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»Jetzt schreite ich aber ein«

Die in den USA erfolgreiche Ausstellung »Entartete Kunst« kommt nun nach Berlin - eine Teilrekonstruktion jener Pranger-Schau, mit der die Nazis 1937 die Moderne diffamierten. So endete damals ein heftiges Tauziehen innerhalb der NSDAP: Manche Funktionäre hätten gern den Expressionismus zur Staatskunst gemacht.
aus DER SPIEGEL 10/1992

Die Materialfülle war überwältigend, die Ausstellungsdidaktik auf der Höhe der Zeit. Dicht an dicht hingen Bilder neben- und übereinander, Skulpturen standen davor, große Wandinschriften erklärten dem Betrachter, wie er diese Werke gefälligst anzusehen hatte - als »freche Verhöhnung des Gotterlebens« beispielsweise oder als »Offenbarung der jüdischen Rassenseele«.

»Wahnsinn wird Methode«, so giftete ein Text, ein anderer prangerte an: »Solche Meister unterrichteten bis heute deutsche Jugend.« Und dabei war noch zu bedenken: »Sie hatten vier Jahre Zeit.« Nach vier Jahren Nazi-Herrschaft verkündeten Handlanger des Regimes 1937 in München ein barbarisches Kunst-Urteil.

Während im neuen »Haus der Deutschen Kunst«, in feierlicher Öde, sich glatte Akte spreizten und altbackene Bauernbilder die heimische Scholle zum Dampfen brachten, wurde im nahen Hofgartengebäude die Moderne als »entartet« diffamiert. Expressionismus, Abstraktion und Dada waren bei freiem Eintritt dem Gespött eines riesigen Publikums (angeblich zwei Millionen Besucher in vier Monaten) anempfohlen.

Der Skandal bleibt unvergeßlich. Er treibt der damals mißliebigen Kunst noch immer Interessenten zu. Fast 500 000 Leute kamen letztes Jahr zu drei amerikanischen Stationen der im Los Angeles County Museum gestarteten Ausstellung »Degenerate Art«, einer Teilrekonstruktion, die das historische Thema erstmals für die USA aufbereitet hat. Kuratorin Stephanie Barron hatte von über 600 Werken, die 1937 in München zu sehen waren, etwa 200 aufgespürt und davon drei Viertel ausleihen können.

In ungefähr gleichem Umfang bei teils ausgetauschtem Material kommt die Erfolgsschau nun abschließend nach Deutschland: Von Mittwoch an wird »Entartete Kunst« im Berliner Alten Museum gezeigt - eine streckenweise großartige Bilder- und Skulpturenlese, ergänzt durch eine Art Puppenstubenmodell des Münchner Horrorkabinetts von 1937 sowie durch Text- und Filmdokumente in Vitrinen und auf Monitoren**. Gerade im Land der epochalen Schande wirkt deren aufwendige Wiederholung allerdings auch zwiespältig.

Anders als für amerikanisches Publikum ist der Nazi-Bildersturm deutschen Ausstellungsbesuchern und Lesern keine Neuigkeit mehr. Eine minutiöse Raumfür-Raum-Rekonstruktion der »Entarteten Kunst« liegt schwarz auf weiß seit 1987, in einem Münchner Katalogbuch, vor.

Die Nazi-Schau aber tatsächlich authentisch nachzubauen scheitert schon daran, daß die Mehrzahl der Originale zerstört oder verschollen ** Bis 31. Mai. Katalog im _(Hirmer Verlag; 424 Seiten; 48 ) _((Buchhandelsausgabe 98) Mark. * Zweite ) _(Station der Ausstellung 1938 in Berlin. ) ist; geblieben ist der Restbestand einer 1937 hastig getroffenen Auswahl, die schon bald gründlich verändert wurde, als nämlich die Ausstellung von München nach Berlin weiterging. Buchstäbliche Rekonstruktion käme ohnehin nicht in Frage, weil mit der Hängung und Beschriftung von damals zugleich die Denunziation der Kunst wiederholt würde. Statt dessen mildert der US-Architekt Frank O. Gehry den Rückblick durch würdiges Schau-Design.

Ungeachtet prinzipieller Vorbehalte: Sehenswert und ein willkommener Anlaß zu historischer Reflexion ist die Ausstellung allemal. Nicht nur unausrottbare Ressentiments gegen die jeweils neue Kunst machen sie latent aktuell. Wer Hintergrund und Vorgeschichte _(* Bei der Auswahl von Skulpturen im ) _("Haus der Deutschen Kunst« in München, ) _(1937. ) der Bilder-Razzia näher betrachtet, findet handelnde Personen auch in Konflikte verstrickt, wie sie ähnlich aus jüngerer (DDR-)Geschichte geläufig sind.

Zumindest in den frühen Jahren des Dritten Reichs schien es etlichen Kunstfreunden, darunter eingeschworenen Nazis, aussichtsreich, im Bannkreis der Macht hinhaltend zu taktieren und zu lavieren. Sie hofften, so für ihre Sache - die moderne Kunst oder einzelne ihrer Richtungen und Vertreter - eine Nische zu sichern. Hatte doch der mächtige Propagandaminister Joseph Goebbels, 1937 einer der schlimmsten Hetzer, drei Jahre zuvor verkündet: »Wir Nationalsozialisten fühlen uns als die Träger fortgeschrittenster Modernität, nicht nur im Politischen und Sozialen, sondern auch im Künstlerischen.«

Bei kunstpolitischen »Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NS-Führungsspitze« (Ausstellungskatalog) trat der skrupellose Goebbels als Gegenspieler von Alfred Rosenberg, Chef des bornierten »Kampfbunds für Deutsche Kultur«, hervor. Zeitweilig gelang dem Propagandaminister sogar eine »institutionelle Verankerung der ,Moderne'' in der NSDAP« - so der Gymnasiallehrer Hans Terhechte im westfälischen Vreden, der als Spezialforscher mit manchen noch nicht gewürdigten Details zum Thema aufwarten kann.

Entgegen weitverbreiteter Lehrmeinung, nach der die Gleichschaltung schon um 1934 perfekt gewesen wäre, dauerte die Kontroverse bis zur Aktion »Entartete Kunst«.

Die war der Triumph von Adolf Hitlers Haß auf »krankhafte Auswüchse« wie »Kubismus und Dadaismus«, den der abgewiesene Akademiebewerber schon 1925 hegte. Goebbels hingegen bewunderte Ernst Barlachs »Berserker«-Skulptur und schrieb (1924) in sein Tagebuch: »Das ist der Sinn des Expressionismus. Die Knappheit zur grandiosen Darstellung gesteigert.«

Um eine zeitgemäße »Fortsetzung des Expressionismus« ging es dann 1934 Nachwuchskräften wie dem Maler Otto Andreas Schreiber in Berlin, der sich darauf berufen konnte, »der Staat« habe »den Künstlern durch den Reichsminister Goebbels die größtmögliche Freiheit innerhalb der Staatsgesetze zugestanden«. Wie schön.

Goebbels selber wagte sich in Kunstfragen selten weit vor, dafür gab es Leute wie Schreiber. Der bewies von Fall zu Fall erhebliche Zivilcourage und schickte beispielsweise noch 1943 Farben an den verfemten Emil Nolde, genoß aber auch - sogar über 1937 hinaus - Rückhalt im Machtbereich des Propagandaministers. Opposition gegen das Regime und seine Ideologie stand nicht zur Debatte. So sah Schreiber auf politischem Terrain dieselbe »Weltanschauung« siegen, die auch »täglich« auf des Malers »Leinwand zum Durchbruch gelangte«. Expressionismus als Nazi-Staatskunst?

Schreiber, Funktionär des NS-Studentenbundes und Assistent an der Berlin-Schöneberger Kunstschule, hatte schon im Februar 1933 einen SA-Sturm auf dieses laut Pressemitteilung seiner Organisation »kommunistisch durchsetzte« Institut angezettelt. »In spontaner Erregung« wurden dabei »als Juden bekannte« Professoren »auf die Straße« befördert und Kunstschüler, die sich »provokatorisch zur Wehr« setzten, »gewaltsam zurechtgewiesen«. Noch im Frühjahr verloren die attackierten Professoren ihre Ämter.

Andererseits trat Schreiber Ende Juni 1933 in der Berliner Universität mit Bundes-Genossen für die »Freiheit« als »Lebenselement der Kunst« auf und gegen »Dogmenbildung durch unschöpferische Menschen«. Kulturpolitiker Rosenberg, der ein »regelrechtes Tauziehen« mit der von Goebbels dirigierten Reichskulturkammer austrug, schmähte Schreiber in Anspielung auf einen erfolglosen Hitler-Rivalen als »kulturellen Otto Strasser«.

Der Studentenbund organisierte dann eine Galerieausstellung mit Alt-Expressionisten wie Nolde und Schmidt-Rottluff sowie Adepten wie Schreiber und seinem Freund Hans Weidemann. Sie wurde, nazitypischer Kompetenzenwirrwarr, nach drei Tagen geschlossen, dank Intervention des Goebbels-Staatssekretärs aber wieder geöffnet, nun freilich ohne Hinweis auf den Veranstalter.

So ging das hin und her: Schreiber mußte den Studentenbund verlassen, konnte aber das Blatt Kunst der Nation redigieren und dort den Expressionismus preisen. Nachdem er auch diesen Posten geräumt hatte und 1935 die Publikation überhaupt verboten worden war, fand Schreiber ein neues Sprachrohr in der Kunstkammer, dem Organ der entsprechenden Reichsbehörde. Und er kam als Leiter der Kunstabteilung im Kulturamt der NS-Organisation »Kraft durch Freude« (KdF) unter, das wiederum gemäß einer Absprache mit Goebbels »von der Reichskulturkammer mit dem Geist nationalsozialistischen Kulturlebens erfüllt« wurde.

Der Geist Hitlers und Rosenbergs war das nicht unbedingt, Kammer-Geschäftsführer Franz Moraller rühmte 1935 die spezielle »Großzügigkeit« der Nazi-Kulturpolitik - freilich mit dem drohenden Zusatz, Kompromisse »in der Judenfrage oder anderen entscheidenden Problemen« würden nicht toleriert. Künstler, die der Kammer angehören wollten (was allein zu öffentlichen Auftritten berechtigte), mußten solche Konditionen zumindest stillschweigend schlucken.

»Nichtarier sind ausgeschlossen«, das galt auch für sogenannte Fabrikausstellungen; rund 4000 davon brachte Schreiber nach eigener Zählung bis 1942 für das KdF-Kulturamt zustande. Sie basierten auf einem jeweils regional ergänzten Grundstock mit Grafik respektabler Künstler (auch Expressionist Schmidt-Rottluff war wieder dabei) und wurden in Betrieben für die Belegschaft gezeigt. Der Name, so Schreiber rückblickend 1977, sollte »nicht von vornherein deutlich machen, daß es sich um Kunstausstellungen handelte«.

Die Fabrikausstellungen deswegen unter der Überschrift »Innere Emigration« abzuhandeln, wie der Kunsthistoriker Werner Haftmann ("Verfemte Kunst") das tut, geht aber ein bißchen weit. Auch sie waren eine - keineswegs versteckte - Facette des widersprüchlichen Systems.

Der Hauptstrang der Entwicklung lief verhängnisvoll auf die Ausstellung »Entartete Kunst« zu. Wann immer Hitler sich zum Thema vernehmen ließ, prügelte er auf die Moderne ein. Nachträglich mutet es naiv an, daß Goebbels meinte, sich diesem Verdikt entziehen zu können - wohl in Erwartung einer neuartig-überwältigenden »Fortsetzung des Expressionismus«.

Daß Rosenberg ihm »freche Briefe« schrieb, konnte der Propagandaminister aushalten. Aber 1937 wurde die Sache für ihn brenzlig. Im Frühjahr erschien ein Buch des Göttinger Malers Wolfgang Willrich, das die »Säuberung des Kunsttempels« zum Titel und zum Ziel hatte. Es stänkerte auch gegen »hochgestellte Persönlichkeiten«.

Als Willrich dann ein Schau-Arrangement plante, das die Kunst vor und nach dem Nazi-Machtantritt glorreich gegenüberstellen sollte, bekam der Tempelreiniger den Bescheid, Goebbels und der Erziehungsminister Bernhard Rust wünschten nicht, »daß die Streitfragen wieder aufgerollt würden«. Empört petzte er das einem Vertrauten des SS-Chefs Himmler: Wenn »die genannten Herren« das wirklich gesagt hätten, dann handelten sie ja »gegen den ausgesprochenen Willen des Führers«. Eine »richterliche Untersuchung« sei »unbedingt erforderlich«.

Goebbels muß zumindest geahnt haben, daß ihm Gefahr drohte. Viele Werke, die für die staatsoffizielle Leistungsschau im »Haus der Deutschen Kunst« eingereicht wurden, erschienen dem Tagebuchschreiber nun, am 5. Juni, als »trostlose Beispiele von Kunstbolschewismus«. Jäh faßte er den Entschluß »Jetzt schreite ich aber ein« und wollte plötzlich »eine Ausstellung der Kunst der Verfallszeit veranstalten«.

Ein Wendehals-Manöver im letzten Augenblick. Denn schon für den Tag darauf hatte Goebbels eine Verabredung mit Hitler, um mit ihm gemeinsam die Münchner Vorauswahl zu mustern. Es kam, wie es kommen mußte ("Der Führer tobt vor Wut"), und der lernfähige Minister nahm sich flugs die peinliche »Lektüre Willrich« vor. Ohne Zögern ließ er jede Sympathie für den Expressionismus fahren und schickte, mit Führervollmacht vom 30. Juni, eine Kommission, zu der auch Willrich gehörte, auf Raubzug durch deutsche Museen; weitere Razzien folgten. Einen Tag nach der Premiere im »Haus der Deutschen Kunst« konnte am 19. Juli die »Entartete Kunst« eröffnet werden.

Die Beschimpfung ergoß sich über Gerechte und Ungerechte, Linke und Konservative. Daß ein Kunstwerk in dieser Schmäh-Ausstellung gezeigt wurde, sagt wenig über die Haltung seines Autors zum Dritten Reich, zumal sich in den Museen Anstößiges fast nur aus der Zeit vor 1933 gefunden hatte.

Der Weltkriegsgefallene Franz Marc war vertreten und der Jude Otto Freundlich, der dann im KZ umkam, der Kommunist Hans Grundig und - mit nicht weniger als 30 Werken - der Nationalist Emil Nolde, der 1933 sogar in Rosenbergs »Kampfbund« eingetreten wäre, hätte der ihn nur genommen. Und als Denkzettel für Eingeweihte war da auch ein Holzschnitt von Otto Andreas Schreiber zu finden.

** Bis 31. Mai. Katalog im Hirmer Verlag; 424 Seiten; 48(Buchhandelsausgabe 98) Mark. * Zweite Station der Ausstellung 1938in Berlin.* Bei der Auswahl von Skulpturen im »Haus der Deutschen Kunst« inMünchen, 1937.

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