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FILM Jimmy in Thatcherland

Die internationale Kritik feiert die Wiedergeburt des britischen Films, dem vor allem der TV-Kommerz-Kanal »Channel 4« auf die Beine half. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Für William Shakespeare, den großen elisabethanischen Possenreißer, hat der englische Action-Regisseur Peter Yates ("Bullit") zur Theater-Schmiere gefunden.

In seiner auf der diesjährigen Berlinale bejubelten Tragikomödie »The Dresser - Ein ungleiches Paar« tingelt der 47jährige Schauspieler Albert Finney als alternder Star-Komödiant dröhnend durch die britische Provinz. Er läßt sich nur hoheitsvoll mit »Sir« anreden und führt die Dramen von Shakespeare als Bollwerk gegen die Barbarei auf.

Man schreibt das Jahr 1940, einige Monate nach der Schlacht um Dünkirchen. Während »Sir« mit seiner Truppe von sabbernden, lispelnden, hinkenden Darstellern nach den Vorstellungen zum Applaus bittet, beben die Wände auch vom Bombenregen wider, den die Deutschen auf Englands Städte und Theater prasseln lassen.

Draußen geht die Welt unter, doch im Shakespeare-Spieler »Sir« leben die großen Rollen fort, die der Mann aus Stratford solchen Mimen auf den Leib geschrieben hat: Othello, Macbeth und König Lear.

Nur mit der Texttreue hapert es seit kurzem. »Was spielen wir heute?«, muß er immer Norman (Tom Courtenay), sein ergebenes schwules Faktotum, fragen. »Lear«, antwortet Norman dann dem bereits schwarz auf Othello geschminkten Herrn. »Wie fängt es an?« »Sir« wird das Stück heute abend zum 227. Mal spielen.

Norman ist als Garderobier (Dresser) und Mädchen für alles, vor allem aber als Verehrer eingestellt. Die Zumutungen des monströsen Mannes schluckt Norman immer mit einem kräftigen Zug aus dem Flachmann herunter.

Für seine Darstellung des lauten Komödianten, müden Melancholikers und Despoten erhielt Albert Finney dieses Jahr in Berlin einen »Silbernen Bären«. Sein Gegenspieler Tom Courtenay bekam vor kurzem in Los Angeles den »Golden Globe«-Preis. Beide sind für den diesjährigen Schauspieler-»Oscar« nominiert, »Dresser«-Regisseur Peter Yates zudem für den Regie-»Oscar«. Seine Theater-Verfilmung, well done, doch old-fashioned, steht auf der »Oscar«-Anwärterliste für den »besten Film«.

Nach einem Dutzend trüber Jahre, in denen die britischen Studios vor allem der Fertigung von Hollywood-Produkten dienten, von James Bond bis zum »Krieg der Sterne«, hat der britische Film neuen Glanz gewonnen: durch spezifisch britische Themen. Die Oscar-Preisträger »Die Stunde des Siegers« und »Gandhi« schafften den Durchbruch.

Erstaunt nahm die »New York Times« im letzten Herbst die Erfolgswelle wahr: »Tatsache ist, daß drei der besten und unterhaltsamsten Filme in New Yorker Erstaufführungstheatern aus Großbritannien kommen.«

»Local Hero« (Regie: Bill Forsyth) war darunter und »Betrayal« von David Jones (Regie) nach einem Theaterstück von Harold Pinter. »Local Hero« haben inzwischen in Deutschland 240 000 Zuschauer gesehen; »Betrayal - Betrug« ist dieser Tage in bundesdeutsche Kinos gekommen.

»Local Hero« zählt das Londoner Szene-Magazin »Time Out« bereits zu den wichtigsten britischen Filmen der letzten zwanzig Jahre. Der beginnt und endet zwar in Houston, Texas, doch die meiste Zeit verbringt sein Held in einem schottischen Kaff namens Ferness. Dort soll er im Auftrag seines amerikanischen Unternehmens den Ureinwohnern den gesamten Landstrich abkaufen, auf daß an Schottlands romantischer Küste endlich eine Öl-Raffinerie entstehen kann.

Mit »Local Hero« habe sich Regisseur Bill Forsyth, 35, als führendes Talent des im Moment so viel beredeten britischen Filmwunders erwiesen, befand »Time Out«. Vor allem sein Humor, sein Detailsinn und die herzhafte sentimentale Musik von Mark Knopfler ("Dire Straits") klingen _(Patricia Hodge mit Jeremy Irons (l.) und ) _(Ben Kingsley. )

aus diesem Werk in der Erinnerung länger nach.

Forsyths Talent, so begründet sein Produzent David Puttnam diesen Erfolg, liege darin, daß er den Geschichten ihren Lauf läßt. Wie wahr, denn auch »Local Hero« ist im Grunde ein Stückchen altbacken-liebevolles Erzählkino.

Produzent Puttnam selbst zählt zur jungen Generation unabhängiger britischer Filmemacher. 1981 setzte er sich mit dem Kassenknüller »Die Stunde des Siegers« durch.

Bereits seit fünf Jahren tummelt sich ein Prominenter im britischen Filmgeschäft: Ex-Beatle George Harrison. Seine Firma Handmade Films hat bisher sieben Spielfilme produziert - vor allem die hintersinnigen Monty-Python-Burlesken.

Harrisons Handmade Films, Puttnams »Sieger«-Hit und »Gandhi«, ein Produkt der Firma Goldcrest, haben die englische Filmwirtschaft aus ihrem Tiefschlaf gerissen. Ein weiterer im Bunde dieser Erweckungsbewegung ist »Channel 4«, Großbritanniens Fernsehkanal für anspruchsvolle Minderheiten.

Vor eineinhalb Jahren wurde »Channel 4« von der Dachorganisation des kommerziellen britischen Fernsehens IBA (Independent Broadcasting Authority) gegründet und wird von den Programmgesellschaften der ITV (Independent Television) finanziell gesichert. Damit soll bewiesen werden, daß kommerzielles Fernsehen nicht unbedingt minderwertiges Fernsehen sein muß.

»Channel 4« ist gesetzlich auf die Unterstützung neuer Filmformen festgelegt. Die geplanten Sendungen werden zum Teil bei ITV-eigenen Firmen, zum Teil bei unabhängigen Produzenten in Auftrag gegeben. Im ersten Kanal-Jahr wurden 20 Spielfilme gedreht.

So sei in Großbritannien ein neuer Filmtypus entstanden, der zwischen Kunst-Kino und Fernsehspiel manövriere, schrieb die »Frankfurter Rundschau«, vergleichbar dem bundesdeutschen Autorenfilm. Und die jungen, meist fernseherfahrenen Engländer mit ihren in Dramaturgie, Dialog und Darstellerführung ausgefeilten Filmen heimsten nicht nur auf internationalen Festivals Preise ein, sondern fanden auch Zuspruch von Kritik und Publikum.

Ästhetisch orientieren sich diese neuen englischen Filme in der Tat eher am elitären Minderheiten-Fernsehspiel als am dröhnenden Großkino. Im Mittelpunkt steht zumeist Englands jüngere, gebildete und wirtschaftlich unabhängige Schicht - eine Upper class der Aufsteiger.

Aus ihrer Jugend schöpfen sie ihre Unbekümmertheit, ihre Erziehung verleiht ihnen lässige Überheblichkeit. Wirtschaftliches Auskommen prägt ihren toleranten Lebensstil. Leidenschaften sind wohltemperiert, Exzesse verpönt. Mit der Liebe wird man überlegen fertig. Sex, so scheint es, ist wieder ein verschwiegenes Vergnügen. Auf der Leinwand jedenfalls bleibt es, neue Prüderie, ausgespart.

Zwar führt Jimmy Penfields Weg zu den Rätseln von Suez noch ins Bett der Mama seiner Freundin Susan, doch dort läßt Regisseur Richard Eyre in seinem ersten Spielfilm »The Ploughman''s Lunch« gleich keusch abblenden. Im

übrigen erzählt Eyre unverblümt sarkastisch vom politischen Leben im heutigen England. »The Ploughman''s Lunch« ist die Geschichte des BBC-Reporters Penfield, eines menschlichen Chamäleons. Für seinen Verleger ist er ein Anti-Sozialist, der zugunsten der Tories die Geschichte der Suez-Krise umschreiben will; für Susans Mutter, eine Sozialisten-Heroine, ist er Parteimitglied; vor seinen Freunden muß er seine kleinbürgerliche Herkunft verleugnen.

Jimmy ist ein Ehrgeizling in Thatcherland. Dabei darf er es sich mit keiner der Gruppen verderben, die auch auf der Insel das Sagen haben: Proporz, die deutsche Krankheit, hat England infiziert.

Englisch an diesem Film ist auch das Gericht, das ihm den Titel gab: Ploughman''s Lunch, eine Art Bauernfrühstück aus Brot, Käse und Mixed Pickles. So rustikal der Name dieses Mahles auch klingen mag, erfunden wurde es erst neuerdings von Marktstrategen, um die Engländer zum Snack im Pub zu bewegen.

So ist »The Ploughman''s Lunch«, dieser Plastik-Bauernteller für Stadtmenschen, eine Metapher für die Lüge. Und gelogen werde in diesem Film wie selten auf der Leinwand, schrieb der Kritiker der »Neuen Zürcher Zeitung«. Der Drehbuchautor Ian McEwan meint, die politische Unehrlichkeit sei die Ursache der persönlichen Unehrlichkeit.

Auch in »Betrayal - Betrug«, dem Debütspielfilm von David Jones nach dem Theaterstück von Harold Pinter, müssen drei Personen mit der Lüge leben. Delikat betreiben sie ihren täglichen Betrug.

Jerry hat seit sieben Jahren ein Verhältnis mit Emma, der Frau seines besten Freundes Robert. Jeder fühlt sich von jedem durch diese Beziehung hintergangen. Betrug, so lautet Pinter/Jones'' Erkenntnis, nicht Ehebruch, ist die Unmoral unserer Zeit.

Am Anfang trifft Emma Jerry in einem Pub. Zwei Jahre liegen zwischen heute und dem Ende ihrer Affäre - eine peinvolle Begegnung. Hohle Gesten füllen leere Worte, Pinters Dialoge werden meisterhaft von Jones'' Schauspielern auf die Leinwand gebracht: In ihren Gesichtern kann man lesen wie in einem Buch. Wie »Ploughman''s Lunch« ist auch »Betrayal - Betrug« eine sarkastische Parabel auf englische Klassenverhältnisse.

In dieses geschlossene System der Klassen stakst eines Tages Rita mit ihrem breiten Liverpool-Akzent. Rita ist Friseuse und möchte an der Universität verpaßte Bildung nachholen.

Da trifft sie auf den vertrottelten, versoffenen Englisch-Professor Bryant. Michael Caine spielt den in »Educating Rita« (Regie: Lewis Gilbert) mit solch muffigem Charme, daß er dafür unlängst einen »Golden Globe« erhielt. Caine und die Rita-Darstellerin Julie Walters sind beide auch für »Oscars« nominiert.

Rita also, eine Art Eliza Doolittle der achtziger Jahre, nötigt ihrem Professor Higgins/Bryant zuerst spöttischen Respekt, dann immer mehr Wohlwollen ab. Doch am Ende, als Rita in diesem Zwei-Personen-Spiel den Wettlauf um die Meriten britischer Bildung gewonnen hat, bleibt ein skeptischer Erzieher zurück. Auch der zarte Kuß der Friseuse, der einzige in dieser Komödie, die voll von pädagogischem Eros, doch ganz ohne Sex ist, kann wenig Bewegung ins starre englische Klassensystem bringen.

Anders erging es dem 36jährigen Autor Willy Russell: In Abendkursen hat er sich vom Liverpooler Friseur zum bejubelten Dramatiker und Drehbuchautor von »Educating Rita« hochgeackert - eine Aufsteigergeschichte wie aus dem neuen englischen Kino. _(Mit Julie Walters, Michael Caine. )

Patricia Hodge mit Jeremy Irons (l.) und Ben Kingsley.Mit Julie Walters, Michael Caine.

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