Arno Frank

Jeff Bezos' Weltraumplan Das große Trara gehört zum Geschäftsmodell

Arno Frank
Ein Wutausbruch von Arno Frank
Amazon-Gründer Jeff Bezos leistet sich mit einem Teil seines Milliardenvermögens einen Flug ins All. Mit dem Wagemut und Irrsinn der Pioniere hat diese Raumfahrt wenig zu tun.
Jeff Bezos mit Rakete: Sittengemälde in obszöner Pracht

Jeff Bezos mit Rakete: Sittengemälde in obszöner Pracht

Foto: BLUE ORIGIN HANDOUT / EPA

Wenn tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten in den Himmelsraum vordringen, noch dazu um die Wette, dann ist das nur begrenzt bekrittelbar. Ihr Erfolg ist den Erfolgreichen zu gönnen. Umso mehr, wenn sie ihr Geld ganz öffentlich, zum globalen Gaudium, ausgeben und damit, wie nebenbei, die Menschheit in Gänze um einen Schritt weiterbringen.

Leider ist beides gelogen. Sie fliegen nicht mit »ihrem« Geld. Und sie werfen die Menschheit zurück.

Vergessen wir Richard Branson, den vergleichsweise armen Schlucker, der das Wettrennen neulich zwar für sich entscheiden konnte . Er wirkte bei seinem Raumflug wie ein aufgeregter Rentner, der beim Blick aus dem Fenster einer Concorde maximal Erwartbares stammelt: »Der Ausblick ist atemberaubend!«.

Wenn an diesem Dienstag aber Jeff Bezos sich ins All schießt, zur Bewunderung einer bewunderungswilligen Öffentlichkeit, sollte man für eine Sekunde innehalten und das sich bietende Sittengemälde in seiner ganzen obszönen Pracht in den Blick nehmen.

Während also erstmals ganze Städte aus klimatischen Gründen unbewohnbar sind, eine Hitzeglocke große Teile von Nordamerika einäschert, anderswo Wolkenbrüche ganze Landschaften absaufen lassen, während Leute sich umbringen, weil sie sich kein überteuertes Insulin leisten können und Menschen selbst in wohlhabenden Staaten auch mit drei Jobs nicht über die Runden kommen, während eine Mehrheit an allen möglichen Fronten also ums nackte Überleben kämpft, verlässt eine elitäre Minderheit kurzerhand – wenn auch nur kurzfristig – den Planeten.

Als stünde er in der Schlange vorm Mount Everest

Jeff Bezos träumt davon, ganze Industrien in gigantische Strukturen auszulagern, die ihren Müll und ihren Mehrwert dereinst im erdnahen Orbit produzieren werden. Sein Konkurrent Elon Musk legt schon jetzt einen Satellitenkranz für weltweites Internet auch in entlegenen Gebieten. Sein Fernziel sind nicht Kolonien auf dem Mond, sondern eine Besiedlung des Mars. Um die Erde kümmert er sich vorgeblich bereits hienieden, mit elektrischen Fahrzeugen, Rohrpost zur Personenbeförderung und avancierter Fotovoltaik.

Schon als sie noch nationale Kraftanstrengung war, ist die Raumfahrt zuletzt nur noch unterwältigende Routine gewesen. Wirklich aufregend an der Internationalen Raumstation ist vor allem, dass sie international ist.

Ein Richard Branson in der Umlaufbahn aber ist Pionier nur insofern, als er die finanziellen Mittel zur Verwirklichung seines Traums aufbringen kann. Pionier war Gagarin, Branson ist nur Tourist – der sich zu seinem Vorbild verhält wie einer der Millionäre, die täglich unterhalb des Gipfels des Mount Everest in der Schlange stehen, zu Edmund Hillary und Tenzing Norgay.

Mit vergangenen Wettläufen an Grenzen – der erste Flug über den Atlantik, die erste Fahne am Südpol, der erste Mensch auf dem Mond – hat das gegenwärtige Spektakel nichts mehr zu tun. Die Tugenden und auch der Irrsinn, den es früher brauchte, von der Abenteuerlust über die Risikobereitschaft, das Visionäre und die Ruhmsucht, all das ist heute eingefaltet in ein Ideal von Unternehmertum, wie es Bezos oder Musk repräsentieren. Auch der Rekord ist kommodifiziert. Es gewinnt, wer es sich leisten kann.

Wer sich das leisten kann, könnte auch seine Mitarbeiter vernünftig bezahlen – und sich dann die Mondfahrt trotzdem noch leisten. Wer privat himmlische Ambitionen hegt und diese auch umzusetzen in der Lage ist, der könnte nebenbei eine ganze Reihe irdischer Probleme mit einem Fingerschnippen zum Verschwinden bringen. Und tut es nicht.

Mit China hat der Kapitalismus bereits seinen Wirt gewechselt. Unter diktatorischen Verhältnissen gedeiht er wesentlich rasanter als in den »westlichen Demokratien«, an die er so lange gekoppelt war. Im Westen wiederum greift das Kapital versuchsweise bereits in Bereiche aus, wo – auf Asteroiden oder fernen Planeten – Ressourcen angeblich so unbegrenzt sind wie die Räume selbst.

»Grand Theft Capitalism« durchgespielt

Im Grunde müsste Jeff Bezos spätestens nach hoffentlich erfolgreicher Landung sofort von der Steuerbehörde festgenommen werden. Marxistische Miesepeter könnten hinzufügen, dass spätestens jetzt der Beweis erbracht sei, dass es Milliardäre schlechterdings gar nicht geben dürfte.

Maximalsteuer statt Mindeststeuer, so eine Idee, und die Erde wäre ein besserer Ort. Wer, sagen wir, zehn Millionen Dollar besitzt (von den 200 Milliarden eines Jeff Bezos ganz zu schweigen), der hätte sozusagen das »Grand Theft Capitalism« durchgespielt und gewonnen, der bekäme eine Medaille und dürfte nach Hause gehen. Alles, was über eine bestimmte Summe hinaus erwirtschaftet würde, fiele der Gemeinschaft zu.

Aber das wäre wieder naive Krittelei von Neidern und anderen Faulenzern. Nüchterne Ökonomen erklären geduldig, dass nicht nur die Raumfahrt, sogar neuerdings auch der Traum von der Raumfahrt bereits privatisiert ist. Der Quatsch mit dem Kosmos, abseits von verlogenem Menschheitsgeklingel, ist natürlich ein Geschäftsmodell.

Es sind auch öffentliche Gelder, also Steuermittel, mit denen ein Elon Musk seine Raketen für die klamme US-Weltraumbehörde baut, mit denen ein Jeff Bezos avancierte Rüstungsprojekte in Angriff nimmt. Es ist öffentliche Aufmerksamkeit, die als Schmiermittel für diesen Coup dient. Und sollte die Sache wirklich irgendwann rentabel werden, dann gewiss nicht für die Allgemeinheit.

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Dies wäre das Gemälde, mit schlechter Laune betrachtet. Reichtum ist so absurd ungleich verteilt, dass ein paar wenige Clowns mit großem Trara in den Kosmos aufbrechen können. Während das Gros auf einem Planeten verharren muss, der in ökonomischer und ökologischer Hinsicht apokalyptischen Verhältnissen entgegentrudelt – und aufgefordert ist, dem obszönen Spektakel auch noch zu applaudieren, mit dem sein Geld buchstäblich verbrannt wird.