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FERNSEHEN Jagd offen

Ab Januar 1978 konkurrieren ARD und ZDF mit neuen Nachrichten-Shows. Eine kuriose »Verwaltungsvereinbarung« macht die »Tagesthemen« im Ersten Programm zum potentiellen Dauerkonfliktstoff.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Die Mauer kommt weg, die Weltzeit-Uhren verschwinden, die Hintern der Kameramänner, an denen der ZDF-Professor Holzamer weiland so oft Anstoß nahm, rücken aus dem Bild Wendepunkt im zweiten Kanal.

Nach Neujahr, wenn ARD und ZDF wieder mal ihren Stundenplan verändern, werden die Mainzer nicht nur Abschied nehmen von der einst als »Werkstatt-Atmosphäre« gepriesenen Szenerie ihres »heute«-Studios samt Backsteinwand, sondern auch von der hausbackenen Präsentation der Neuigkeiten aus aller Welt.

Montags bis donnerstags um 21 Uhr, der bisherigen Fixzeit der zweiten abendlichen »heute«-Ausgabe, und freitags eine Stunde später will das ZDF unter dem Titel »Heute-Journal« dann »Themen aus allen Bereichen« mit »Antenne und Phantasie« aufspüren und im New Look darbieten.

Der Katalog der Mainzer Polit-Redakteure zur Gestaltung ihrer 20-Minuten-Show liest sich wie ein Aufruf zur Revolution im sonst so provinziellen Lustbarkeitskanal:

Als »Signal« oder »emotionale Ein-Stimmung«, die »Aufmerksamkeit erregt oder Betroffenheit auslöst«, soll zwischen »Topnachricht, charakteristischem Bild, Szene oder Aussage« entschieden werden. Der Kommentar ist -hört, hört -- als »dezidierte Meinungsäußerung«, ein »Kurzspecial« zur konzentrierten Hintergrund-Information gedacht.

Live-Interviews, im Studio oder per Fernschaltung, dürfen -- man staune -- »über das übliche angefragte Nachrichtenstatement hinausgehen«. Eine Filmreportage mag das »bis hin zur Dürftigkeit« ausgetrocknete »Bildangebot vor allem bei der politischen Berichterstattung aus dem Inland« wiederbeleben -- Abschied also von den bloß händeschüttelnden, aus den Limousinen steigenden, in die Konferenzräume hastenden Ministern?

Eine »Graphikreportage« soll schwer überschaubare Vorgänge, vor allem aus dem Wirtschaftsbereich, verdeutlichen und sich »wie ein Markenartikel einprägen«. Selbst das Wetter schlägt um: Montags bis donnerstags wird es vom Moderator verkündet, freitags als »Bekenntnis zur Mutmaßung« redaktionell aufbereitet.

Um ein solch flott-prägnantes TV-Magazin in »täglich neuer, flexibler Gestaltung« überhaupt bewältigen zu können, schaute sich ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel vor allem bei der Konkurrenz nach geeigneten Machern um: Vom NDR Hamburg holte er, als »Journal«-Chef' den Christdemokraten Dieter Kronzucker, dem sein Stammhaus keinen adäquaten Job offerierte. Vom WDR Köln engagierte Appel den SPD-nahen Klaus Bresser. Den notwendigen Proporz sichert der hauseigene ZDF-Liberale Gustav Trampe. Im wöchentlichen Wechsel wird einer der drei Altbekannten das »Heute-Journal« moderieren.

Mit ihrem Versuch, in der aktuellen Berichterstattung dem internationalen Standard wenigstens nahezukommen. stehen die Mainzer allerdings nicht allein: Auch die ARD will jetzt endlich mal wieder richtigen TV-Journalismus betreiben.

Wie sich die Bilder gleichen: Für montags bis freitags, um 22.30 Uhr. dem Richtwert der bisherigen »Tagesschau«-Spätausgabe, verspricht das Erste Programm unter dem Titel »Tagesthemen« (TT) »vertiefende Hintergrundinformationen zu wichtigen politischen' wirtschaftlichen und kulturellen Ereignissen«.

Auch hier werden neue Formen erprobt, bewährte übernommen, aus der Mode gekommene wiederbelebt. Zwar darf der steife Herr Nachrichtensprecher auch weiterhin strengen Blicks Weltweites verkünden; aber das offiziöse, inzwischen eine Generation alte Ritual fällt: Flotte Aufreißer' »richtig ausgeprägte Meinungskommentare«. pointierte Einsprengsel und eine neuartige Wettervorhersage sollen ein »täglich verschiedenes Erscheinungsbild« garantieren.

Schon vor rund zwei Jahren hatten sich die ARD-Redakteure Kronzucker, Bresser, Dagobert Lindlau (BR) Franz Alt ("Report« Baden-Baden) und Martin Schulze (Brüssel) in Klausur ein originelles Konzept ausgedacht: Ihre »richtige Big-News-Show« sollte an jedem Werktag um 22 Uhr beginnen, 45 Minuten laufen, »heißgefädelte Nachrichten« mit »exzellenten Reportagen« verbinden, zum Abschluß einen »saftighumorigen Rausschmeißer servieren« und mit diesem Allerlei »die journalistische Konsolidierung der ARD in die Wege leiten«.

Soviel kecker Reformeifer wider die ausgewogene Langeweile war der ARD, dieser schlagenden Verbindung, nicht geheuer. Münchens Chefredakteur Rudolf Mühlfenzl verspottete das Konzept als »Chaotenpapier«, und damit war es Makulatur. Doch weil aus Mainz Konkurrenz drohte, sollte auch in den ersten Kanal irgendwas Neues geschleust werden.

Alsbald begannen die ARD-Oberen einen Eiertanz mit journalistischer Kür und politischer Pflicht. Der WDR, der in seinem Dritten Programm mit »Tagesthema« einschlägige Vorarbeit geleistet hatte, beharrte auf Köln als Sitz einer neuen Aktualitäten-Zentrale. Das lehnten die Bayern ab: Sie wollten den ohnehin stärksten ARD-Sender nicht noch weiter aufwerten und fürchteten außerdem zuviel liberalen Unrat. Dann bewarben sich Frankfurt und München, fanden aber keine Mehrheit.

Auch der NDR Hamburg als TT-Zentrum, kostensparend an die »Tagesschau«-Redaktion angelehnt, stieß zunächst auf wenig Gegenliebe. Diesmal wehrten sich die süddeutschen Sender gegen einen Machtzuwachs der Nordlichter; auch der WDR hatte Bedenken: In einer Hamburger TT-Redaktion hätte der Bonner Filialleiter Nowottny mit seinen Freitags-Metaphern zu kurz kommen können.

Unter dem Versprechen, auch in den künftigen TT dürfe sich der sensible Nowottny freitags fast so breit machen wie bisher im »Bericht aus Bonn«, gab der WDR nach; mit der Garantie, Bayern käme in dem geplanten Magazin geziemend zur Geltung, steckte auch der BR zurück: Der NDR Hamburg, in Geldnöten wie kein zweiter deutscher Sender, erhielt dann den Zuschlag.

Anfang Dezember schließlich billigte der Verwaltungsrat des NDR jene »Verwaltungsvereinbarung«, auf die das neue TT-Team nun mehr auf Verderb als Gedeih eingeschworen ist: Kein Dokument der neudeutschen Rundfunkgeschichte belegt so ungeniert das kleinstaatliche und journalistenferne Denken der ARD-Intendanten. »Nimmt man diese Vorschriften wörtlich«, stöhnt ein leitender ARD-Redakteur, »kann man TT gleich wieder dichtmachen.«

Nach ihrem Grundgesetz müssen die TT-Redakteure »die regionale Vielfalt« deutscher Lande und damit, natürlich, die Interessen des politischen Regenten »berücksichtigen«. Deshalb sind die Journalisten dazu verdonnert, »die Landesrundfunkanstalten mit ihren Beiträgen entsprechend dem Quotenschlüssel ... zu beteiligen«.

Heilige ARD-Arithmetik: Im regionalen TT-Block, dem künftigen Streitobjekt des Ersten Programms, müssen demnach der WDR mit 25, der NDR mit 20, der BR mit 17, HR' SFB' SDR und SWF mit je acht, Bremen und Saarbrücken mit je drei Prozent vertreten sein. Über diese Quoten wird penibel Buch geführt, in halbjährlichen Zwischenberichten abgerechnet und bei Unausgewogenheit mit Sicherheit Krach entstehen.

Schlimmer noch: Den Inhalt von lT legen insgesamt elf Chefredakteure -- neun in den Sendern, dazu Dieter Gütt als Leiter von »ARD aktuell« und Klaus Stephan, der »Report«-Moderator mit der Trauermiene als eigentlicher TT-Chef -- in einer mittäglichen Schaltkonferenz fest. Die Leitung dieses fernmündlichen Palavers übernimmt der Polit-Koordinator der Programmdirektion Deutsches Fernsehen in München, ab Neujahr der ARD-Neuling Carl Weiss, bislang Auslandskorrespondent des ZDF.

Kann sich dieses Gremium nicht einigen, so entscheidet der Programmdirektor Deutsches Fernsehen -- nach Hans Abichs Abschied im kommenden Sommer der jetzige Stellvertretende NDR-Intendant Dietrich Schwarzkopf.

Nach Schluß der Schaltkonferenz haben die TT-Redakteure' geht es nach der »Verwaltungsvereinbarung«, fast nichts mehr zu melden. Denn: »Änderungen der Absprachen« sind nur »aus Gründen der Aktualität oder in Ausnahmefällen zulässig«, müssen aber dann »auf Wunsch nachträglich begründet« werden. Einmal »akzeptierte Beiträge der Anstalten dürfen in ihrer Aussage nicht verändert werden«.

Selbst dieses Korsett schien den Intendanten nicht eng genug, und so schnürten sie den journalistischen Freiraum weiter ein: »Wenn ein Thema oder Aspekt zur Sache im Lauf einer Woche wiederholt unberücksichtigt geblieben ist, wird die Schaltkonferenz die angemessene Berücksichtigung gewährleisten.« Im Klartext: Jede Anstalt kann somit jeden einmal akzeptierten TT-Beitrag durchdrücken' wenn sie nur stur auf verbrieftes Recht pocht.

Mit der »Kraft eines funktionierenden Teams« und dank des »besseren Überblicks über die aktuellen Angebote« glaubt Gütt dennoch »eine vernünftige Sache auf die Beine stellen zu können«. Die kuriose »Verwaltungsvereinbarung« hat er bei den TT-Vorarbeiten »absichtlich völlig beiseite geschoben«.

Doch wie zur Generalprobe für jenen »bald wohl täglichen Konflikt, den wir nicht scheuen« (Gütt), meldeten die Sender und ihre Hausmächte schon bei der Produktion der insgesamt acht Nullnummern hartnäckig ihre Rechte an. Münchens Mühlfenzl, erinnert sich Gütt, »hat mir das Papier schon kräftig auf den Tisch geknallt«.

Daß der kampflustige christsoziale Mühlfenzl, nach seiner erfolglosen Bewerbung um den Saarbrückener Intendantensessel, pingelig auf bayrischer Mitbestimmung beharrt, bewies er jüngst noch der Hamburger »Panorama«-Redaktion.

Einen Beitrag über den Stuttgarter Schauspieldirektor Peymann, der eine Kollekte für die Zahnbehandlung von Gudrun Ensslin öffentlich unterstützt hatte, ließ er sich vor der Ausstrahlung eigens nach München überspielen und forderte nach der Inspektion die Absetzung. Als sich der NDR weigerte, drohte Mühlfenzl mit Kreuth: »Ein zweites Mal wird es das nicht mehr geben. Künftig werden wir abschalten, wenn man unsere Wünsche nicht stärker berücksichtigt.«

Nun: Die Jagd ist offen, TT ein weites Feld.

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