Zur Ausgabe
Artikel 57 / 75

Peter Wapnewski über Joseph Roth: Werke in vier Bänden Jude auf Wanderschaft

Professor Peter Wapnewski, 54, lehrt deutsche Literatur an der Universität Karlsruhe.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Joseph Roth wurde am 2. September 1894 in Szwaby (Schwabendorf) bei Brody geboren.« Schon falsch. Was hier, zum Ende der neuen Ausgabe, die »Biographischen Daten« eröffnet, ist Partikel der fabelhaften Welt des Mythomanen Joseph Roth. Nicht in Szwaby, in Brody ist er geboren, einem galizisch-wolhynischen Städtchen der k. und k. Monarchie, es war zu 70 Prozent von Juden bewohnt.

So hat es David Bronsen herausgefunden, und wenn Roth sich das »winzige Nest« Schwabendorf hinzu erfand, dann um des »schwäbischen«, also deutschen Elements willen. Denn ein Jude, der (auch) Polnisch spricht, hatte es selbst in der von Toleranz gewissermaßen naturnotwendig mitgeprägten Ära der Donaumonarchie schwerer als einer, der nicht erst den Vornamen »Moses« abzulegen braucht.

Roth legte ihn ab seit seiner Wiener Studienzeit, aber Jude ist er geblieben mit entschiedener Konsequenz: indem er jüdisches Schicksal beschrieb. So in seinen Romanen »Hotel Savoy« (1924), »Zipper und sein Vater« (1928) und dem »Roman eines einfachen Mannes«, der den Titel trägt, der ein Name ist, und als Name wiederum doch ein Titel: »Hiob« (1930).

Jude mit entschiedener Konsequenz aber ist Roth auch geblieben in dem Titel seines Romanwerks, das sich zurückwandte nicht in die faktische Herkunft des jüdischen Schtetl und schützend-arme Enge, sondern in die ersehnte Geborgenheit einer scheinbar heilen Geschichte, eines von Würde und Macht, von Tradition und gegenwärtiger Vergangenheit geprägten Staatswesens. In die ersehnte Geborgenheit der Monarchie, der österreichischen, die in der Kapuzinergruft ruht.

Dieser so sehr konservativen Haltung, dieser von Fixierung und fremder Liebe zeugenden »Regression« (Claudio Magris) danken wir die epische Schilderung vom Untergang jenes gewaltig-absurden Staatswesens, mit dem das alte Europa unterging: in den Romanen »Radetzkymarsch« (1932) und »Die Kapuzinergruft« (1938) vor allem. Wenn es heute noch etwas gibt wie eine Vorstellung von der geschichtlichen Größe dieses im Herzen des alten Erdteils gelegenen Reichs, dann ist das nicht zuletzt den Dichtern zu danken, die aus diesem Land, aus den »Kronländern«, stammen.

Gleichviel, ob sie es zum Thema ihres Schreibens gemacht haben oder lediglich durch ihre Art, sich auszusagen, seine einstige Wirklichkeit bezeugen: Sie sind die weitergehenden Erben. Sie, allesamt bezeichnet vom Morbus Austriacus, jener Krankheit, die darin besteht, daß sie von Heilung nichts wissen will. Milde Resignation, bittere Ironie, Melancholie, die allem Dasein die festen Konturen nimmt, Spott und sarkastische Weisheit: In einem Österreicher ist zuviel Geschichte, als daß er nicht schwer von ihr, als daß er nicht müd sein wollte.

Die Dichter also: Rilke und Broch, Kafka und Musil, Hofmannsthal und Stefan Zweig, Lernet-Holenia und Karl Kraus, Friedrich Torberg und Thomas Bernhard, sie haben »das Salböl aus den Händen der toten alten Frau« weitergereicht, vielleicht »verschwendet«. Und inmitten ihrer vor allen Joseph Roth, der sich tausend Schicksale erfand, um sein armes Schicksal zu ertragen. Der ein Proteus war, ein Gaukler und Seiltänzer, eindeutig vor allem in seiner Widersprüchlichkeit, und der die reinste deutsche Prosa schrieb. Der sich in die selbstverliebte Mythologie seiner Person verstrickte, weil er, wofür er sich entworfen glaubte, in tausend Zungen verwirklichen mußte.

Denn das Leben blieb ihm die Verwirklichung schuldig. Insofern ist der zitierte biographische Eingangssatz zwar falsch, aber er stimmt. Wenn leben schon heißen soll, eine Rolle spielen -- dann doch die selbstgemachte Rolle. Ihr ist dieser versatile, scheinbar so schwer zu fassende, schwankendlaunische Mann treu geblieben bis zu seinem elenden Tod 1939 in Paris, Hôpital Necker, einem Armenkrankenhaus. Ein großer Dichter; er hat den Untergang einer Welt in einem einzigen Menschen darzustellen vermocht, in dem Leutnant Carl Joseph von Trotta, einem liebenswerten Manne ohne Eigenschaften, außer der, Werkzeug des Un-Glücks zu sein. Ernste und anmutige Hülle, die aus Versehen, gewissermaßen aus Gewohnheit, noch zusammenhält und die freundlich und wehmütig erinnert an die einst feste und kristalline Substanz. Trotta ist Österreich.

Roth ist es nicht minder, wenngleich nicht in derart schöner Eindeutigkeit. Doch geht auch mit diesem Trinker in Paris eine Welt dahin. Mit ihr ging die Erinnerung an den Dichter Joseph Roth. Ein Emigrant stirbt dauerhafter als einer, den man in seiner Heimat begräbt.

Seine Freunde, seine Freundinnen, die Kollegen in den Redaktionen und Verlagen, seine Saufkumpane -- verjagt, ermordet, gestorben; angekommen irgendwo auf ihrer »Flucht ohne Ende« (so der Titel eines seiner Romane, 1927, in dem schließlich der Held sich spurlos auflöst, am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, weil er so gänzlich überflüssig ist »wie sonst niemand in der Welt"). Er hinterließ in dem winzigen Zimmer des »Hôtel de la Poste«, das er zuletzt bewohnte, im Café parterre Stunde um Stunde sinnlos trinkend, sinnvoll schreibend -, er hinterließ kein Geld, aber Schulden, und keine Sachen außer beschriebenem Papier.

Dieser Nachlaß, dank Freunden und Zufall vor den deutschen Besatzern gerettet, kam schließlich nach New York und gehört heute dem Leo Baeck Institute. Darin unzählige Skizzen, Entwürfe, Zweitfassungen, Notizen; darin viele Gedichte; darin Briefe von ihm, an ihn. Und immer noch findet sich Gedrucktes aus dem weitverstreuten OEuvre, findet sich Ungedrucktes: Da hält es schwer, aus dem Werk nun »Werke« zu machen. Nach dem Krieg war Roth, sieht man ab vom Wissen weniger Kenner, vergessen. Daß ihm langsam und allmählich wieder die Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die seiner Bedeutung entspricht, ist vor allem der Treue des Freundes Hermann Kesten zu danken und seines alten Verlags Kiepenheuer. 1956 erschien eine dreibändige Ausgabe, ökonomisch gesehen ein Risiko, sie hat dafür gesorgt, daß ihr Autor wiederkehrte, und inzwischen ist sie vergriffen.

Die neue Ausgabe, auch sie besorgt von Kesten, enthält in vier Bänden 1500 Seiten mehr als die Vorgängerin. Insgesamt zähle ich 15 Romane, 17 Erzählungen, dazu Essays von ausladendem, auch von schmalerem Format, und Hunderte von kleinen Arbeiten, die man mit dem Verlegenheitstitel »Feuilleton« eher technisch als sachgerecht zusammenfaßt.

Ein großes Werk, in 20 Jahren zusammengeschrieben, eilig manches, nichts davon geschludert. Dazu kommen die Briefe (denn ein großer Korrespondent war er auch), der eine Band von 1970 wird bald durch einen zweiten ergänzt werden müssen-», Der Schriftsteller muß täglich mindestens einen Satz schreiben«, forderte Roth und schrieb deren täglich sehr viel mehr, aber gemeint ist vor allem die Not der handwerklichen Übung, ohne die der Schriftsteller eben nur ein Schreiber bleibt.

Neu im präzisen Sinne des Wortes, erstmals gedruckt also, liegen nunmehr rund 500 Stücke Kleinkunst vor, dem journalistischen Tage zugedacht und seine Spuren tragend. Sodann eine der letzten Arbeiten Roths, der große Essay »Clémenceau« aus dem Jahre 1939, in dem stockkonservative Liebe zur österreichischen Monarchie auch zugunsten Frankreichs ausschlägt, und, natürlich, gegen Deutschland, aber auch gegen die »Aufklärung« und was die »Moderne« in ihrem Namen anrichtet.

»Neu« schließlich und mich am meisten bewegend sind zwei Zeugnisse aus dem Jahre 1937. Es handelt sich um Vorrede und Nachwort zu einer geplanten Neuauflage des Essays »Juden auf Wanderschaft«, der erstmals 1927 gedruckt wurde. Zehn Jahre später bedarf dieser Bericht einer Ergänzung. Denn nun ist der blut- und tränenreichen Geschichte Israels hinzuzufügen, was Hitler und sein Volk diesem Volke zugefügt haben. Und das war erst der Anfang, 1937.

Die neue Ausgabe, anspruchsvoll und teuer, wie sie ist, kann, solange der Nachlaß nicht gänzlich ausgewertet würde, nur die Vorstufe einer großen Joseph-Roth-Ausgabe sein. Vorerst bleibt sie dem Leser, da sie spröde auf jede erklärende Anmerkung verzichtet, manche Hilfe schuldig. Um recht zu verstehen, was er da liest, muß er parallel Bronsens materialreiche Biographie nutzen, die mit Leidenschaft und Genauigkeit Spurensicherung betrieben und Positionslampen angebracht hat im Dickicht der Rothschen Existenz*.

Der Edition fehlt übrigens das den Überblick erleichternde Verzeichnis des Inhalts aller vier Bände (das alphabetische Titelregister ist ein Ersatz), statt dessen bringt es zwei Einleitungen, nämlich die von 1956 und die von 1976, dazu ein Nachwort: Essays von sich verselbständigendem Gewicht aus der Feder Hermann Kestens, geist- und kenntnisreich, denn er stand unter den Freunden Roth wohl am nächsten in dessen letzten zehn Lebensjahren; und so verhalten er sich selber dokumentiert, man versteht auch von ihm und seinem Werk mehr, wenn man sich durch ihn über Roth unterrichten läßt.

Übrigens werden die vier Dünndruck-Papier-Bände typographisch und drucktechnisch nicht dem strengen Maßstab gerecht, den ihr Inhalt und ihr Preis setzen. Indessen dürfen solche Anstände nicht vom Kauf der Ausgabe abschrecken. Wer sie besitzt, hat mit ihr eines der größten, eines der schönsten Prosawerke unseres Jahrhunderts, voller Traurigkeit, voller Weisheit, voller Schrecknis, weil voller Menschengeschichten und Menschengeschichte.

Auch versehen mit Trost? Die Frage, meine ich, ist erlaubt. Aber erlaubt ist zugleich, sich die Antwort schwer zu machen. Auch wenn man diese 4000 Seiten zu Ende gelesen hat, ist man mit ihnen nicht fertig.

* David Bronsen »Joseph Roth«. Kiepenheuer & Witsch; 726 Seiten; 58 Mark.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.