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Jede Woche einen Brief

Der Historiker Martin Gilbert erklärt seiner Tante auf anrührende Art das Judentum
Von Joachim Kronsbein
aus DER SPIEGEL 41/2003

Mit 21, im Jahr 1958, machte sich der junge britische Jude Martin Gilbert auf, um nach Indien zu trampen. Unterwegs wurde er schwer krank und klopfte in Neu-Delhi bei der Familie eines indischen Studienfreundes an. Die Dame des Hauses, Fori mit Namen, war eine vornehme Erscheinung, anscheinend tief geprägt von der indischen Kultur und Religiosität. Fori, die Gilbert bald Tante nennen durfte, pflegte ihren Gast mit Reis und Joghurt gesund und wurde für den Briten eine Mutter ehrenhalber, zu der er nie den Kontakt verlor.

Im Laufe der Jahrzehnte - Gilbert war längst ein bedeutender Historiker in Oxford geworden, dessen Bücher weltweite Anerkennung finden - gestand ihm seine indische Tante Fori, dass sie ursprünglich aus Ungarn stamme, jüdische Wurzeln habe, aber nahezu nichts über die Religion und Traditionen ihrer Väter wisse.

Gilbert versprach ihr, sein Wissen mit ihr zu teilen und jede Woche einen Brief zu

schreiben, um so der inzwischen hochbetagten Frau vom Erbe des Judentums zu erzählen. 140 Episteln kamen zusammen, sie reichen vom Anbeginn der Welt bis heute.

Denn Gilbert geht chronologisch-biblisch vor. Für ihn beginnt das Judentum mit der Tora, den fünf Büchern Mose, an deren Wahrheitsgehalt er keinen Zweifel hat. Von der Schöpfung ("Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde") über Adam und Chawah (Eva) bis zum Auszug der Kinder Israel aus Ägypten zeichnet er klar und verständlich die überlieferte Historie der Juden nach und springt wie selbstverständlich aus der Tora in die neuzeitliche Geschichtsschreibung.

Jesus und das frühe Christentum werden in nur einem Brief abgehandelt, genauso wie Mohammed oder Luther. Gilberts Zeitreise reicht bis zur Gründung des Staates Israel auf dem Gebiet, in das Moses sein Volk in biblischer Zeit einst führte. In der jüngeren Gegenwart, mit dem jüdisch-arabischen Dauerkonflikt, geht der historische Schnellkurs für die ferne Tante zu Ende. Als Nachtrag gibt es noch einen Exkurs über die wichtigsten jüdischen Feiertage und andere religiöse Traditionen.

So kompakt, verständlich und gleichwohl gelehrt wie von Gilbert wird die 5000 Jahre alte Geschichte der jüdischen Kultur nicht so schnell noch einmal dargestellt werden können. Tante Fori im fernen Indien sei Dank. JOACHIM KRONSBEIN

Anatol Regnier

Du auf deinem höchsten Dach - Tilly Wedekind und ihre Töchter

Albrecht Knaus Verlag, München; 448 Seiten; 22,90 Euro

Jody Rosen

White Christmas. Ein Song erobert die Welt

Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert Weiß. Blessing Verlag, München; 220 Seiten; 18 Euro

Martin Gilbert

Liebe Tante Fori

Rowohlt Verlag, Reinbek;

528 Seiten; 24,90 Euro

* Gemälde von Marc Chagall (1976).

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