»Joko & Klaas gegen ProSieben« zum Krieg in der Ukraine Und dann wird der schrödingersche Gefühlskarton zum besten, wichtigen Fernsehen

In den 15 Minuten, die sie von ihrem Haussender ProSieben gewonnen haben, schalten die Entertainer Joko und Klaas in den Proberaum einer ukrainischen Folkband – und holen Charkiw, Krieg und Heldenmut ins Wohnzimmer.
Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf auf ProSieben: Die eigentliche Bühne steht heute in der heftig umkämpften Stadt Charkiw

Joko Winterscheidt (l.) und Klaas Heufer-Umlauf auf ProSieben: Die eigentliche Bühne steht heute in der heftig umkämpften Stadt Charkiw

Foto: - / dpa

Das nächste Lied, kündigt der Sänger im schranzigen, finsteren Studio an, müsse seine Band leider mit Drumcomputer-Begleitung spielen – es gebe da, sagt er mit leicht spöttisch verzogenem Mund, ein kleines Problem mit dem Schlagzeuger. Klar, kennt man aus der Muppet Show und von Spinal Tap. Aber im vorliegenden Fall ist das »kleine Problem« ein bitterst ironischer Euphemismus von Sänger Alexander: Der Drummer der ukrainischen Band Selo i Ludy musste mit seiner Frau vor dem russischen Angriffskrieg fliehen. Und die verbliebenen Bandmitglieder stehen gerade auch nicht in einem gewöhnlichen, abgerockten Studio, sondern in einem Bunker unter der gerade brutal attackierten Stadt Charkiw.

»Wir hoffen, dass er zurückkommt, wenn der Krieg zu Ende ist«, sagt der Sänger, dann kündigt er »ein bekanntes deutsches Lied« an. Die Band spielt eine scheppernde Folkloreversion von Rammsteins »Du hast«, und die Zeilen »Willst du bis der Tod euch scheidet / Treu ihr sein für alle Tage?« klingen wie ein trauriger Gruß an den geflohenen Musikerfreund.

Krachender Blödsinn oder zu Tränen rührende Ernsthaftigkeit

All das ist am Mittwochabend zur Primetime bei ProSieben zu sehen, in den am Vorabend gewonnenen 15 Minuten frei verfügbarer Sendezeit, die Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in der Show »Joko & Klaas gegen ProSieben« regelmäßig ihrem Arbeitgeber abtrotzen können. Längst hat sich dieses Kleinformat als schrödingerscher Katzenkarton etabliert, der bis zu seinem Beginn um 20.15 Uhr potenziell alles sein kann: Krachender Blödsinn ist an diesem Ort ebenso möglich – und wahrscheinlich – wie zu Tränen rührende Ernsthaftigkeit und alles dazwischen.

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Weswegen an diesem Mittwoch ebenfalls alles denkbar schien, eine seit Wochen einstudierte gemischte Nagetierdressur ebenso wie 15 Minuten freie, hergeschenkte Redezeit für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Man hatte als geschultes Joko-und-Klaas-Publikum allerdings eine recht bestimmte Ahnung, in welche Richtung es zu dieser Zeit stimmungsmäßig nur gehen konnte.

Für Quatsch sei irgendwann mal wieder Platz, erklärten die beiden Gastgeber dann auch, in einem dunklen Studio stehend. Heute befinde sich ihre eigentliche Bühne in der heftig umkämpften Stadt Charkiw, weil Heufer-Umlauf und Winterscheidt einigen jener Menschen Platz geben wollten, »die tagtäglich das erleben müssen, was wir hier nur aus Schlagzeilen kennen – und die uns ihre Perspektive darauf schildern können«.

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»Einfach machen, was man kann. Darum geht es. So werden wir auch gewinnen.«

Und so erzählt Alexander, der Sänger der Folklore-Pop-Band Selo i Ludy, in einer aus Sicherheitsgründen zuvor aufgezeichneten Schalte, dass die Band den »ziemlich sicheren Keller«, in dem sie gerade nicht nur spielen, sondern auch leben, schon vor langer Zeit mit einem wahrscheinlichen Krieg im Kopf als Studio ausgewählt hätten: »Uns war klar, worauf diese Situation hinauslaufen würde«. Nun bietet der Keller neben den Bandmitgliedern auch Geflohenen aus dem Donbass Schutz, tagsüber lauschen sie zusammen den Sirenen und dem Luftalarm, immer wieder spielen sie auch Konzerte. »Es fällt leichter, einfach weiterzumachen«, sagt Alexander, die Hilflosigkeit zu ignorieren: »Einfach machen, was man kann, und das so gut wie möglich. Darum geht es. So werden wir auch gewinnen.«

Dann spielt die Band eine ungewohnt aufsässige, plötzlich textlich tatsächlich tiefe Version von Bon Jovis »It's My Life«. Wenn man vor einigen Wochen in einem glücklichen Moment in den Livestream des Solidaritätskonzerts »Sound of Peace« in Berlin klickte, kennt man sie schon: Heufer-Umlauf hatte zu diesem Anlass kurz live zu der Band im Bunker geschaltet, und beim Zuschauen war man da noch etwas enttäuscht gewesen, wegen des knappen Slots nicht mehr über Selo i Ludy zu erfahren.

Jetzt, in den immerhin 15 Minuten, schwenkt die Kamera kurz über das improvisierte, unterirdische Zuhause, bleibt an der Kinder-Holzbahn hängen, die auf einer störrisch aufgewellten Yogamatte aufgebaut ist. »Yeah, this is for the ones who stood their ground«, singt Alex, es passt schon wieder zu gut. Die Zeile »Tomorrow's getting harder, make no mistake« leider auch.

Die Band kommt nach Deutschland

Zwischen den Liedern teilt Alexander seine Gedanken. Was ihm die größte Hoffnung mache, sei das Gefühl, dass die menschliche Zivilisation stabil sei, nicht so leicht zerstörbar. »Wir werden unser Bestes geben, um zu überleben. Und unser Bestes, hier die Grenzen der zivilisierten Welt zu beschützen«, sagt er, und dann verspricht er, dass die Band nach Deutschland kommen werde, um ihre Musik dort live zu spielen, nach dem Krieg: »Bitte erwartet das. Wir tun unser Bestes.«

Zum Abschluss spielen sie »Space Oddity« von David Bowie. »Take your protein pills and put your helmets on«, singt Alexander, und davon, dass er hier in einer Konservendose sitze und es nichts gebe, das er tun könne. Das fühlt sich gleichzeitig sehr fern und sehr nah an, echt und gleichzeitig surreal – ein schrödingerscher Gefühlskarton und bestes, wichtiges Fernsehen.