Pop »Jede Note klar und sauber«
Es war der 20. Juni 1995, das Konzert der Rolling Stones im Müngersdorfer Stadion in Köln gerade 53 Minuten alt - da unterlief der größten Rock 'n'Roll-Band der Welt bei ihrem Song »Rock And A Hard Place« ein Fehler.
Es passierte 3 Minuten und 40 Sekunden nach dem ersten Ton, an einer Stelle, an der drei kurze Pausen - im Musikerjargon Breaks genannt - vorgesehen sind. Eine spieltechnisch nicht sonderlich komplizierte und für Profis leichte Passage, die die Rolling Stones schon Hunderte Male ohne Probleme bewältigt haben.
Doch diesmal knickte die gesamte Band nach dem dritten Break ein: Die Pause geriet derartig lang, daß nicht nur Schlagzeuger Charlie Watts, sondern auch das mitklatschende Publikum aus dem Takt kam. Der darauffolgende Einsatz der Band war, im Gegensatz zu den beiden vorherigen, nicht präzise. Für einen endlos scheinenden Moment schmierte der Sound einschließlich der Stimme von Mick Jagger ins Breiige ab.
War es nur ein simpler Verspieler? Hatte Watts ganz einfach seinen Einsatz verpaßt, seine Mitspieler aus dem Konzept gebracht und somit endlich für ein wenig Human touch in der ansonsten perfektionistischen Show gesorgt, die die Stones auf ihrer »Voodoo Lounge«-Tournee ablieferten?
Doch ein einmaliger Fehler, ein sympathischer Fauxpas der Stones war es, soviel steht fest, nicht: Zwei Tage später, auf ihrem Konzert in Hannover, brach die Band an der auf die Sekunde gleichen Stelle wieder ein. Und mehr noch: Konzertmitschnitte, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen, daß der Sound-Patzer nicht nur in Köln und Hannover den Auftritt der Rocklegende durcheinanderbrachte - sondern auch am 16. Februar im River-Plate-Stadion in Buenos Aires, am 3. Juni im Olympiastadion von Stockholm und am 12. August beim Open-air-Konzert im niedersächsischen Schüttorf.
Soviel Pech oder Ungeschick kann, meinen Musikexperten, die die Aufnahmen analysierten, kaum Zufall sein. Gerd Knüttel, einer der führenden deutschen Tontechniker, der unter anderem die letzte Open-air-Tournee von Marius Müller-Westernhagen leitete: »Das ist schon sehr peinlich. Einen solch exakten Patzer schafft selbst die beste Rockband der Welt nicht zweimal hintereinander.«
Der kleine, immer wiederkehrende Fehler in »Rock And A Hard Place« ist erster Anhaltspunkt für einen Verdacht: Haben die großen Stones bei ihrer umjubelten Live-Tournee nicht immer live gespielt, sondern teilweise Playback verwendet? Gerade die Stones, die als letzte Verfechter von ehrlicher, handgemachter Musik gegen die Invasion des glatten Computersounds galten? »Ich kann aus dem Bett steigen und sofort ein Konzert spielen«, sagte Keith Richards im SPIEGEL-Gespräch (26/1994), »im Schlaf sozusagen.« Sind die Millionen Fans, die zu den über hundert Konzerten der weltweiten »Voodoo Lounge«-Tour kamen, über größere Strecken mit vorproduzierten Klängen aus der elektronischen Konserve beschallt worden?
Tatsächlich könnte die Panne auf einen technischen Fehler mit einem Play-back-Band zurückzuführen sein. Aufmerksamen Konzertbesuchern waren während der Stones-Tour aber noch andere Merkwürdigkeiten aufgefallen. Da tönte in Köln der 52jährige Jagger nach einem 70-Meter-Sprint über die Bühne ohne das kleinste hörbare Zeichen von Anstrengung metallisch klar aus den Lautsprecherboxen.
Seltsam auch, daß bei den Konzerten ausgerechnet Gast-Keyboarder Chuck Leavell das typische »One-two-threefour«-Einsatzkommando gab. Üblich ist im Musikgeschäft, daß der Schlagzeuger, manchmal auch der Bandleader, ein Stück anzählt. Ein Grund für die Abweichung von der Norm könnte sein, daß Leavell eine computergestützte Orgel bediente, mit ihren vielen Tasten und Knöpfen ein idealer Platz für das unauffällige Abfahren von Playbacks.
All das ist vielleicht auch mit Routine, Eigenarten der Stones oder der phantastischen Kondition von Mick Jagger zu erklären. Doch erhärtet wird der Verdacht, die Rolling Stones könnten sich während einiger ihrer anstrengenden Zweieinhalb-Stunden-Shows etlicher Playback-Hilfsmittel bedient haben, zudem durch Computeranalysen verschiedener Stücke (siehe Grafik).
Bei einem Vergleich des immer wieder auftauchenden Fehlers bei »Rock And A Hard Place« mittels eines sogenannten Hard-Disc-Recording-Systems, bei dem der Klang grafisch als Kurve dargestellt wird, zeigen sich bei den Breaks identische Muster und - besonders markant - auf Hundertstelsekunden gleichlange Pausen. Auch zu Beginn des Stückes boten die Stones beispielsweise in Hannover und Köln erstaunlichen Gleichklang.
In Songs wie »You Got Me Rocking«, »Brown Sugar«, »Tumbling Dice« oder »Honky Tonk Women« weisen Klanganalysecomputer gleiche Schlagzeugpassagen samt gleichen Zeitschwankungen nach: Bei Aufnahmen des Stückes »Tumbling Dice« von den Konzerten im belgischen Werchter und in Schüttorf etwa läuft der Rhythmus des Schlagzeuges in den ersten zwei Minuten absolut parallel. Und wenn Watts in Schüttorf einen Trommelwirbel dazwischenhämmert, ist er Sekundenbruchteile später wieder vollkommen synchron zur Version aus Werchter - einem Auftritt, der fast zwei Monate zuvor stattfand.
Legt man etwa die ersten 90 Sekunden von »You Got Me Rocking« aus dem Stones-Konzert in Werchter und die Version aus Köln auf je einen Stereokanal, dann klingt sogar Mick Jaggers Gesang praktisch wie von einer Aufnahme - mit sämtlichen Stimmphrasierungen, Zisch- und Ploppgeräuschen.
Bei anderen Titeln von diversen Auftritten auf der »Voodoo Lounge«-Tournee lassen sich deutliche, eben typische »Live«-Unterschiede feststellen. Dann wiederum finden sich absolut synchrone Passagen. Das verblüfft vor allem bei der Schlagzeugarbeit von Charlie Watts, der gerade wegen seiner Aussetzer und Verspieler zu Ruhm gekommen ist.
»Erstaunlich, das klingt wie ein und dasselbe Konzert«, urteilt ein erfahrener Hamburger Tonmeister, dem der SPIEGEL ein Band zur Begutachtung vorspielte: »Es gibt fast einen Stereoeffekt.« Tatsächlich hatte der Mann Passagen aus zwei Konzerten gehört: Auf dem rechten Kanal lief ein Mitschnitt des Kölner Stones-Gigs, auf dem linken eine Aufnahme aus Hannover.
Auch ohne den Verdacht auf Playback-Einsatz war professionellen Kritikern während der Stones-Tournee der »sterile« Sound (Süddeutsche Zeitung) aufgefallen. Salman Rushdie begeisterte sich als Kritiker für den englischen Observer am brillanten Ton, »jede Note klar und sauber, jedes Wort hörbar und volltönend«. Im Vergleich zu früheren, eher chaotisch ablaufenden Auftritten der berühmten Rock-Combo bot die Band diesmal eine Show ohne Rückkoppelungen und Gitarrenheuler.
Die wenigen fehlerhaften Soli von Richards, das nur höchst selten schleppende Schlagzeug von Watts wirkten da wie gezielt eingestreute Nachlässigkeiten zur Pflege des überkommenen Rufs als schmutzige Hinterhof-Band.
Daneben aber etliche nahezu in Studioqualität gespielte Passagen, vor allem in den schnelleren Stücken: Wie schaffen es die älteren Herren Jagger, Richards und Co., die sich als unverwüstliche Rockgiganten feiern lassen, auf einer 13 Monate langen Tour bei jedem Konzert so präzise wie Maschinen zu spielen?
Fraglich ist auch, warum es sich das Unternehmen Rolling Stones überhaupt leisten soll, Risiken einzugehen auf einer Tournee, die insgesamt etwa 500 Millionen Dollar umgesetzt haben soll. Zur Zeit der ersten Auftritte in Deutschland im Juni in Köln und Hannover waren die für August geplanten Zusatzkonzerte noch längst nicht ausverkauft. Jedes hymnische Kritikerlob half da, den Ticketabsatz anzukurbeln.
Und schließlich: Weshalb sollten sich die Stones, die bei ihrer »Voodoo Lounge« einen Riesenaufwand an optischen Effekten und Spielereien betrieben, nicht auch beim Sound jener Hilfsmittel bedienen, die in der Branche mittlerweile üblich sind?
Tatsächlich ist das Ausmaß der Tricksereien mit Playback-Stimmen, eingespielten Instrumentenparts und computergesteuerten Hintergrundsounds bei Live-Konzerten gewaltig. So brachte ein Bericht des US-Musikmagazins Rolling Stone schon vor einiger Zeit Verblüffendes ans Licht: Amerikanische Musiker und Tontechniker gaben an, daß bei fast allen Live-Konzerten teilweise »künstliche« Sounds angewandt werden. Mehr als ein Viertel dessen, was das Publikum bei Konzerten höre, sei vorgefertigt.
Das gelte, so das Magazin, nicht nur für Bands wie die New Kids On The Block oder Künstler wie Madonna, Michael und Janet Jackson, die bei ihren stark auf optische Wirkung angelegten Shows wegen anstrengender Tanzeinlagen kaum umhinkommen, ihren japsenden Stimmen per Playback mehr oder überhaupt Volumen zu verschaffen. Auch Hardrockbands würden immer öfter zu den elektronischen Klangaufbesserern greifen.
Live-Konzerte sind zu bis ins letzte durcharrangierten Shows geworden, die mit jener Perfektion konkurrieren wollen, welche Fernsehsender wie MTV zum Standard erhoben haben. Zumindest der jüngeren Konsumenten-Generation, die ihre musikalischen Erfahrungen hauptsächlich über den TV-Bildschirm durch Videoclips gemacht hat, braucht man mit dem Authentizitätsgehabe vergangener Rockepochen gar nicht erst zu kommen.
»Wer einmal Schlagsahne bekommen hat, der mag kein trockenes Brot mehr«, schildert Ole Seelenmeyer, Vorsitzender des Deutschen Rockmusikerverbands, die Entwicklung in seiner Branche. »Das Publikum will belogen werden.« Und, so fügt der enttäuschte Klangpurist hinzu, »es ist eine dicke, gemeine Lüge«.
Daß diese Schwindelei kaum jemandem im Publikum auffällt, ist dem Einsatz von Computertechnik zu verdanken. Aus den früher wegen ihrer mangelnden Synchron-Qualität zum Live-Geschehen oft auffallenden Playbacks sind zuverlässige und sehr flexible Sound-Ersatzmaschinen geworden, die als eine Art zweite Besetzung fungieren.
So könnte ein Schlagzeuger wie Charlie Watts innerhalb eines Stückes problemlos ein paar imponierende Wirbel spielen, ohne Angst zu haben, aus dem Takt zu kommen - den hält sein exaktes Grundplayback.
Ein Sänger wie Jagger könnte noch Sekunden vor dem Songanfang entscheiden, ob er das Lied vollkommen live, mit Playback-Unterstützung oder gar nicht singen möchte. Und auf ein kleines Handzeichen des Gitarristen kann der Mann am Mischpult seinen Künstler auf der Bühne vor anstrengender Handarbeit bewahren - das Solo vom Band sitzt immer genau.
Schon seit einiger Zeit sind Konzertkarten vieler Größen des Rockgeschäfts nicht mehr mit dem Aufdruck »live« versehen - Folge öffentlicher Empörung darüber, daß die Pop-Diva Madonna auf ihren Konzerten offensichtlich Playback anwandte. Auch die Rolling Stones unterließen auf ihren Tickets für die »Voodoo Lounge«-Konzerte jeden Hinweis auf Live-Musik.
Vor allem eingefleischte Stones-Anhänger hatten die Tour ohnehin als Enttäuschung erlebt. »Da standen nicht die Stones auf der Bühne, sondern Showmarionetten«, seufzte ein Fan nach der Show in Hannover. »Das war ein Konzert, von dem sich der Sinn verabschiedet hat.«
Als sich der SPIEGEL beim deutschen Veranstalter der »Voodoo Lounge«-Tour, der Hamburger Agentur German Tours, nach dem Live-Gehalt der Rolling-Stones-Auftritte erkundigte, lautete die Antwort: »100 Prozent«. Mit dem Playback-Verdacht konfrontiert, beschränkte sich die »Rolling Stones Production« in New York auf die Auskunft, bei den Stones-Konzerten werde »absolut nicht« mit Playback-Material gearbeitet. Auch der Mitveranstalter der deutschen »Voodoo Lounge«-Konzerte, Hermjo Klein, gab nur einen kurzen Kommentar ab: »Ich glaube, da war alles live. Aber ich bin kein Techniker.«
Bald können sich die Fans ihr eigenes Urteil über die »Voodoo Lounge«-Konzerte bilden. Im Herbst erscheint die neue Rolling-Stones-CD: ein Live-Mitschnitt der Welttournee.
[Grafiktext]
Rolling Stones: Konzertmitschnitte Köln u. Schüttorf
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