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FERNSEHEN / SENDEREIHEN Jagd nach dem Täter

aus DER SPIEGEL 33/1967

Bislang spielte er Ganoven, nun will er Gauner und Gangster fangen: Fernseh-Autor Eduard Zimmermann, 38, der in der Sendereihe »Vorsicht, Falle!« des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) als Taschendieb und Trickbetrüger warnende Beispiele gab, plant jetzt, die deutsche Kriminalpolizei per Bildschirm bei der Verbrecherjagd zu unterstützen.

Von Oktober an will Zimmermann mit einer neuen, wieder für das ZDF gedrehten Kriminalfolge (Titel: »Aktenzeichen XY-Ungelöst") Verbrechen aufklären, hinter die Polizei und Staatsanwalt bisher nicht gekommen sind. »Zehn bis zwölf Millionen Fernsehzuschauer«, so überblickt er seinen Stab, »werden mir dabei helfen.«

Zu dieser beispiellosen Grollfahndung, einer Art Treibjagd mit moralischem Alibi, ist Zimmermann prädestiniert. Durch sein vorbeugendes Gaunerstück »Vorsicht, Falle!« nämlich wurde er zu Deutschlands prominentestem und erfolgreichstem Hilfspolizisten. Dem Autor, der als freier Fernseh-Mitarbeiter in seiner Villa bei Mainz einen Redakteur, einen Assistenten und zwei Sekretärinnen beschäftigt, trug die Sendereihe neben öffentlichen Ehrungen (Goldene Kamera, Adolf-Grimme-Preis, Goldplakette der Polizeigewerkschaft) eine Fülle von Detail-Kenntnissen über Vergehen und Verbrechen ein. »Es gibt niemand in Deutschland«, so schätzt sich Zimmermann ein, »der so viel Kontakt mit Geschädigten hat wie ich.«

Seine Kriminal-Erfahrung will der Gauner-Experte nun für das Experiment einer Fahndung im Fernsehen nutzen. Gleich bei der Sende-Premiere versucht er,

> einen Großbetrüger zu fassen,

> einen Hehlerring zu sprengen und

> einen Mord aufzuklären.

Die Straftaten verfolgt Zimmermann nach Unterlagen der Polizeibehörden, denen jährlich rund eine Million Fälle ungeklärt davonschwimmen. Die trockenen Protokolle freilich schrieb Zimmermann zu knappen Thrillern (Sendezeit: je 15 Minuten) um. ZDF-Abteilungsleiter Karlheins Müller-Ruzika: »Wir machen natürlich richtig auf Kintopp, mit klirrenden Glasscheiben, Martinshorn und so.«

Jeder Kurz-Krimi soll einen Einzelfall mit Hilfe von Originalrequisiten wirklichkeitsgetreu rekonstruieren. Zimmermann will Fundstücke vom Tatort zeigen, Fahndungsphotos und Handschriftenproben vorweisen, Personenbeschreibungen geben und Zeugen nennen.

Den Schluß des Films machen jedoch die Zuschauer -- so glaubt Zimmermann. Denn der optimistische Autor erhofft sich »möglichst noch während der Sendung« eine fernmündliche Identifikation des Täters.

Der Polizei-Hiwi, der sich der Gefahr aussetzt, eine Flut von haltlosen Denunziationen auszulösen, baut darauf, daß Mitwisser der -- zwei bis fünf Jahre zurückliegenden -- Straftaten zwar eine Anzeige bei der Polizei scheuen, einen anonymen Anruf beim Sender aber riskieren. Das ist, sagt Paul Dickopf, Chef des Bundeskriminalamtes, »vielleicht die Fahndungsmethode des 21. Jahrhunderts.«

Neben der Fernsehanstalt sollen am Sendeabend auch alle deutschen Polizeidienststellen bereit sein, Hinweise anzunehmen und über Fernschreiber ins Studio zu geben. Dort wird ein Stab von Kriminalisten die Fingerzeige auswerten.

Wenn indessen die Hehler zögern und die Zuschauer zu langsam kombinieren, will Zimmermann an den folgenden Fernseh-Abenden je drei Minuten Zwischenfahndung ins Programm einblenden. Auch dann sind entscheidende Informationen noch Geld wert: »Für jeden Fall, den wir aufklären«, verspricht der TV-Fahnder, »versuchen wir beim zuständigen Staatsanwalt eine Belohnung lockerzumachen.« Den Lohn wollen die Fernseh-Leute nicht zu hoch hängen. Müller-Ruzika: »Wir suchen uns natürlich nicht die hoffnungslosesten Sachen aus.«

Um die Fahndungschancen nicht herabzusetzen und Täter zu warnen, drehte das TV-Team seine Kurzfilme »unter strengster Geheimhaltung« (Zimmermann). So erfuhren Reporter in Hannover, Düsseldorf und Köln, wo die ersten drei Fälle nachgespielt wurden, auf Fragen nach dem Drehobjekt: »Ein paar Szenen fürs Vorprogramm.« Bei einer Probeaufzeichnung in Hamburg ließ Zimmermann sogar sämtliche Leitungen zu den Atelier-Monitoren unterbrechen.

* Als Darsteller Im Fernsehspiel »Vorsicht, Falle!«

Die vorläufige Verschwiegenheit des Privat-Detektivs soll ihm ab Oktober eine um so größere Publizität sichern. Zimmermann, der soeben eine Sendereihe »Achtung, Ihr Geld!« (wöchentlich fünf Minuten) an mehrere Hörfunk-Sender verkauft hat und zum Herbst eine Agentur »Deutscher Kriminaldienst« mit Reportagen und Serien plant, will auch die ZDF-Produktion »Aktenzeichen XY-Ungelöst« noch weiterverwerten.

Nach jeder Sendung hofft der Autor den Erfolg der von ihm geleiteten Recherchen »kurzfristig« in einem Paperback verbuchen zu können. Titel: »Wie wir sie fingen«.

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