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SCHLAGER Jeanny lebt

Sexualverbrechen im Schlager? Nachdem deutsche Sender den Song »Jeanny« von Falco mit Powerplay zum Hit der Saison machten, wollen sie ihn nun nicht weiter spielen. *
aus DER SPIEGEL 4/1986

Was ist mit Jeanny passiert? Wurde sie vergewaltigt und ermordet? Oder lebt sie etwa noch?

Auch das ZDF-»heute-journal« konnte nicht mit Gewißheiten dienen, als es am vergangenen Dienstag an erster Stelle über den rätselhaften Fall berichtete. »Augenscheinlich handelt es sich«, so Moderator Dieter Kronzucker, »um die Entführung, Vergewaltigung, Ermordung einer 19jährigen.«

Der Bericht stammte nicht wie sonst, wenn Mord und Totschlag in Nachrichtensendungen auf den Bildschirm kommen, aus dem richtigen Leben. Ein Vorfall aus der Welt des Schlagers sorgte diesmal für die Spitzenmeldung.

Anfang Dezember hatte der österreichische Sänger Hans Hölzl, unter dem Künstlernamen Falco erfolgreich, das Lied »Jeanny« als Single auf den Markt gebracht. Und nach fünf Wochen war aufgefallen, daß sich das Thema dieses Stücks vom Hitparaden-Einerlei wesentlich unterschied.

Zwar nicht eindeutig, aber immerhin, war da der Wiener Popstar in die Rolle eines Sittenstrolchs geschlüpft, der im tremolierenden Monolog zu Musik in Moll düstere Erlebnisse mit einem Mädchen namens Jeanny schildert.

Der Gruseltext ließ die Deutung zu, ein verwirrter Mann habe einen Teenager in den Wald gelockt und sei vor einem Suchkommando auf der Flucht. Auf die Idee, die Falco-Nummer erzähle von einem Sexualverbrechen, lenkte eine eingeschobene Passage, in der ein Nachrichtensprecher vom Fall einer 19jährigen Vermißten berichtete: »Die Polizei schließt die Möglichkeit nicht aus, daß es sich hier um ein Verbrechen handelt.«

Nach Falcos Hit-Erfolgen mit »Rock Me, Amadeus« und »Vienna Calling« hatten sich die bundesdeutschen Rundfunksender

unverzüglich seiner »Jeanny« angenommen und den Schlager massiv ans Publikum gebracht. Das öffentlich-rechtliche Powerplay ließ das Stück an die Spitze der Hitlisten steigen, allein in der vorletzten Woche wurde es in allen ARD-Anstalten 71mal gespielt.

Die Werbung zündete: Die Käufer verlangen wie wild nach »Jeanny«, und mehr als 325000 Exemplare des Schlager-Schockers wurden verkauft. Die Hamburger Firma »Teldec« muß täglich mehr als 30000 Platten pressen, um die Nachfrage zu befriedigen.

Nachdem das Werk weithin bekannt war und Falco seinen zweideutigen Text flächendeckend an deutsche Rundfunkhörer hatte bringen können, begannen Redakteure in den Sendern auf einmal den Hit auf seinen Inhalt abzuhorchen.

»Deutlichen Widerwillen« verursachte das Lied bei Wolfgang Knauer, dem Unterhaltungschef des NDR-Hörfunks. Als »menschenfeindlich« empfand Gregor Rottschalk vom Rias Berlin die triste Nummer, und Musikredakteur Thomas Brennicke vom Bayerischen Rundfunk meinte, dem Publikum sollten »Themen dieser Art nicht pausenlos als Schlager um die Ohren geschmissen werden«.

Und so ergriffen nun der NDR, der SFB, der Bayerische Rundfunk und Rias Berlin Maßnahmen, die Kanäle wieder zu säubern, die sie selbst mit dem inkriminierten Lied verschmutzt hatten.

»Aus moralischen und geschmacklichen Gründen« will sich der Bayerische Rundfunk der weiteren Ausstrahlung »Jeannys« enthalten, und die plötzlich entfachte Diskussion verhalfen »Jeanny« zu einem neuen Werbe-Schub.

»Falco ist ein Schlitzohr«, erkannte NDR-Redakteur Reinhold Kujawa, »dem konnte nichts Besseres passieren.« Das ZDF hatte den zunächst nur lokal diskutierten Fall nun auch bundesweit bekanntgemacht und den Mainzer Psychologen Hellmuth Benesch zur Analyse ins Studio gebeten. »Suggestiv gemacht« fand der Wissenschaftler das populäre Lied und von »faszinierender« Wirkung: »Überhaupt ist die Kombination von Liebe und Aggressivität eine gefährliche Verbindung.«

Die »Teldec«, die unterdessen weiter kräftig ihre Kassen füllt, jubelte über die »Jahrhundert-Promotion«.

Mit Hilfe eines spektakulären Sendestopps möchte nun nicht auch noch der WDR dem cleveren Falco unter die Arme greifen. Musikredakteur Rudolf Heinemann: »Für uns gibt es keinen Index und keine schwarzen Listen, und wir werden sie auch nicht wegen eines Liedleins wie 'Jeanny' einführen.« Allerdings ist auch Heinemann dagegen, »ein derartiges Stück den Hörern unvorbereitet um die Ohren zu knallen«. Der WDR fängt nun, wie auch der Hessische Rundfunk mögliche Schocks beim Hörer durch begleitende Kommentare ab.

Die Aufregung über das Lied war ganz im Sinne des »Jeanny«-Erfinders, in einem Begleittext zur Single hatte Falco gleich die Anregung zum erwünschten Mißverständnis mitgeliefert: »Daß Sie ein Verbrechen in 'Jeanny, Part I' hineininterpretieren, sei Ihnen überlassenes ist bedauerlich und entspricht nicht den kreativen Absichten.«

Was dem armen Mädchen tatsächlich zugestoßen ist, will Falco in zwei weiteren »Jeanny«-Songs aufklären. »Jeanny lebt«, verrät der Künstler, »und es geht auf der nächsten LP weiter.«

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