Philipp Peyman Engel

Jüdisches Leben im Alltag und im Museum Warum zur Hölle Deutschland?

Philipp Peyman Engel
Ein Gastbeitrag von Philipp Peyman Engel
Das Jüdische Museum Berlin eröffnet eine neue Dauerausstellung. Im Zentrum steht die Frage: Was heißt es, als Jude in Deutschland zu leben? Unser Autor sucht nach Antworten in seinem persönlichen Alltag.
Autor Philipp Peyman Engel: "Gibt es so etwas wie ein normales jüdisches Leben?"

Autor Philipp Peyman Engel: "Gibt es so etwas wie ein normales jüdisches Leben?"

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Marco Limberg

Am selben Morgen, als vergangene Woche Freitag in Berlin-Lichtenberg eine jüdische Kiezkneipe brennt, gehe ich, rund zehn Kilometer weiter süd-westlich, mit meiner fast zweijährigen Tochter im Stadtteil Grunewald durch die Sicherheitsschleuse des jüdischen Kindergartens.

Als ich meine Tochter nach ein paar Stunden abhole, dröhnen wie jeden Freitag aus den Zimmern der Kinder die Schabbat-Lieder. "Schalom Aleichem" singen die Kleinen. "Adon Olam". Und natürlich "Lecha Dodi". Lieder, die unsere Vorfahren schon vor Jahrhunderten gesungen haben. Es ist ein Stück gelebtes Judentum in Berlin.

Wenige Tage später steht Emil G. vor den schwarz verkohlten Trümmern seiner Kneipe und ringt mit den Worten. Die Anwohner des Lokals hatten zuerst nur den Qualm gerochen, dann, als sie aus den Fenstern schauten, die Flammen gesehen. Als die Feuerwehr eintraf, war es schon zu spät, um etwas von der Einrichtung zu retten. Das Lokal brannte komplett aus. Die Täter hinterließen am Tatort antisemitische Aufkleber.

Emil G., geboren in der Sowjetunion, seit vielen Jahren Berliner, ist Jude. In den vergangenen Jahren hatten Rechtsextreme bereits mehrfach seinen Laden gestürmt. Vor einigen Monaten drangen sie wieder in sein Lokal ein und skandierten Parolen wie "Saujude" und "Ab nach Israel mit dir".

Schon vor Jahren hat Emil G. seiner Kneipe einen Namen gegeben, der ein wenig sonderlich wirkt, wenn man nicht weiß, wie es sich anfühlt, ein jüdischer Kneipenwirt in Berlin-Lichtenberg zu sein. Die Kneipe heißt: Morgen wird besser.

Emil G. ist einer von 200.000 Juden in Deutschland. Bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen Deutschen sind das 0,25 Prozent. Zu dieser Nachkommastelle gehören meine Tochter und ich.

Das Jüdische Museum Berlin eröffnet an diesem Wochenende eine neue Dauerausstellung mit dem Titel: "Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland". Nach fast 20 Jahren wurde die Ausstellung komplett neu konzipiert - und will mehr denn je die Frage beantworten, was es heute, im Jahr 2020, bedeutet, als Jude in Deutschland zu leben.

Wenn jemand ein Problem mit uns hat, ist das nicht unser Problem

Während ich durch das verwinkelte Untergeschoss des Daniel-Libeskind-Zickzack-Baus in Kreuzberg laufe, entlang der "Achse des Exils" und vorbei an der "Achse der Kontinuität", hin zur düsteren Treppe, die direkt hinauf in die Dauerausstellung führt, stelle auch ich mir die Frage: Gibt es so etwas wie ein normales jüdisches Leben? Wie geht man als deutscher Jude mit der Vergangenheit um, die viel mehr von Brüchen geprägt ist, als es der vereinigend wirkende Bindestrich in dem viel zitierten Wort der "jüdisch-deutschen Geschichte" suggeriert? Kann man angesichts dieser ganzen Ambivalenzen überhaupt ein Leben führen, das irgendwer als "normal" bezeichnet?

Die Ausstellung unter der neuen Museumschefin Hetty Berg setzt bei der Beantwortung der Fragen überwiegend auf Beiträge aus der Popkultur, aus der Kunst, aus politischen Debatten. Der eindrucksvollen Ausstellung gelingt es, die Vielfalt des Judentums abzubilden, ohne dabei beliebig zu werden oder es jedem recht machen zu wollen. Vor allem aber, und das sollte eigentlich selbstverständlich sein, hat die neue Dauerausstellung keine problematische antiisraelische Schlagseite wie die "Jerusalem"-Ausstellung, die im vergangenen Jahr neben mehreren anderen politischen Fehlentscheidungen Auslöser der größten Krise des Hauses  wurde, an deren Ende der Museumschef Peter Schäfer gehen musste.

Was also bedeutet es, als Jude in Deutschland zu leben? Meine jüdischen Verwandten, die überall auf der Welt leben, in Israel, USA, Australien, fragen oft: Wie, zur Hölle, kann man als Jude nur in Deutschland leben? Warum ausgerechnet Berlin, wo die Katastrophe ihren Anfang nahm? Warum lebt ihr nicht bei uns? In Los Angeles, New York oder Raanana?

Meine verkürzte Antwort ist: Deutschland ist unsere Heimat. Hier wurden wir geboren. Wenn jemand ein Problem mit uns hat, ist das nicht unser Problem.

Die ungekürzte Antwort auf die Frage ist: In diesen Tagen begeht der Zentralrat der Juden in Deutschland seinen 70. Geburtstag. In den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung hatte der Zentralrat primär das Ziel, Jüdinnen und Juden in Deutschland bei ihrer Ausreise zu unterstützen. Die Losung war: Nur noch raus hier. Nichts wie weg. Der Holocaust war gerade mal ein paar Jahre her. Die moralische Schuld der Deutschen unvergleichlich groß.

Doch irgendwann wurde aus dem Provisorium Kontinuität. Spätestens Mitte der Siebzigerjahre wurden die viel zitierten gepackten Koffer langsam ausgepackt. "Wer baut, der will bleiben", sagte der Chef der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn, anlässlich des Gemeindeneubaus Mitte der Achtzigerjahre. "Die Koffer sind ausgepackt", sagte Charlotte Knobloch wenige Jahre später. Und noch nie war eine Bundesregierung bestrebter als heute, Judenhass konsequent zu bekämpfen. Dass es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik mit Felix Klein einen Antisemitismusbeauftragten gibt, der die Auseinandersetzung mit linken, rechten, querfrontlerischen, muslimischen, "israelkritischen" und Judenhassern anderer Couleur nicht scheut, ist ein Zeichen, auf das viele Juden gewartet haben.

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Wie das jüdische Leben im Jüdischen Museum dargestellt wird

Foto: Jüdisches Museum Berlin / Foto: Roman März

Aber die Wahrheit ist auch, dass Juden in Deutschland wieder damit begonnen haben, sich umzuschauen, wo ihre Koffer stehen. Seit einigen Jahren ist etwas ins Rutschen geraten. In dem Moment, in dem man in Deutschland als Jude erkennbar ist, kann es gefährlich werden:

Die Brandattacke auf die jüdische Kiezkneipe in Berlin-Lichtenberg oder der Angriff auf die jüdische Gemeinde von Halle sind nur die prominentesten Beispiele. Weniger bekannt ist, dass viele Rabbiner mittlerweile darauf verzichten, in der Öffentlichkeit Kippa zu tragen. Sie sind die ständigen verbalen und physischen Attacken leid. Jüdische Schüler werden von ihren Mitschülern gemobbt - zumeist von Muslimen. Veranstaltungen mit israelischer Beteiligung werden von der BDS-Bewegung unter dem Deckmantel der "Israelkritik" gestört und boykottiert. Politiker der Linken marschieren beim antisemitischen Al-Quds-Tag auf dem Berliner Kudamm mit und stören sich weder an Schlachtrufen wie "Juden ins Gas!" noch an "Kindermörder Israel!"

Derweil buhlt die AfD wie ein Stalker um die Gunst der Juden, während dieselbe Partei von "Vogelschiss", "Denkmal der Schande" und Beschneidungsverboten schwadroniert. Junge "Gürtelschläger", indoktriniert von dem staatlich kultivierten Hass auf Juden und den jüdischen Staat aus ihren arabischen Heimatländern, ziehen los, um Juden zu verprügeln.

Der Redakteur Ronen Steinke hat in seinem Buch "Terror gegen Juden" eine Übersicht aller antisemitischen Straftaten seit Gründung der Bundesrepublik aufgelistet. Es sind eng und sehr klein bedruckte 89 Seiten.

Während ich diesen Text schreibe, stelle ich mir die Frage: Wie kannst du nur in diesem Deutschland leben? Warum muss deine Tochter ausgerechnet hier aufwachsen? Warum bringe ich sie in einen Kindergarten, der von einem Dutzend Sicherheitskräfte bewacht werden muss?

Und zugleich freue ich mich schon darauf, während ich diesen Text schreibe, morgen früh die Tochter wieder in den jüdischen Kindergarten zu bringen, weil sie immer lacht, wenn sie dort durchs Tor läuft. Zugleich freue ich mich schon darauf, bald wieder mit den anderen unfassbar untalentierten Jungs des jüdischen Sportvereins Makkabi in Berlins unterster Liga Fußball zu spielen. Ich freue mich darauf, nächste Woche alle Filme des israelischen Filmfestivals Serets in Berlin zu sehen. Ich freue mich darauf, direkt danach übernächste Woche alle Filme des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg zu sehen. Ich freue mich schon darauf, bald wieder das sensationelle Sabich in dem etwas schmuddeligen Laden in Neukölln zu essen. Ich freue mich darauf, Mitte September mit der Familie Rosch Haschana zu feiern, das jüdische Neujahr. Ich freue mich darauf, spätestens an Jom Kippur, das erste Jom Kippur nach Halle, in der Synagoge Joachimstaler Straße endlich wieder meinen chronisch unzuverlässigen Kumpel zu treffen und das jüdische Fest der Versöhnung zu feiern.

Wie verdammt noch mal kann ich als Jude in Deutschland leben? Deutschland ist meine Heimat.

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