheld Thomas Hudson ist nur ein Schatten des Hemingway-Heldentypus. Sein stoisches Anti-~Pathos« sein Verlorenheitssentiment und seine Meditationen über Krieg, Ehre, echtes Mannestum und seine zerbrochene Ehe tönen hohl. Die massive Zufälligkeit, mit der Hemingway Hudsons drei Söhne zu Tode kommen läßt, ist ein Zeugnis schriftstellerischer Schwäche.

Einige Details, etwa die Beschreibung eines Fischfangs oder Teile eines Gesprächs zwischen dem Maler und der Havana-Hure Honest Lil, sind guter alter Hemingway. Doch über lange Strecken langweilen allzu lasche Sätze, leerlaufende Dialoge, überausführliche Schilderungen von Mahlzeiten und Getränkekonsum -- sogar Coca-Cola wird diesmal gefeiert,

»Es wird spannend«, so hatte Mary Hemingway vor der Publikation auf den Nachlaß-Roman gespannt gemacht. »Ein Fehlschlag«, urteilte nach Erscheinen die »New York Times«, Und »Newsweek« schloß seinen Verriß des Buches mit dem Stoßseufzer: »Genug. Wir haben danach verlangt, und wir haben es bekommen.«

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