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Jazz in der UdSSR: Mal rot, mal heiß

Von Anfang an hatte der Jazz in der Sowjet-Union eine wechselvolle Geschichte zwischen harter Ablehnung und begeisterter Aufnahme: Mal wurde er als proletarische Musik akzeptiert, mal als Ausdruck des dekadenten Westens bekämpft. Ein Amerikaner hat die umfassende Geschichte des sowjetischen Jazz geschrieben. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Der Jazz und die Sowjet-Union haben eine gemeinsame Geschichte. Der Staat mit der rigiden Doppelmoral war von Anfang an in immerwährender melodramatischer Haßliebe zu dem Musikbastard aus dem Amüsierviertel Storyville in New Orleans entbrannt.

Kaum waren 1917 die Kanonenschüsse auf den Winterpalais in Petrograd verhallt, wurde in Amerika auf Druck der U.S. Navy Storyville dichtgemacht. Die Seeleute sollten sich nicht mehr in den Puffs des swingenden Sündenbabels vergnügen.

Der Jazz, durch den viele schwarze Musiker in New Orleans ihren eigenen Ausdruck fanden, wurde aus seiner Wiege gekippt und in die Welt gestoßen. Wo er auftauchte, per Platte oder live, impfte er seine Zuhörer fürs Leben mit dem entscheidenden Schuß swing.

Mit ungeheurem Drive breiteten sich die neuen Rhythmen, begleitet von einer anarchischen Hip-Kultur, über die Erde aus, und so platzte der Jazz, von unten, auch in den Staat, der von oben eine proletarische Kultur diktieren wollte. Reibung und Konflikt waren programmiert.

Das jetzt in den USA erschienene Buch des amerikanischen Sowjetologen und Amateur-Jazzers S. Frederick Starr, _(S. Frederick Starr: »Red and Hot. The ) _(Fate of Jazz in the Soviet Union«. ) _(Oxford University Press, New York; 368 ) _(Seiten, 16,95 Dollar. )

das die wechselvolle Geschichte des Jazz in der UdSSR erzählt, ist daher ebenso spannend wie beklemmend, ebenso lustig wie traurig.

Als die ersten Schellack-Platten mit der neuen rauhen und rotzigen Musik in die neue Sowjet-Union kamen, ging sofort der Marathon-Fight zwischen Befürwortern und steifen Ablehnern los. Erst einmal sollte den Massen eine eigene kommunistische Musikkultur verschrieben werden, und da paßte der individualistische, spontan emotionale, auf Etikette und Wohlanständigkeit pfeifende Jazz zunächst nicht hinein.

Aber zu viele Menschen waren schon von der neuen Musik infiziert, und so ließ sie sich nicht mehr mit Beschwörungsformeln aus der Freizeit der Werktätigen verbannen. Als am 1. Oktober _(Leopold Teplizkis »Erste ) _(Konzert-Jazz-Band« )

1922 »Walentin Parnachs Jazz-Band« auf einer Moskauer Bühne debütierte, trat auch der Jazz erstmals aus dem Untergrund an die Oberfläche. Das Konzert, meint Historiker Starr, »war ein Ereignis, über das man lieber etwas liest, als daß man ihm selbst hätte zuhören wollen«.

Dem Publikum wurden die neuesten amerikanischen Tanzschritte vorgeführt, und Parnachs Sextett spielte ein paar Stücke mit eingängigen Melodien im synkopierten Rhythmus.

Wenn den Beschreibungen der Musik, die in der frühen Sowjet-Union als Jazz gefeiert oder verunglimpft wurde, zu trauen ist, handelte es sich dabei oft um nicht mehr als entfernt Jazzverwandtes.

Die neue, eher mild swingende Tanzmusik sorgte für sanfte Ekstasen, soweit die beim Foxtrott, Tango oder Charleston überhaupt möglich waren. Als sich die Zügel in der Phase der »Neuen Ökonomischen Politik« nach 1921 gelockert hatten und sich die Bevölkerung beim Tanz zu westlichen Klängen von den Leiden des Bürgerkriegs erholte, stürzten sich Künstler der neuen Sowjet-Welt auf das exzentrische Ausdrucksmittel.

Der Theater-Avantgardist Meyerhold verpflichtete Parnachs Band 1922 für eine Revolutions-Revue, und das Publikum, so ein Musiker, der dabei war, »stampfte mit den Füßen und klatschte im Takt mit«. Starr: »Mag auf der Bühne die Rote Armee den Krieg gewonnen haben - Parnachs Jazzband gewann eindeutig das Publikum.«

In den zwanziger Jahren konnte sich der Jazz, nur gelegentlich durch säuerliche »Dekadenz«-Vorwürfe attackiert, fröhlich in der Sowjet-Union entfalten. Selbst Verwünschungen, wie sie im Westen gegen die Teufelsmusik vorgebracht worden waren, hielten sich in der Sowjet-Union in Grenzen.

So wurde 1926 sogar der Leningrader Pianist Teplizki vom Volksbildungskommissar Lunatscharski in die USA geschickt, um dort Erfahrungen, Instrumente und Jazz-Know-how zu sammeln und in Leningrad eine Band zu gründen.

Erste Gastspiele amerikanischer Jazzer in der Sowjet-Union fanden enthusiastische Zuhörer, und als der New-Orleans-Champ Sidney Bechet 1926 mit »Benny Peyton''s Jazz Kings« über Sowjet-Bühnen hottete, verhexte er das Publikum. Bechets Abreise mußte um Wochen verschoben werden - so lange brauchte der Star-Klarinettist, um die Wirkung ausgiebiger Wodka-Gelage abklingen zu lassen.

Aber der Frieden währte nicht ewig. 1928 startete der Dichter Maxim Gorki in der »Prawda« eine Hetzkampagne gegen den Jazz. In der Partei setzten sich Biedermänner durch, die die Klänge des kapitalistischen Westens mit hausgemachter russisch-proletarischer Kultur nicht für vereinbar hielten.

Ein paar Jahre zuvor hatten noch Kritiker wie Ossip Brik den Jazz als »neue und notwendige Form der Musickultur« und als Massenkunst begrüßt. Nun schäumte Gorki gegen den neuen Feind, der mit seinen Rhythmen die Menschen in »zynische Hüftschwingungen« versetze und damit »die Befruchtung der Frau durch den Mann« simuliere.

Einflußreiche Funktionäre gerieten in den Sog des »Proletarischen Musikerverbandes«, einer halboffiziellen Zensurstelle. Auch Lunatscharski attackierte nun den Jazz als Ursache sexueller Zügellosigkeit.

Die unkontrollierte Jazzmanie, die nicht per Verordnung aus der Freizeit der Sowjetmenschen zu tilgen war, brachte die Kulturfunktionäre in ein Dilemma. Zwar verboten sie 1929 Kreneks Jazz-Oper »Jonny spielt auf« und verbannten das Saxophon als besonders verderbenbringendes Instrument aus dem Musikleben, aber auf Dauer konnten sie der Bevölkerung den geliebten Jazz nicht mehr nehmen.

Man half sich mit einer realitätsfernen Gedankenkonstruktion. Lunatscharski und andere Kulturverwalter hatten die Trennung des schlechten bürgerlichen »Salonjazz« von dem »wahren«, dem

proletarischen Jazz der unterdrückten Schwarzen verlangt.

Trotz der krampfhaften Kulturrevolution Ende der zwanziger Jahre konnte sich der Jazz behaupten. In den dreißiger Jahren erreichte er gar gewaltige Popularität.

Stalin selbst ließ 1934 eine Jazzband loslegen, als ein Empfang zu Ehren der Oktoberrevolution gegeben wurde. Zu vorgeschrittener Stunde tanzten das Politbüro, hohe Armeechargen und Diplomaten zu wildem Sound.

Zwei Musiker konnten sich in den lockeren dreißiger Jahren einen veritablen Superstar-Status und immensen Reichtum zulegen: Alexander Zfasman und Leonid Utjossow. Ihre Bands spielten animierend swingenden Jazz, der sich vor US-Vorbildern nicht zu verstecken brauchte.

Die sowjetische Jazz-Manie bekam von 1936 an einen kräftigen Dämpfer. Eingeleitet durch eine verbissene Pro-und-Contra-Fehde zwischen dem Regierungsblatt »Iswestija« und der Parteizeitung »Prawda«, begann nun wieder der Kampf gegen die »bourgeoise« Musik. Das Repertoire von Bands wurde überprüft, und bald fielen auch Jazzmusiker den stalinistischen Säuberungen zum Opfer.

Damit Jazz kontrolliert und von allen »dekadenten« westlichen Erscheinungsformen gereinigt wurde, wurde ein Jazz-Staatsorchester zusammengestellt, das im Jahre 1938 debütierte; beim Publikum kam es überhaupt nicht an.

Ausgerechnet in dieser neuen kulturellen Eiszeit konnte sich ein Trompetenstar Gehör, unbeschreiblichen Ruhm und Reichtum erwerben, der früher in Berlin bei den »Weintraub''s Syncopators« gespielt hatte und über Polen in die Sowjet-Union geflüchtet war: Eddie Rosner, ein Elegant und Snob, der sich nach Vorbild des US-Swingstars Harry James ein Oberlippenbärtchen wachsen ließ. Er war ein waschechter Jazzer.

Rosner blieb ungefährdet, weil er unter dem persönlichen Schutz des Parteichefs der Belorussischen Republik, Ponomarenko, stand, eines glühenden Jazzfans.

Rosners Entfaltungsmöglichkeiten als Jazzmusiker blieben zunächst eine Ausnahme. Gespenstisch waren die Umstände, unter denen der Jazz dann wieder allgemein zugelassen wurde: An den Fronten waren im Zweiten Weltkrieg Jazzbands präsent, um den Soldaten swingendes Entertainment zu bieten.

Tiefer Frost und erbitterter Kampf gegen die »Amerikanisierung« der Sowjetgesellschaft schienen dann nach dem Krieg dem Jazz wieder den Garaus zu machen. Überall witterten Stalins Funktionäre die subversive Arbeit des Feindes; sie konnten sich nicht vorstellen, daß die Bevölkerung ein elementares Bedürfnis nach Jazz hatte.

In den fünfziger Jahren entwickelte sich deshalb eine Jugendsubkultur, die die Swingbegeisterung der älteren Generation nicht mehr teilte und begierig die neuen Bebop-Klänge der Charlie Parker und Dizzy Gillespie, den modernen Jazz von Miles Davis, Thelonius Monk und John Coltrane hörten - in Sendungen der »Stimme Amerikas«.

Die Bebop-Revolution hatte den Jazz weltweit aus der Position populärer Musik verdrängt. Nun war der Jazz etwas für die Happy Few, für Outsider und für die Subkultur. Nach Stalins Tod durfte wieder Jazz gespielt werden. Auch ein paar spießige Attacken Chruschtschows änderten daran nichts mehr.

Heute zählt der Jazz zu den anerkannten und deshalb auch leicht vermufften Künsten in der Sowjet-Union, und Free-Jazz-Ensembles wie das Ganelin Trio werden im Westen wie im Osten von Insidern gefeiert.

Aber das Hickhack, das den Jazz durch die Jahrzehnte in der UdSSR begleitete, hat neu begonnen. Nun bereitet der jüngere Popkultur-Bastard, die Rockmusik, den Kunstverwaltern jene Kopfschmerzen, die ihnen der Jazz immer wieder hartnäckig beschert hatte. Doch das ist eine andere Geschichte. _(Mit Saxophonist Tschekassin. )

S. Frederick Starr: »Red and Hot. The Fate of Jazz in the SovietUnion«. Oxford University Press, New York; 368 Seiten, 16,95 Dollar.Leopold Teplizkis »Erste Konzert-Jazz-Band«Mit Saxophonist Tschekassin.

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