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Jandls kategorischer Konjunktiv

Hellmuth Karasek über die Berliner Aufführung »Aus der Fremde«
aus DER SPIEGEL 9/1980

Zwei Personen, ein Mann und eine Frau, beide nicht mehr die Jüngsten, so um die Fünfzig, sitzen bei Tisch und beenden gerade ihr Abendessen.

Aber sie fragt nicht: »Willst du noch etwas essen?« Und er fragt nicht zurück: »Bist du auch tatsächlich satt?«

Statt dessen reden die beiden voneinander in der dritten Person und im Konjunktiv der indirekten Rede -- so als würde von ihnen, die doch leibhaftig auf der Bühne sitzen und essen und reden und Theater spielen, nur erzählt: »Ob er noch etwas wolle«, sagt die Frau. »Ob sie auch tatsächlich satt sei«, repliziert der Mann. Und so fort, immer im Konjunktiv, unerbittlich in der dritten Person, einen Abend lang, allein, zu zweit, zu dritt:

Fast drei Stunden lang, in denen nichts passiert, außer daß zuerst zwei und gegen Ende drei Freunde zusammen zu Abend essen und dazu Wein oder Whisky trinken und daß dazwischen ein Mann zu Bett geht, aufsteht, einkaufen geht, viel raucht, wenig zu trinken versucht und unter vielen Qualen etwas schreibt -- nämlich das Stück, das hier beschrieben wird.

Ein Witz? Ein auf Abendlänge gewalzter Kalauer, der noch dazu Grammatik und Dramatik verwechselt?

Dem österreichischen Sprachschnitzer und Lyriker Ernst Jandl, 54, sind mit seinem ersten abendfüllenden Stück gleich eine ganze Reihe paradoxer Kunststücke gelungen:

Ein Stück, das von schriftstellerischer Impotenz handelt -- und das auf die potenteste Weise tut. Fähiger ist noch nie die Unfähigkeit zum Schreiben auf die Bühne gebracht worden.

Ein Stück, das von der selbstauferlegten Isolierhaft eines Schriftstellers erzählt -- und doch ein Wunder an gesellschaftlicher Kommunikation ist.

Ein Stück, das von Einsamkeit und depressiver Trauer eines Mannes erzählt, dem noch seine einzige Beziehung, die zu einer ebenfalls schriftstellernden Freundin, allabendlich mißrät -- und das doch ein umwerfend komisches, schier grenzenlos heiteres Stück ist. Das von einer Beziehung handelt, die als zarteste Zweisamkeit noch die einsamsten Stunden erwärmt.

Ein Stück, das so abstrakt und unpersönlich ist, daß es sich die abstraktesten und unpersönlichsten Mittel der Sprache borgt, eben den Konjunktiv und die dritte Person -- und das doch von einer geradezu versessen autobiographischen Bekennerwut beherrscht wird: Es zeichnet da Jandls Selbstporträt, sein Verhältnis zur Kollegin Friederike Mayröcker.

Und erzählt doch, so allgemein wie nur möglich, von ritualisierten täglichen Überlebensstrategien: Die gegen die Leere angesetzte marottenhafte Pedanterie, die gegen das Alleinsein geführten Selbstgespräche, das Aufschieben der Arbeit durch panische Geschäftigkeit: Jandl Jedermann in der Altbauwohnung.

Ein Stück schließlich, das mit bodenloser romantischer Ironie erfolgreich so tut, als sei es so unabgeschlossen, daß S.215 es sich im Spielen eben erst schriebe -- ein solches Stück ist in Wahrheit in sich so perfekt geschlossen wie ein kunstvoller Zirkel: Jandl oder die Quadratur des Kreises.

In der Aufführung an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin (es ist, nach Graz, die zweite von »Aus der Fremde") erlebt man, was man als Kind erlebte, wenn man ein Bilderbuch sah, auf dem ein Kind war, das ein Bilderbuch ansah, auf dem ... Man verliert, auf lustige, seltsame, erschreckende Weise den Boden unter seinen Füßen, wenn der Schauspieler Fitz als Autor Ernst Jandl sich vorstellt, wie einst ein Schauspieler Peter Fitz einen Autor Jandl sprechen und spielen könnte ...

Die witzig-kluge Inszenierung der Dramaturgin Ellen Hammer (es ist ihre erste) weiß, daß man die Wirklichkeit nur dann ins Surreale verschwimmen lassen kann, wenn man ihr zunächst feste Umrisse gibt.

Also baut sie den drei Personen dieses Ein-Personen-Stücks eine Wohnstube (Bühne: Antonio Recalcati), die ganz und gar wirklichkeitsnah ist und gleichzeitig ein zum Bühnenraum umgesetztes expressionistisch flammendes Gemälde (nämlich Ernst Ludwig Kirchners »Interieur").

Daß diese Mischung aus Oper und Wirklichkeit, aus Tremolo und Selbstgespräch, aus Obsession und Trivialität, aus hastig gerauchten Zigaretten und ebenso hastig ausgestoßener Weltverzweiflung sich mit nahezu traumhafter Selbstverständlichkeit ereignet, lag (neben Christiane Oesterlin und Gerd Wameling) vor allem an dem phänomenalen Peter Fitz, der sich mit der Jandl-Figur die Rolle seines Lebens zu erspielen schien.

Dieser Mensch, der in ständig nervöser Verklemmung die Füße gegeneinander rieb, mit boshaft masochistischem Künstlerfuror seine Manuskripte vom Tisch fegte, um sie mit einer erschrockenen Sanftmut wieder einzusammeln, war ein schrecklich Normaler, der mit seinen Blicken zur Decke dauernd den Wahnsinn streifte, anrührend, liebenswert, abstoßend, bedrohlich und mitleidheischend, von grenzenloser Banalität und ebenso grenzenlos absonderlich genial.

Fitz spielte die Einsamkeit des Schriftstellers beim Schreiben und die komisch-tragische Nummer von einem in seinen schützenden vier Wänden verödenden Zeitgenossen, der, wie ein Hamster im Tretrad, mit Tabletten, Whisky, Zigaretten und dem Telephon jeden Moment ums Überleben kämpft -- nur daß er zusätzlich auch noch an Marterinstrumente wie Bleistift und Schreibmaschine gebunden ist.

Und an den Konjunktiv der dritten Person, der in dem Tischgebet gipfelt: »Käme Herr Jesus, wäre er ihr Gast und würde er segnen, was er ihnen bescheret hätte ...«

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