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Gestorben Janet Malcolm, 86

aus DER SPIEGEL 26/2021

In den mehr als 50 Jahren, die sie als Journalistin und Autorin arbeitete, war ihr Porträt über den Psychoanalytiker Jeffrey Masson eine Schlüsselarbeit. Er sollte Anfang der Achtzigerjahre Leiter des New Yorker Freud-Archivs werden, zigmal traf sich die Autorin mit ihm und entlarvte ihn schließlich in einem Artikel im »New Yorker« als »intellektuellen Gigolo«. Er verklagte sie, der Prozess zog sich elf Jahre hin, es ging auch um die Frage, wie legitim es gewesen war, dass Janet Malcolm alle Recherchegespräche in ihrem Text als ein einziges, langes Mittagessen dargestellt hatte. Was heute völlig unzulässig wäre, ging damals noch als Stilmittel durch. Am Ende gewannen der »New Yorker« und die Autorin den Prozess in fast allen Punkten. »Jeder Journalist, der nicht zu dumm oder zu eingebildet ist, um zu merken, was vor sich geht, weiß, dass das, was er tut, moralisch nicht vertretbar ist.« So lautete der erste Satz, mit dem Malcolm einige Jahre später ein Buch begann und zugleich ihre eigenen Methoden kritisch reflektierte. Die Tochter eines tschechischen Psychiaters war erst fünf Jahre alt, als ihre jüdische Familie 1939 nach New York flüchtete. In all ihren Texten beschäftigte Malcolm die Ambivalenz menschlichen Verhaltens; mit analytischem Scharfsinn betrachtete sie die Doppelbödigkeit, die viele Handlungen antreibt. Wenn Malcolm in ihren Texten »ich« schrieb, geschah das nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie auch sich selbst unter die Lupe nahm. Janet Malcolm starb am 16. Juni in New York an Lungenkrebs.

clv
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