Jan Josef Liefers über #allesdichtmachen »In der DDR wäre ich für so ein Video wahrscheinlich in den Knast gekommen«

In einem Streitgespräch mit Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich der Schauspieler Jan Josef Liefers zur umstrittenen Videoaktion #allesdichtmachen geäußert – und dabei auch auf seine Jugend in der SED-Diktatur verwiesen.
Liefers in #allesdichtmachen-Video: »Will die Form nicht verbissen verteidigen«

Liefers in #allesdichtmachen-Video: »Will die Form nicht verbissen verteidigen«

Foto: #allesdichtmachen / YouTube

Für die Aktion #allesdichtmachen hagelte es Kritik. Einige Mitwirkende ruderten seither zurück, andere bleiben bei ihren kritischen Anmerkungen zur Coronapolitik. Jan Josef Liefers, der an der umstrittenen Kampagne mit einem Video beteiligt war, sieht sich offenbar irgendwo dazwischen: »Ich will die Form dieser Kampagne gar nicht so verbissen verteidigen. Mir ist total klar, dass man sie vollkommen daneben finden kann«, sagte der Schauspieler der »Zeit«: »Aber eins lässt sich auch nicht von der Hand weisen: Irgendeinen neuralgischen Punkt haben wir berührt.«

In der DDR sei er damit aufgewachsen, dass es Gegenwind gebe, wenn man sich zu Politik und Gesellschaft äußert, so Liefers. »In der DDR wäre ich für so ein Video wahrscheinlich in den Knast gekommen. Aber auch das, was wir hier erleben, ist nicht schön«, sagte der 56-Jährige.

Unter dem Hashtag #allesdichtmachen hatten 53 Schauspielerinnen und Schauspieler in der vergangenen Woche Videoclips veröffentlicht, in denen sie auf zumeist sarkastische Weise die Coronapolitik der Bundesregierung kommentiert hatten. Ulrich Tukur etwa forderte die Schließung ausnahmslos aller Lebensmittelgeschäfte, Meret Becker betete von einem überdimensionalen Zettel einen Text über Schutzmasken herunter, Richy Müller atmete abwechselnd in zwei Tüten, und Liefers bedankte sich in seinem Clip mit ironischem Unterton »bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben.« Müller, Becker und andere zogen ihre Videos nach den Reaktionen zurück.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kurz nach Erscheinen der Kampagne beteiligte Künstler zu einem Dialog eingeladen. Mit Liefers führte er nun in der »Zeit« ein Streitgespräch. »Es ist ja nicht so, dass ich alles, was wir machen, für perfekt halte«, sagt Spahn darin: »Was mich allerdings wirklich stört, ist die vielfach behauptete These, wir hätten in unserem Land gleichgeschaltete Medien, die nur die Regierung beklatschen. Das hat mich auch in Ihrem Video geärgert, Herr Liefers.«

Der Schauspieler erwidert: »Natürlich sind die Videos in ihrer Verkürzung undifferenziert. Und damit natürlich auch zum Teil ungerecht.« Das sei aber in diesen kurzen Clips und auf der Ebene von Satire gar nicht anders möglich, so Liefers. Natürlich wisse er, dass sich viele Journalisten in diesem Land um Neutralität bemühen.

Liefers hatte das Projekt bereits zuvor verteidigt, sich aber nachdenklich über das gewählte Mittel geäußert. »Ich finde auch den Punkt interessant, dass vielleicht Ironie wirklich ein ungeeignetes Mittel ist«, sagte er etwa in der Radio-Bremen-Talkshow »3nach9«.

Keine Medien mehr seit Weihnachten

Der »Zeit« sagte er nun unter Verweis auf sein Aufwachsen in der DDR fügte er hinzu: »Heute erklärt nicht mehr der gute alte Klassenkampf die Welt – sondern heute gibt es einen Bubble-Kampf, zwischen Angehörigen verschiedener Meinungsblasen.« Jene, die tief in solchen Blasen sitzen, hätten keinen Schimmer mehr von der Welt ihrer Nachbarbubble. »Das führt zu einer nahezu totalitären Argumentation, bei der es ums Rechthaben, auch ums Zerstören des anderen Standpunkts geht.«

Angesprochen auf seine pauschale Medienkritik erklärte Liefers, er habe zu Beginn der Pandemie alles gehört, geschaut, abonniert und gelesen, sei davon aber »immer meschuggener« geworden. Vor Weihnachten habe er dann »alles abbestellt, einfach nichts mehr angeguckt oder gelesen«. Sofort ging es ihm besser, sagte er: »Da dachte ich: Was ist das? Wir sind mitten in einer Pandemie. Aber fast krank geworden bin ich nicht von diesem tückischen Virus – sondern vom medialen Dauerfeuer deswegen.«

Als Reaktion auf #allesdichtmachen hat die Notfallmedizinerin Carola Holzner die Kampagne »alle mal ne Schicht machen« ins Leben gerufen: eine Aufforderung, sich in ihrer Klinik auf der Intensivstation anzuschauen, wie die Mediziner und Pflegekräfte dort arbeiten. »Ich habe mich schon angemeldet«, sagt Liefers in dem Gespräch.

sak
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