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Jochens Welt

Popkritik: Das erste Soloalbum des ehemaligen Blumfeld-Sängers Jochen Distelmeyer
aus DER SPIEGEL 39/2009

Es ist wahrscheinlich eine gute Frage in diesem Krisenjahr. »Wohin mit dem Hass?« heißt das spektakulärste Stück von »Heavy«, Distelmeyers neuem Album. Der Song ist sein Versuch, die widerstreitenden Gefühle zu beschreiben, die gegenwärtig viele Menschen beschäftigen. Der Videoclip beginnt mit einem Molotowcocktail, der erst angezündet wird und dann an einer Betonwand zerschellt. Danach springen ein paar dunkelgekleidete Jungs Pogo tanzend in einem Parkhaus herum. Distelmeyer tanzt nicht mit. Im weißen Anzug steht er einfach nur da.

Die Liebe zur Mehrdeutigkeit teilten alle Bands der sogenannten Hamburger Schule, deren bekannteste Blumfeld war, Distelmeyers Ex-Band. Er ist dabei geblieben. Für das Cover von »Heavy« lässt er sich, immerhin auch schon 42 Jahre alt, vor einem mintfarbenen Hintergrund fotografieren, passend zu den grünen Augen und der rosa Kaugummiblase, die er aufpustet, während er geradeaus und voller Selbstvertrauen in die Kamera blickt. Die obersten Knöpfe seines Hemds sind geöffnet. Was will er mit diesem Bild sagen? Bubblegum-Pop? Die Blase platzt gleich? Und wohin überhaupt mit dem Hass?

Zwei Jahre ist es her, dass Jochen Distelmeyer Blumfeld aufgelöst hat, nach 17 Jahren und sechs Alben. Blumfeld war die wichtigste deutsche Band ihrer Zeit. Nicht weil sie überwältigend erfolgreich gewesen wäre, sondern weil sie so einflussreich ist. Bis heute.

Blumfeld führte ein neues Idiom in den deutschsprachigen Pop ein. Politisch, aber ohne Betroffenheitspathos; studentisch, aber cool; verschrammelt, aber mit Mut zur großen Geste. Daran orientieren sich seitdem sehr viele Bands. Erst, weil sie so klingen wollten wie Blumfeld. Inzwischen, weil sie das auf keinen Fall mehr möchten. Aber auch das ist Einfluss.

Distelmeyer war die bestimmende Figur bei Blumfeld, insofern überrascht es kaum, dass er mit »Heavy« da weitermacht, wo er mit Band aufgehört hat. Ob die Gründe für das Ende der Band persönlicher, professioneller oder pekuniärer Natur gewesen sein mögen - musikalische können es nicht gewesen sein. Vom betongrauen Gitarrenflirren bis zur polierten Popnummer waren alle Stilelemente des Soloalbums schon einmal da. Auch thematisch bilden die zehn Stücke eine Themenschau des bisherigen Schaffens von Distelmeyer. Liebesgeschichten, kritische Nachfragen zur ökonomischen Verwertung von Kreativität. Die Liebe zur Anspielung ist immer noch groß. Jede Zeile ein Treffer: Von Nena ("Ich würd gern zu dir rübergehen") über George Michael ("Und Gott ist nur ein Kind") zu Buddha ("Alles ist, wie es ist").

Warum also der ganze Zauber? Wofür diese Platte? Weil kein deutscher Popstar mit ähnlicher Konsequenz sagt: Ich bin meine Welt. Über sie zu singen heißt, mich selbst zu befragen. Deswegen muss Jochen Distelmeyer weiter singen. Die Welt hat sich weiter gedreht. Diesmal reicht sie von der Finanzkrise zum Glück des Familienvaterdaseins.

Auf den ersten Blick scheint das grandiose »Wohin mit dem Hass?« ein politisches Statement zu sein. Hört man genauer hin, artikuliert es die umfassende Ratlosigkeit in diesem verrückten Krisenjahr 2009. Erst wird die größte Wirtschaftskrise seit der Depression ausgerufen, soziale Unruhen werden an die Wand gemalt, und schließlich passiert - nichts.

»Kennst du die Reichen und Mächtigen? / Lass ihre Wagen brennen«, singt Distelmeyer. Das klingt wie ein Aufruf, ist aber ein Gefühl. Er spürt der Faszination des Auto-Anzündens nach und entdeckt den autoritären Impuls, der mit dem Wunsch nach Gewalt einhergeht. Bei den anderen, nicht bei sich: Die Menschen »hassen still vor sich hin / So lange bis ihnen jemand sagt / Wohin mit dem Hass?«. Bis hierhin ist das vorhersehbar entlang linker Konventionen erzählt: Irgendwie kann man Gewalt verstehen, aber nicht, wenn sie von den Falschen kommt.

Doch Distelmeyer dreht den Song und richtet den Scheinwerfer auf sich: »Also gebt mir euren Hass und seht mir zu / wie ich ihn für euch verwandle.« Kunst rettet Welt? Nur für den Augenblick. »Wenn ich fertig bin, lass ich euch in Ruh / Alleine mit eurem Hass.« Gesungen mit dieser immer noch jungenhaften Stimme über einem dunklen Gitarrenstrom.

Ganz anders: »Murmel«, ein Stück über die Welt als Kinderglaskugel. Ein Ich-sitze-am-Fenster-Song, ein Format, das Distelmeyer bespielen kann wie kein Zweiter. Mit einer Reihe von Namen geht es los. »Jens und Hanna gehen heut ins Kino, Eva hat'n Job in Berlin«, Facebook-Eintragungen, der Blick auf den Bildschirm, gleichzeitig Ablenkung von der Arbeit und soziales Networking. Kinder toben im Hof, der Blick geht zum Fenster, Wolken ziehen vorüber, Distelmeyer träumt von »dir« und singt: »Ich bin am Ziel.« Wer kann das schon von sich sagen?

Das ist »Heavy«.

So kann Distelmeyer noch viele Jahre weitermachen. Regelmäßig neue Funkbotschaften aus seiner Dichterwerkstatt absetzen und sie live präsentieren. Er ist ein begnadeter Songwriter und Darsteller seiner selbst, das weiß er auch, und mit dieser Gabe arbeitet er nun allein, ohne seine Bandkollegen. TOBIAS RAPP

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