Sibylle Berg

Kritik am Journalismus Im Hyperloop der Erregung

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Ja, es gibt noch guten Journalismus, wichtige Recherchen, kluge Stücke. Aber es gibt auch: den hundertsten Text zu Winnetou. Da versteht man die Müdigkeit der Leser oder Zuschauerinnen.
Journalismus heute: Liebe Medienmitarbeitende, enteignet Zeitungen!

Journalismus heute: Liebe Medienmitarbeitende, enteignet Zeitungen!

Viele TV-Events sind ja kurz nach der Ausstrahlung schon wieder vergessen. Die Explosionskatastrophe in Beirut 2020, die Wasserverschwendung durch die Industrie, die Rettung des Steuersparfuchses Lufthansa , die Affenpocken, die Vogelgrippe und die Panik vor Händen, die – ohne Körper daran – an Heizreglern drehen.

Was zeigt uns dieser Bandwurmsatz? Nicht nur das Elend der Welt, sondern, richtig, auch das Elend des Journalismus.

Und nun kommen wir zum faktensicheren Inhalt meines Textes heute, denn Fakten sind das neue Gold.

Aus wirtschaftlichem Elend, Angst oder Angstlust setzen die früher als Qualitätsmedien bezeichneten Zeitungen und Nachrichtensender zunehmend auf die Krise als Chance.

Hinter den Überschriften und Aufmachern scheint die Annahme der Medienerzeugerinnen zu stehen, dass die durch exzessiven Internetgebrauch und das Leben beschädigten Gehirne der KonsumentInnen nichts Festes mehr bei sich behalten können.

Da hilft es wenig, dass 3sat und Arte im Spätprogramm die wundervollsten Dokumentationen und Berichte  zeigen. Auch die sorgfältig recherchierten Tech-Texte der »Süddeutschen«, die wohltuend langen Berichte in der deutschen Ausgabe der »Le Monde Diplomatique« und tausend andere tolle Beispiele gehen im Aufmerksamkeitskampf der Knalligkeit unter. Stattdessen: der hundertste Text zu Winnetou, zu Identität ja oder nein, zu Canceln (aber wie macht man es richtig?). Wenn dann noch die lokale Presse in den Ring steigt und meint, sie müsse statt dem, was die Menschen schon immer interessiert hat – die Orte, an denen sie leben, die lokale Politik und Kultur – panisch aufbereiten, was tags zuvor schon durch das Netz mit Liveberichten verhandelt wurde, dann versteht man die Müdigkeit der Leser oder Zuschauerinnen.

Soziale Medien zu nutzen, scheint für viele JournalistInnen zu bedeuten, den Hyperloop der Erregung zu bedienen, statt, was die einzige Sinnhaftigkeit des Gebrauchs wäre, auf neue Texte und Sendungen hinzuweisen.

Die dann leider hinter einer Paywall verborgen sind.

Ich verstehe die Idee, aber das System Bezahlschranke verleitet die User meiner Meinung nach dazu, sich garantiert nicht zehn Zeitungsabos zuzulegen, sondern ein bisschen zu suchen, was es so umsonst gibt, auf YouTube, TikTok, bei Meta und Heise (im guten Fall).

Die unabhängige, für eine Demokratie unabdingbare Presse ist abhängig von den Besitzenden der Medienkonzerne. Nach den sinnvollen kapitalistischen Grundregeln ist es eben unabdingbar, dass Unternehmen und Gewinn wachsen müssen. Und es ist eine leicht zu beobachtende Entwicklung, dass Redaktionen personell ausgedünnt, Recherchebudgets gnadenlos gekürzt werden. Dass in vielen Zeitungen der Kulturteil immer dünner gerät und die Vielfalt der Themen zugunsten der Eurozentristik schwindet. Panik und der Druck, mit dem Netz zu konkurrieren, haben bei einigen Medien Kollateralschäden hinterlassen. Aber: Immer noch gibt es ein breites Angebot unterschiedlicher Medien. Großartige JournalistInnen, RechercheurInnen, Texte, Enthüllungen.

Damit das so bleibt, wäre hier mein faktenbasierter Plan für MedienmitarbeiterInnen in Unternehmen, die unter ständigem Erfolgsdruck arbeiten müssen:

Liebe Medienmitarbeitende, enteignet Zeitungen, Zeitschriftenkonzerne. Verabschiedet Aktionäre und Vorstände, Chefetagen in einen ausgedehnten Winterurlaub, schafft das System ab, baut ein Neues auf, bildet Genossenschaften. Die Bevölkerungen brauchen und lieben gute Zeitungen und Informationen, die in Ruhe entstanden sind, und wenn nun die Frage entsteht, wer das bezahlen soll, sage ich: Druckt Geld im Keller, so wie es die Notenbanken tun.

Und für die ZuschauerInnen gilt: Wenn sie merken, dass ein wichtiges Thema den Einschaltquoten oder Klicks geopfert wird, könnten sie einfach – ausschalten. Und etwas lesen. Zum Beispiel das großartige Buch von Musa Okwonga »Es ging immer nur um Liebe«. Das macht bessere Laune. Und hält länger vor als kurzfristige Erregung.

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