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Jahrmarkt der Genügsamkeit

aus DER SPIEGEL 22/1976

Cannes, heuer zum 29. Mal veranstaltet, hat seine eigene Festivaldramaturgie, und in dem wohlorganisierten Chaos von Geschäft und Genuß, Entdeckungen und Enttäuschungen, Macht und Phantasie spiegelte sich diesmal besonders deutlich die Vormachtstellung Hollywoods wider.

Für zwei Wochen wird die Promenade von Cannes, die Croisette, zur Verlängerung des Sunset Boulevard, und am Eröffnungsabend war sie für einige Stunden sogar Hollywoods Herzstück: Zur Premiere der Fortsetzung des MGM-Musical-Wiederkäuers »Hollywood, Hollywood« fielen die großen Alten des Showbusiness von Fred Astaire bis Gene Kelly in einer Chartermaschine wie ein Schwarm befrackter Heuschrecken ein.

Wenn Hitchcocks pfiffiger Thriller »Family Plot« am 28. Mai das Festival beendet, dann wird sich Hollywood wieder einmal als das kommerzielle und kreative Zentrum der Filmindustrie bestätigt haben.

Eine vielleicht unbewußte Reaktion auf diese totale Vorherrschaft der Amerikaner, die diesmal mit Tennessee Williams auch den Präsidenten der Jury stellen, könnte die in diesem Jahr besonders auffällig zu spürende Internationalisierung des europäischen Films sein. Unter den Produzenten ist sie lange schon üblich, aber erstmals zeichnet sich auch bei den Autoren eine Überwindung klaustrophiler Scheu und nationaler Eifersüchteleien ab.

Rohmer drehte in Deutschland ("Die Marquise von O."), Polanski ("Der Mieter") und Losey ("Mr. Klein") repräsentieren Frankreich, und der Ungar Miklos Jancso hat sich mit italienischem und jugoslawischem Geld lustvoll, frevelhaft, aber doch belanglos an der habsburgischen k. u. k. Monarchie gerächt ("Private Laster. öffentliche Tugenden").

Wenn laut den neuesten Angaben des Fachblatts »Variety« in Deutschland nunmehr fast die Hälfte aller Kinoeinnahmen in amerikanischen Händen landet, dann liegt das nicht nur an der größeren Attraktivität der Hollywoodprodukte, sondern auch an der Provinzialität der meisten deutschen. Während Wim Wenders' »Im Lauf der Zeit«, mit vielen Vorschußlorbeeren behaftet, am Wettbewerb des Festivals teilnimmt, ist von der so gierig auf die große Welt schielenden Habe-Verfilmung »Das Netz« nichts zu sehen und zu hören, obwohl sie dort vielleicht nicht einmal deplaciert wäre.

Der dominierende Eindruck bei den meisten namhaften Filmen ist eine Selbstgenügsamkeit, die jegliches risikofreudige Interesse an einer Geschichte oder einer Figur durch unverbindliche filmische Routine ersetzt.

Dazu gehört auch Viscontis letzter Film »L'Innocente«, der nach seinem Tod von seinen Mitarbeitern fertiggestellt wurde. Nach dem gleichnamigen Roman des berüchtigten Salonromanciers Gabriele d'Annunzio erzählt Visconti eines jener Melodramen der Jahrhundertwende. in denen die bürgerliche Moral und deren Schleichwege die Menschen blind gegen sich selbst und gegeneinander machen. Der Film feiert einzig sich selbst als Ereignis, weder Destruktion noch Apotheose findet statt.

Eric Rohmer hat mit seiner Kleist-Adaption »Die Marquise von O.« wenigstens etwas gewagt, bevor er verlor. Das Wagnis bestand darin, den Kleistschen Text und weniger die Geschichte inszenieren zu wollen, und gescheitert ist es daran, daß man nun auf der Leinwand die Geschichte sieht und sich danach sehnt, dieses wundervolle, spannungsreiche Deutsch wieder einmal zu lesen, statt es von labernden Knattermimen aufs jammervollste rezitiert zu hören. Vor allem Peter Lühr, der spielt (oder spielen muß), als wäre er Mary Pickfords schmachtender Bruder, erntete Lacherfolge, wenn er permanent die Geste zum Wort setzt wie die Faust aufs Auge.

Obwohl das Kino offenbar unausweichlich mehr und mehr zu einer wohltapezierten emotionellen Wärmestube verkommt, gab es dann plötzlich einen Film. der wieder spürbar machte, warum man Filme braucht. Es ist Nagisa Oshimas »L'Empire des Senses«. Nach einem in Japan sehr bekannten Vorfall schildert Oshima die Leidenschaft eines Mannes und einer Frau. deren elementare Erotik im selbstgewählten Tod gipfelt.

Sada, das Mädchen, schläft in einer, wie Oshima es nennt, »Corrida der Liebe«, permanent mit Kichizo, ihrem Liebhaber, und sie treibt sich und ihn durch immer wahnsinniger werdende Schmerzen und Orgasmen zur alles andere, ausschließenden Erfahrung der Existenz, bis sie ihn mit seiner Einwilligung schließlich erwürgt und kastriert. »L'Empire des Senses« läßt jeden Begriff von Pornographie weit hinter sich, aber bisher hat es noch kein deutscher Verleiher gewagt, den Film zu übernehmen -- aus Angst vor dem Staatsanwalt.

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